15.08.12

Rechtsextremismus

Stiftung: "Behörden verharmlosen rechte Gewalt"

Monate nach der Resolution des Bundestags zu NSU-Morden urteilt vom Familienministerium finanzierte Stiftung: "Es ist nichts passiert".

Foto: dpa/DPA
Report zu Rechtsextremismus
Autorin Marion Kraske (l.) und die Geschäftsführerin der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane

Berlin. Einmal nicht ausgewogen sein, einmal die ungeschminkte Wirklichkeit wiedergeben. Einmal nicht die möglichen Zwänge, Nöte und Ausreden derjenigen bedenken und verstehen wollen, die rechtsextreme Taten vor Ort aufklären sollen. Die Amadeu-Antonio-Stiftung, die seit 15 Jahren gegen Rechtsextremismus kämpft, hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die sich zum Ziel gesetzt hat nachzuvollziehen, wie deutsche Sicherheitsbehörden mit dieser Aufgabe umgehen. Das Fazit fällt eindeutig aus: Sie scheitern auf ganzer Linie.

Natürlich lag im Arbeitsauftrag dieses Ergebnis schon ein Stück weit begründet. "Wie deutsche Behörden systematisch rechtsextremen Alltagsterror bagatellisieren" ist der Untertitel des Berichts, den die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Marion Kraske verfasst hat. Es ging also nicht darum, jene Fälle zu dokumentieren, in denen etwa die Polizei Opfer zu Tätern gemacht oder Betroffene aufgrund ihrer schlechten Deutschkenntnisse abgewiegelt hat; sondern um die anderen Fälle, in denen Polizei und Behörden sich teilweise sogar zu Komplizen der Rechtsextremen gemacht haben. "Das Ausmaß des staatlichen Versagens hat mich erschreckt", sagt Kraske. "Opfer werden systematisch im Stich gelassen. Der rechtsextreme Hintergrund vieler Taten wird negiert." Häufig, so hat die Autorin erfahren, würden die Angriffe dann zu normalen Schlägereien oder Konflikten um die Einhaltung des Rauchverbots gemacht.

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Kraske hat für ihren Bericht die acht in Deutschland tätigen professionellen Opferberatungsstellen befragt und einzelne Bundesländer besucht. Dass es gerade einmal acht solcher Beratungsstellen gibt, ist schon eine Überraschung. Im Osten sind es sechs, im Westen zwei, eine ehrenamtliche gibt es in Bayern und eine mit bezahlten Mitarbeitern in Nordrhein-Westfalen. Dabei, so betont die Vorsitzende der Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, "hat der Westen inzwischen bei den rechtsextremen Gewalttaten mit dem Osten gleichgezogen". Das wahre Ausmaß der Taten sei aber kaum abzuschätzen, da viele Betroffene aufgrund des Fehlens von Ansprechpartnern die Taten nie zur Anzeige brächten. "Sie tauchen dann in keiner Statistik auf." Oft seien es erst die Beratungsstellen, die die Behörden zwingen würden, sich tatsächlich um Aufarbeitung zu bemühen.

Ein Dreivierteljahr, nachdem der Deutsche Bundestag unter dem Eindruck de r Morde der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) eine Resolution verabschiedet hatte, um die Arbeit demokratischer Gruppen zu stärken, ist aus Sicht von Kahane nichts passiert. "Stattdessen wird über ein NPD-Verbot diskutiert. Dadurch wird aber das Problem nicht aus der Welt geschafft. Das ist ein Ablenkungsmanöver." Wichtig sei der Aufbau zivilgesellschaftlicher Netzwerke und die Sensibilisierung der Behörden im Umgang mit rechts. "Nur wann findet das Gehör?"

Kahane fordert, Polizeibeamte besser zu schulen und ihre interkulturelle Kompetenz zu stärken. Darüber hinaus solle staatliche finanzielle Förderung daran gebunden werden, ob Kommunen, Kreise oder Regionen überzeugend gegen Rechtsextremismus vorgehen. "Häufig werden Taten verharmlost, weil die Gemeinden nicht in Verruf geraten wollen. Doch damit löst man keine Probleme." Als Beispiele in Mecklenburg-Vorpommern werden Wismar und Boizenburg genannt. Gegen rechts engagierte Bürger würden zudem oft als "Nestbeschmutzer" abgestempelt oder in die linksextreme Ecke gestellt, sagt Kraske.

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Der Bund gibt bisher jährlich 26 Millionen Euro für Extremismusbekämpfung aus. Der überwiegende Teil, 24 Millionen, entfallen dabei auf den Kampf gegen rechts. Dennoch klagen die Initiativen über Unterfinanzierung. Als problematisch erweist sich auch, dass viele Förderanträge jedes Jahr neu gestellt werden müssen und die Gesamtförderung bei einem Regierungswechsel komplett infrage steht.

Kahane schont dabei auch nicht das Bundesfamilienministerium, immerhin einer der Hauptfinanziers der Antonio-Stiftung. "Es ist absurd, wenn sich die ganze Kritik auf den Bundesinnenminister konzentriert, aber die für Prävention zuständige Ministerin Schröder die Hände in den Schoß legt", sagt Kahane. Das Ministerium wollte zu dieser Kritik nicht Stellung nehmen.

Auch der Bundestag muss nach Meinung von Kahane handeln. Die Abgeordneten müssten sich stärker vor Ort mit Rechtsextremismus auseinandersetzen und dürften nicht die Kommunen und Verwaltungen aus ihrer menschenrechtlichen Pflicht, den Schutz für alle Menschen zu garantieren, entlassen werden." Die ganze Bundesregierung sei mit einem konzeptionellen und vernetzten Handeln und mit einem Fokus auf die Perspektive potenzieller Opfer von rechter Gewalt gefragt.

Als besonders problematisch erachtet es die Antonio-Stiftung, dass der NSU zwar das Problembewusstsein geschärft habe, gleichzeitig aber so getan werde, als stünde die Terrorzelle gewissermaßen außerhalb der Gesellschaft. Kahane: "Die Aufarbeitung ist richtig und wichtig, aber darüber darf die Prävention nicht vernachlässigt werden."

Pannen bei der Neonazi-Fahnung
Pannen bei der Neonazi-Fahndung
Thüringen: 1998 findet die Polizei in Jena in einer Garage des Trios des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Rohrbomben und Sprengstoff. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe können trotz eines Haftbefehls und der Beobachtung durch den Verfassungsschutz untertauchen. Im Mai 2012 kommt eine unabhängige Kommission zu dem Ergebnis, dass Fehler der Thüringer Behörden das Untertauchen des Neonazi-Trios begünstigt haben. Innenminister Jörg Geibert (CDU) versetzt Verfassungsschutzpräsident Thomas Sippel Anfang Juli in den Ruhestand. Er wird zuletzt wegen seiner Informationspolitik zur "Operation Rennsteig" kritisiert. Bei der geheimen Aktion ging es um den Einsatz von V-Leuten im Umfeld des Thüringer Heimatschutzes, dem früher auch das Neonazi-Trio angehörte.
Sachsen: Die Parlamentarische Kontrollkommission des sächsischen Landtags bescheinigt dem Verfassungsschutz des Freistaates im Juni erhebliche Defizite bei der Fahndung nach dem Neonazi-Trio, das nach dem Untertauchen unerkannt in Zwickau lebte. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Thüringer Verfassungsschutz sei mangelhaft gewesen. Im Juli tauchen im Landesamt für Verfassungsschutz Dokumente zu Ermittlungen im Zusammenhang mit dem NSU auf. Sachsens Verfassungsschutzpräsident Reinhard Boos räumt seinen Posten.
Bayern: Im Juli wird in München ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu möglichen Versäumnissen der Ermittler eingesetzt. In Bayern hatte das Terrortrio fünf seiner zehn Morde verübt. Der frühere Innenminister Günther Beckstein (CSU) weist im Mai vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss Vorwürfe gegen ihn und die Landesbehörden im Umgang mit der Neonazi-Mordserie zurück. Es habe keine heiße Spur gegeben, die den Anfangsverdacht eines fremdenfeindlichen Verbrechens bestätigt habe. Er räumt ein, die Übergabe der Ermittlungsführung von der bayerischen Sonderkommission Bosporus an das Bundeskriminalamt im Jahr 2006 abgelehnt zu haben.
Niedersachsen: Der Thüringer Verfassungsschutz informiert 1999 die Kollegen in Niedersachsen über Holger G., es gehe um Rechtsterrorismus. Die Fahnder beobachten den 37-Jährigen zwar und erstatten Thüringen Bericht – die Informationen legen sie aber zu den Akten. Drei Jahre später werden sie gelöscht. G. wird nach dem Auffliegen der Zelle im November 2011 als erster mutmaßlicher Unterstützer festgenommen. Er gibt zu, dem Trio eine Waffe sowie Papiere besorgt zu haben. Der Bundesgerichtshof hebt den Haftbefehl im Mai 2012 auf. Es gebe keinen dringenden Tatverdacht, dass G. das Trio unterstützt oder Beihilfe zu den Morden geleistet habe.
Nordrhein-Westfalen: Die Phantombilder der Verdächtigen eines Nagelbomben-Anschlags in Köln 2004 weisen offenbar große Ähnlichkeit mit den Bildern der mutmaßlichen Mörder eines türkischstämmigen Mannes in Nürnberg auf. Eine Verbindung wird aber nicht gezogen. Auch ein Sprengstoffanschlag auf eine iranische Familie 2001 in Köln wird dem NSU zugeordnet. Der Unionsobmann im Untersuchungsausschuss des Bundestags, Clemens Binninger (CDU), sagt nach einer Sitzung Anfang Juli, beide Anschläge hätten das Potenzial gehabt für eine heiße Spur zu den Rechtsterroristen.
Hessen: Am Tag des Mordes an einem Internetcafé-Betreiber 2006 in Kassel ist ein V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes am Tatort. Ermittlungen können den Verdacht einer Verwicklung in die Tat nicht erhärten. Der Verfassungsschutz lehnt es ab, dass die Behörden den Mann persönlich befragen. Später wird er vom Verfassungsschutz selbst mit den Fragen der Polizei konfrontiert.
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