30.08.12

Merkel und Monti

Euro-Rettung: Italien verbittet sich Belehrungen

Ministerpräsident Monti verhehlt in Berlin nicht, dass es Differenzen mit Bundeskanzerin Merkel gibt. Deutschland soll nicht den Ton angeben.

Foto: dapd/DAPD
Bundeskanzlerin Merkel empfaengt italienischen Ministerpraesidenten
Bundeskanzlerin Merkel empfängt italienischen Ministerpräsidenten

Berlin. Zwei bemerkenswerte deutsch-italienische Begegnungen gab es gestern: Die erste fand in Berlin statt. Die zweite nur auf dem Papier. Bei der ersten trafen sich zwei Regierungschefs, die in jüngster Zeit heftig aneinandergerieten. Ministerpräsident Mario Monti besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei der zweiten deutsch-italienischen Begegnung trafen sich zwei Zentralbanker, die einander derzeit gar nicht grün sind: Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, verteidigte sich in einem vorab verbreiteten Artikel der "Zeit" kaum verhohlen gegen Vorwürfe, die der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, im "Spiegel" erhoben hatte.

Die ungleichen deutsch-italienischen Treffen zeigten vor allem eines: Südlich der Alpen sieht man nicht mehr ein, dass Deutschland bei der Euro-Rettung den Ton angibt. Draghi fordert die Bundesbank quasi auf ihrem ureigensten Terrain heraus. In seinem Meinungsbeitrag verbat er sich Belehrungen aus Frankfurt, dem Sitz der Bundesbank: "Die EZB wird alles Notwendige tun, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Sie wird unabhängig bleiben. Und sie wird immer im Rahmen ihres Mandates handeln." Daran hatte Weidmann gemeint, Draghi erinnern zu müssen. Der kontert nun: "Dies kann hin und wieder außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Diese, wenn nötig, zu ergreifen ist unser Verantwortung als Zentralbank für die Euro-Zone als Ganzes." Mit anderen Worten: Der Bundesbanker versteht das Mandat zu eng, und auf kleinliche deutsche Bedenken kann keine Rücksicht genommen werden. Schon in einer Woche wird die EZB auf einer Ratssitzung vielleicht auch über den Ankauf von Staatsanleihen von Ländern entscheiden, die sich unter den Rettungsschirm flüchten. Der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hatte Draghi deswegen als "Falschmünzer" bezeichnet - ihn befand der EZB-Chef in seinem Artikel keiner Antwort für würdig.

Im Vergleich dazu gingen die Regierungschefs freundlicher miteinander um. Die Bundeskanzlerin lobte die "weitreichende Konsolidierungs- und Reformagenda der italienischen Regierung" als "eindrucksvoll". Sie sei "persönlich überzeugt", dass diese Bemühungen "Früchte tragen" würden. Monti fiel in diesen Ton ein: "Italien hat große Erfolge erzielt, und die Märkte sind dabei, diese Erfolge auch anzuerkennen." Damit spielte Monti auf eine Auktion von italienischen Staatsanleihen an, bei der die Zinsen gesunken waren.

Den Wirtschaftsprofessor Monti hat es erst im Zuge der Euro-Krise und - wie manche meinen - nicht ohne Merkels Mithilfe in die politische Exekutive verschlagen. Er gibt sich schon länger demonstrativ zuversichtlich. Zu Hause hatte Monti sogar die optimistische Parole ausgegeben: "Das Ende der Krise ist in Sicht." Tatsächlich ist vor allem das Ende seiner Regierung in Sicht. Im nächsten Frühjahr wird in Italien gewählt, und es ist kaum zu erwarten, dass die rivalisierenden Parteien den ihnen vom Staatspräsidenten vorgesetzten neutralen Fachmann weiter dulden werden. Sogar eine Rückkehr Silvio Berlusconis schließen politische Beobachter nicht mehr aus - ein Szenario, das Merkel gar nicht gefallen dürfte. Denn während Berlusconi stets zu Reformen gezwungen werden musste, hat Monti mit einem Sparpaket, mehreren Steuererhöhungen, der Bekämpfung von Steuerflucht, Personalabbau im öffentlichen Dienst, Rentenkürzungen und Liberalisierungen in Handel und Transportwesen eine Liste abgearbeitet, die auch in Berlin beeindruckt.

Ein Vasall Deutschlands ist Monti dennoch nicht geworden. Im Gegenteil: Hatte der Italiener bei seinem Antrittsbesuch im Januar noch (vergeblich) um Zinserleichterungen gebeten, so hat er sich diese beim EU-Rat Ende Juni selbst erkämpft - gegen Merkel. Gemeinsam mit dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy und unterstützt vom französischen Präsidenten François Hollande hatte er dabei sogar die Führung der Kanzlerin in Europa herausgefordert. Sein Versprechen, das stolze Italien werde sich - anders als Griechenland - nie von den Technokraten der sogenannten Troika regieren lassen, wiederholte Monti vor seiner Berlin-Reise: "Ich will ganz sicher nicht, dass sich Italien nach den Anstrengungen und erreichten Ergebnissen irgendeiner aufdringlichen Bevormundung unterwerfen muss." Wie Draghi kritisierte auch Monti - ohne Namensnennung - den Bundesbankchef. Deutschland schösse ein "Eigentor", wenn es die EZB hindere, Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen.

Und selbst beim Besuch im Kanzleramt verhehlte er Differenzen nicht. So beantwortete Merkel die Frage nach einer Banklizenz für den europäischen Rettungsschirm ESM damit, die Verträge schlössen dergleichen aus. Monti bestätigte dies, fügte jedoch orakelnd hinzu, es gäbe Dinge, die könnten heute nicht gemacht werden, aber vielleicht morgen, wenn sich die Lage verändert habe. Dann wurde er deutlich: "Die Banklizenz für den ESM darf nicht dramatisiert werden." Notfalls will der Italiener also die Krise auch mit der Notenpresse bekämpfen - egal ob die Rechtslage dies hergibt oder nicht.

EZB: Die Europäische Zentralbank
EZB: Die Europäische Zentralbank
Die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt ist die Notenbank für die gemeinsame europäische Währung, den Euro.
Sie soll vor allem Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet der 17 Eurostaaten wahren.
Zudem soll sie auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird.
Um die Inflation im Zaum zu halten, legt die EZB Leitzinsen fest.
Über die Zinsen entscheidet der Zentralbankrat.
Ihm gehören neben den sechs Direktoriumsmitgliedern der EZB auch die Präsidenten der 17 nationalen Zentralbanken an.
EZB-Präsident ist seit November 2011 der Italiener Mario Draghi. (dpa)
Was die EZB darf und was nicht
Was die EZB darf und was nicht
Eigentlich ist der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) klar umrissen: Die Notenbank soll vor allem die Inflation im Zaum halten und gut 330 Millionen Bürgern in inzwischen 17 Eurostaaten eine stabile Gemeinschaftswährung sichern.
Das tut sie, indem sie Zinsen je nach Bedarf senkt oder erhöht. Doch in der Schuldenkrise in Europa sahen sich die Währungshüter zuletzt immer wieder zu Sondermaßnahmen gezwungen. Ob Aufkaufprogramm für Staatsanleihen kriselnder Euroländer oder Beteiligung am Schuldenschnitt für Athen durch die Hintertür: Die EZB sieht sich dabei innerhalb des ihr zugebilligten rechtlichen Rahmens.
Vorrangiges Ziel:
Die "Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank" hält fest: Das "vorrangige Ziel" des Eurosystems, also der EZB und der nationalen Zentralbanken der Eurostaaten, sei "die Preisstabilität zu gewährleisten". Zudem sollen die Zentralbanken "die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union" unterstützen, "soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist".
EZB-Rat:
Der EZB-Rat kann demnach "mit der Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen über die Anwendung anderer Instrumente der Geldpolitik entscheiden", die er bei Beachtung dieser Vorgaben "für zweckmäßig hält". Diesem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank gehören die 17 Vertreter der nationalen Euro-Notenbanken an sowie das EZB-Direktorium, das aus dem EZB-Präsidenten, dem EZB-Vizepräsidenten und vier weiteren Mitgliedern besteht.
Staatsfinanzierungsausschluss:
Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse erlauben die EU-Verträge nicht. Die "Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union" legt in Artikel 123 fest:
"Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (...) für (.......) Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder (........) öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken."
Unabhängigkeit:
Betont wird überdies die Unabhängigkeit der Zentralbank (Artikel 130): "Bei der Wahrnehmung der ihnen (...) übertragenen Befugnisse, Aufgaben und Pflichten darf weder die Europäische Zentralbank noch eine nationale Zentralbank (.....) Weisungen von Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, Regierungen der Mitgliedstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen.
Die Organe (....) der Union sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich, diesen Grundsatz zu beachten und nicht zu versuchen, die Mitglieder der Beschlussorgane der Europäischen Zentralbank oder der nationalen Zentralbanken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beeinflussen." (dpa)
Die drei Leitzinsen der EZB
Hauptrefinanzierungssatz: Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit im Rahmen der sogenannten Tenderauktionen bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und am Kapitalmarkt aus.
Spitzenrefinanzierungsfazilität: Teurer wird es für die Banken, wenn sie ganz kurzfristig Geld brauchen. Dafür bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.
Einlagefazilität: Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Die Verzinsung gibt der Einlagefazilitätssatz an. Spitzen- und Einlagefazilität sind Instrumente, mit denen die EZB weitere Feinsteuerung verwirklichen kann. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen.
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