29.08.12

Staatsbesuch

Treffen in Berlin: Differenzen zwischen Merkel und Monti

"War schön mit Ihnen", so beendet Merkel ihr Treffen mit Monti. Doch trotz aller Herzlichkeit bleiben Differenzen zwischen Berlin und Rom.

Foto: dapd
Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft Italiens Ministerpräsident Mario Monti in Berlin
Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft Italiens Ministerpräsident Mario Monti in Berlin

Berlin. Die finanzielle Schlagkraft des dauerhaften Euro-Rettungsschirms ESM bleibt zwischen Deutschland und Italien umstritten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erteilte Forderungen nach einer Banklizenz für den ESM am Mittwoch in Berlin eine Absage. Der italienische Ministerpräsident Mario Monti hält es dagegen für denkbar, dass sich der ESM bei der Europäischen Zentralbank (EZB) unbegrenzt Geld leiht und so den Druck der Märkte mindert.

EZB-Präsident Mario Draghi verteidigte den Kurs der Notenbank und wies Kritik vor allem aus Deutschland zurück. Gut eine Woche vor der mit Spannung erwarteten Ratssitzung der Notenbank stellte Europas oberster Währungshüter klar: "Die Europäische Zentralbank wird alles Notwendige tun, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Und sie wird immer im Rahmen ihres Mandats handeln." Draghi steht wegen seiner Ankündigung in der Kritik, Anleihen kriselnder Länder anzukaufen. Vor allem Bundesbank-Chef Jens Weidmann lehnt dies strikt ab.

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Merkel sagte nach dem Treffen mit Monti: "Es ist auch meine Überzeugung, dass eine Banklizenz für den ESM nicht mit den Verträgen vereinbar ist". Hier stimme sie mit Draghi überein. Mit Blick auf die hohen Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen sagte sie, es gebe gegenwärtig natürlich große Unterschiede zwischen Deutschland und Italien. Die jüngste Ausgabe italienischer Anleihen sei aber ein hoffnungsvolles Signal. Sie sei fest davon überzeugt, dass der Reformkurs unter der Regierung Monti ein wesentlicher Beitrag sei, dass sich die Zinssätze wieder nach unten bewegen.

Monti schließt eine Banklizenz für den ESM und Vertragsänderungen auf längere Sicht nicht aus. "Natürlich ist alles denkbar, jedes Thema. Auch die Banklizenz für den ESM darf nicht dramatisiert werden", sagte der italienische Regierungschef. Alles müsse längerfristig gesehen werden. Es zähle das Ziel: "Einige Dinge können heute nicht erreicht werden unter bestimmten Bedingungen, morgen unter anderen Bedingungen könnten sie erreicht werden."

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Das unter Wachstumsschwäche, hohen Schulden und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit leidende Italien steht trotz eines scharfen Reformprogramms weiter unter dem Druck der Märkte. Vor dem Treffen mit Merkel hatte Monti vor den Folgen gewarnt, die sich aus den Zins-Unterschieden ergeben. Werde ein Eingreifen der EZB verhindert, könnte sich dies "vor allem aus deutscher Sicht als Eigentor mit paradoxen Folgen erweisen", sagte er der Zeitung "Il Sole 24 Ore".

Merkel sprach von einer beeindruckenden Konsolidierung und Reformagenda der italienischen Regierung. Monti zeigte sich zuversichtlich:. "Die Märkte sind dabei, diese Erfolge anzuerkennen." Industrie-Präsident Hans-Peter Keitel forderte Italien auf, seine Erfolge offensiv zu vermarkten, anstatt nach Hilfestellung zu rufen. "Die italienischen Zinsen liegen aktuell im Schnitt unter dem Niveau zu Lira-Zeiten", sagte er der dpa.

Draghi betonte in der Wochenzeitung "Die Zeit", dass die EZB auf die Störung an den Finanzmärkten reagieren müsse: "Wenn an den Kapitalmärkten Angst und Irrationalität vorherrschen, wenn sich der gemeinsame Finanzmarkt wieder entlang der Ländergrenzen aufspaltet, dann erreicht das geldpolitische Signal der EZB nicht alle Bürger der Euro-Zone gleichermaßen." Deshalb müsse die Notenbank eingreifen, um Preisstabilität zu gewährleisten: "Dies kann hin und wieder außergewöhnliche Maßnahmen erfordern."

Die EZB hatte Anfang August in Aussicht gestellt, weitere Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen, dies aber an feste Bedingungen geknüpft. Bevor Länder wie Italien Unterstützung erhalten können, sollen sie demnach einen Hilfsantrag beim Rettungsschirm stellen und sich an feste Spar- und Reformauflagen halten. Monti hatte zuletzt gefordert, diese Bedingungen nicht zu streng zu fassen.

Am 6. September kommt die EZB zu ihrer Ratssitzung zusammen, auf der über den Ankauf von Staatsanleihen beraten werden dürfte. Merkel und Monti haben nach eigenen Angaben nicht über einen möglichen Hilfsantrag Roms beim Euro-Rettungsschirm gesprochen. "Die Bundeskanzlerin vertraut vollkommen darauf, dass die italienische Regierung alle Entscheidungen, die Italien betreffen, aus eigener Kraft trifft – ich habe da überhaupt keinen Zweifel", sagte Merkel. (dpa)

EZB: Die Europäische Zentralbank
EZB: Die Europäische Zentralbank
Die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt ist die Notenbank für die gemeinsame europäische Währung, den Euro.
Sie soll vor allem Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet der 17 Eurostaaten wahren.
Zudem soll sie auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird.
Um die Inflation im Zaum zu halten, legt die EZB Leitzinsen fest.
Über die Zinsen entscheidet der Zentralbankrat.
Ihm gehören neben den sechs Direktoriumsmitgliedern der EZB auch die Präsidenten der 17 nationalen Zentralbanken an.
EZB-Präsident ist seit November 2011 der Italiener Mario Draghi. (dpa)
Was die EZB darf und was nicht
Was die EZB darf und was nicht
Eigentlich ist der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) klar umrissen: Die Notenbank soll vor allem die Inflation im Zaum halten und gut 330 Millionen Bürgern in inzwischen 17 Eurostaaten eine stabile Gemeinschaftswährung sichern.
Das tut sie, indem sie Zinsen je nach Bedarf senkt oder erhöht. Doch in der Schuldenkrise in Europa sahen sich die Währungshüter zuletzt immer wieder zu Sondermaßnahmen gezwungen. Ob Aufkaufprogramm für Staatsanleihen kriselnder Euroländer oder Beteiligung am Schuldenschnitt für Athen durch die Hintertür: Die EZB sieht sich dabei innerhalb des ihr zugebilligten rechtlichen Rahmens.
Vorrangiges Ziel:
Die "Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank" hält fest: Das "vorrangige Ziel" des Eurosystems, also der EZB und der nationalen Zentralbanken der Eurostaaten, sei "die Preisstabilität zu gewährleisten". Zudem sollen die Zentralbanken "die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union" unterstützen, "soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist".
EZB-Rat:
Der EZB-Rat kann demnach "mit der Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen über die Anwendung anderer Instrumente der Geldpolitik entscheiden", die er bei Beachtung dieser Vorgaben "für zweckmäßig hält". Diesem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank gehören die 17 Vertreter der nationalen Euro-Notenbanken an sowie das EZB-Direktorium, das aus dem EZB-Präsidenten, dem EZB-Vizepräsidenten und vier weiteren Mitgliedern besteht.
Staatsfinanzierungsausschluss:
Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse erlauben die EU-Verträge nicht. Die "Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union" legt in Artikel 123 fest:
"Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (...) für (.......) Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder (........) öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken."
Unabhängigkeit:
Betont wird überdies die Unabhängigkeit der Zentralbank (Artikel 130): "Bei der Wahrnehmung der ihnen (...) übertragenen Befugnisse, Aufgaben und Pflichten darf weder die Europäische Zentralbank noch eine nationale Zentralbank (.....) Weisungen von Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, Regierungen der Mitgliedstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen.
Die Organe (....) der Union sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich, diesen Grundsatz zu beachten und nicht zu versuchen, die Mitglieder der Beschlussorgane der Europäischen Zentralbank oder der nationalen Zentralbanken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beeinflussen." (dpa)
Die drei Leitzinsen der EZB
Hauptrefinanzierungssatz: Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit im Rahmen der sogenannten Tenderauktionen bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und am Kapitalmarkt aus.
Spitzenrefinanzierungsfazilität: Teurer wird es für die Banken, wenn sie ganz kurzfristig Geld brauchen. Dafür bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.
Einlagefazilität: Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Die Verzinsung gibt der Einlagefazilitätssatz an. Spitzen- und Einlagefazilität sind Instrumente, mit denen die EZB weitere Feinsteuerung verwirklichen kann. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen.
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