26.07.12

Euro-Schuldenkrise

Rating-Agentur Moody's zweifelt auch an Bayern

Die Rating-Agentur aus den USA nimmt deutsche Bundesländer und Euro-Rettungsfonds EFSF ins Visier. Neues Geld für Athen gesucht.

Foto: dpa/DPA
Sehen den Freistaat gut aufgestellt, warnen aber vor Überforderung: Bayerns Finanzminister Markus Söder (l.) und Ministerpräsident Horst Seehofer
Sehen den Freistaat gut aufgestellt, warnen aber vor Überforderung: Bayerns Finanzminister Markus Söder (l.) und Ministerpräsident Horst Seehofer

Berlin. Keine Atempause in der Euro-Schuldenkrise: Nach dem Warnschuss für Deutschland hat die US-Rating-Agentur Moody's auch die sehr gute Bonität einzelner Bundesländer und des Euro-Rettungsschirms EFSF in Zweifel gezogen. Die Überprüfung der Länderratings erfolgt laut Moody's, weil Bund und Länder eng verflochten sind und im Notfall füreinander einstehen. Die gegenseitige Abhängigkeit gilt auch für den Rettungsfonds EFSF.

Moody's senkte den Ausblick von Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt von "stabil" auf "negativ". Die Bundesländer besitzen sehr gute Ratings, Bayern und Baden-Württemberg sogar die Bestnote von "Aaa" - wie auch Deutschland als Ganzes. Alle anderen Bundesländer werden von der Rating-Agentur nicht bewertet.

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Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) sagte: "Die bayerischen Finanzen sind top. Wir zahlen sogar Schulden zurück." Es sei aber ein Alarmsignal, zwar nicht für Bayern, sondern für Europa. EFSF-Chef Klaus Regling reagierte gelassen und sagte in Luxemburg, "der negative Ausblick wiegt nicht die Tatsache auf, dass der EFSF trotz der unsteten Märkte ein etablierter und vertrauenswürdiger Emittent ist". Der Rettungsschirm besitzt wie Deutschland bislang noch die Rating-Bestnote von "Aaa".

Entscheidet sich Moody's am Ende tatsächlich für eine Abstufung, würde dies eine Kettenreaktion in Gang setzen. Auch Banken müssten dann mit schlechteren Ratings rechnen - genauso wie Staatsfirmen, die am Kapitalmarkt agieren. Moody's überprüft momentan auch die Ratings der Deutschen Flugsicherung und der Deutschen Bahn. Auch die Erste Abwicklungsanstalt (EAA) - die Resterampe der gestrauchelten WestLB - könnte im Verbund mit Nordrhein-Westfalen abgestuft werden.

Die Euro-Staaten suchen unterdessen fieberhaft weiter nach Möglichkeiten, eine Pleite Griechenlands zu verhindern. Nach Informationen der "Welt" werden momentan verschiedene Optionen diskutiert, wie sich bestehende Verbindlichkeiten reduzieren lassen. Dazu soll die Europäische Zentralbank (EZB) auf Teile ihrer Forderungen verzichten. Zudem wird überlegt, eine Gruppe von privaten Gläubigern, die sich am Schuldenschnitt im März nicht beteiligt hatte, nun doch noch zur Kasse zu bitten.

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Derzeit prüft die Troika aus EU, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) in Athen die Lage. Schon jetzt ist klar: Trotz des laufenden zweiten Rettungspakets, bei dem bis Ende 2014 insgesamt 164,4 Milliarden fließen sollen, braucht das Land zusätzliche Hilfe. Durch den Dauerwahlkampf der vergangenen Monate wurde das Land praktisch kaum regiert, viele Reformen wurden nicht umgesetzt. Nun soll im Finanzplan der griechischen Regierung ein Loch klaffen, von bis zu 50 Milliarden Euro ist die Rede.

Die Radikallösung: Wenn die Lücke nicht geschlossen wird, wäre Griechenland im Herbst pleite. Das könnte die Situation aber dramatisch verschlimmern, davor hatte auch Moody's gerade gewarnt. Hinzu kommt, dass der dauerhafte Euro-Rettungsschirm ESM immer noch nicht einsatzbereit ist. Und im provisorischen Vorgänger EFSF werden langsam die Mittel knapp.

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Deshalb favorisieren viele in Brüssel Plan B: Die Euro-Staaten sollen ein drittes Rettungspaket schnüren und den Griechen so mehr Geld geben. Davon halten allerdings viele Regierungen überhaupt nichts, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie bekäme in der schwarz-gelben Koalition wohl keine Mehrheit mehr für neue Hilfen. Doch der Bundestag müsste ein drittes Rettungspaket beschließen. Merkel müsste ihre Koalition riskieren, um Athen zu stützen. Das hält man in Berlin für nahezu ausgeschlossen.

Eine dritte Variante, Plan C, wäre ein neuer Schuldenschnitt. Schon im Rahmen des zweiten Hilfsprogramms hatten Banken und Versicherungen auf 100 Milliarden Euro ihrer Forderungen verzichtet. Nun ist bei den privaten Gläubigern allerdings kaum mehr etwas zu holen. Dieses Mal müssten die öffentlichen Gläubiger verzichten. Das wären die Euro-Staaten, die bisher insgesamt Hilfskredite über 126 Milliarden Euro überwiesen haben. Das Problem: Die Darlehen haben eine lange Laufzeit und würden Griechenland deshalb nicht schnell entlasten.

An einem neuen Schuldenschnitt könnte sich zudem die EZB beteiligen. In Brüssel findet die Idee, dass die EZB auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet, Anhänger. In der Zentralbank selbst hält man davon allerdings wenig.

In der EU wird nun über eine vierte Möglichkeit nachgedacht, Plan D. Nach Informationen der "Welt" gibt es Überlegungen, dass die EZB nur auf ihre Buchgewinne verzichtet. Sie hat die griechischen Anleihen zu relativ niedrigen Kursen gekauft, zum Beispiel zu 70 Prozent des Nominalwerts. Sie bekommt von Athen allerdings die vollen 100 Prozent zurückgezahlt. Die Idee: Die Differenz erhält die griechische Regierung. Wahrscheinlich müsste das Geld über den Umweg der nationalen Notenbanken und Regierungen fließen. Ein ähnliches Modell wurde bereits beim zweiten Rettungspaket gewählt: Einige nationale Notenbanken hatten ebenfalls griechische Anleihen. Ihre Buchgewinne gaben sie an ihre Regierung, die reichten sie nach Athen weiter. So sollen während des Programms immerhin 1,8 Milliarden Euro zusammenkommen. Bei der EZB wäre nun deutlich mehr zu holen. Nach Schätzungen sollen die Buchgewinne zwischen zehn und 15 Milliarden Euro betragen. Allerdings würde das Geld wohl nur verzögert über die kommenden Jahre fließen, jeweils wenn eine Anleihe fällig wird, die bei der Zentralbank liegt. Der Vorteil aus Sicht der Politik: Für diese neue Unterstützung wäre wohl kein Beschluss des Bundestags notwendig.

Drei US-Ratingagenturen beherrschen den Markt
Drei Ratingagenturen mit langer Geschichte und US-amerikanischen Wurzeln beherrschen den weltweiten Markt für die Benotung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten:
Standard & Poor's (S&P): Der Ratingriese ist Teil des Gemischtwarenladens McGraw-Hill – ein börsennotierter Medienkonzern, der unter anderem Schulbücher verlegt. An McGraw-Hill wiederum sind große Investmentfonds beteiligt sowie Unternehmenschef Harold McGraw. Bis Ende 2012 soll der US-Konzern aufgespalten werden in eine Bildungs- und eine Finanzmarktsparte, zu der dann auch S&P gehört.
Moody's: Der härteste Konkurrent von S&P ist selbst börsennotiert. Anteile halten bekannte, eher unauffällige Investmentfonds, aber auch Investoren-Legende Warren Buffett, der mit seiner Firma Berkshire Hathaway auf mehr als zehn Prozent der Moody's-Anteile kommt. Als S&P Anfang August die Kreditwürdigkeit der USA von der Topnote AAA auf AA herabstufte, kritisierte Buffett dies scharf. Moody's blieb zunächst bei der Top-Note.
Fitch: Die kleinere Nummer drei geht ebenfalls auf einen US-amerikanischen Gründer zurück, gehört heute aber zu 60 Prozent dem börsennotierten französischen Finanzinvestor Fimalac. Die restlichen Anteile hält der US-Medienkonzern Hearst ("Cosmopolitan", "Elle", ESPN). Hinter Fimalac steht der in Frankreich weit vernetzte Geschäftsmann und Unternehmer Marc Ladreit de Lacharrière. Fitch sitzt in New York und London. (dpa)
Die Buchstabencodes der Ratingagenturen
Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken oder Staaten und sind damit äußerst einflussreich auf den Finanzmärkten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Hauptgeschäft ist jedoch die Bewertung einzelner Wertpapiere. Die weltweit bedeutendsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.
Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Die Skala beginnt beispielsweise bei S&P und Fitch mit der Bestnote AAA (englisch: "Triple A"), bei Moody's mit Aaa. Es folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab BB+ beginnt der spekulative Bereich, der auch "Ramsch" genannt wird. Die Skala reicht bis D, das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners, also die Pleite, eingetreten ist.
Eine mögliche Änderung des Ratings kündigen die Agenturen meist über eine Veränderung des Ausblicks ("Outlook") an. Dafür gibt es die Stufen "positiv", "stabil" und "negativ". Anstelle des Ausblicks gibt es bei S&P auch die etwas schärfere Kategorie "CreditWatch", eine Art Beobachtungsliste. Dabei geht es um eine kurzfristigere Überprüfung. Bei der jüngsten Einschätzung der Euro-Länder ging es genau um diesen Punkt.
Je schlechter die Ratingagenturen die Bonität eines Schuldners beurteilen, desto teurer und schwieriger wird es, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern auch andere Investoren. Für Investitionen in Staatsanleihen gilt dies jedoch nur eingeschränkt, da es zum Beispiel wegen der Größe des Marktes zu Papieren wie US-Treasuries keine gleichwertigen Alternativen gibt.
So funktionieren Ratingagenturen
AAA: Steht für "Beste Qualität und geringste Ausfallwahrscheinlichkeit.
AA: Hohe Qualität. Hohe Fähigkeit den laufenden Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.
A: Angemessene Deckung von Zins und Tilgung. Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld können sich aber negativ auswirken.
BBB: Aktuell erscheinen Zins und Tilgung gedeckt. Aber mangelnder Schutz gegen wirtschaftliche Veränderungen.
BB: Enthält spekulative Elemente. Bedienung der Anleihe nur gesichert, wenn das wirtschaftliche Umfeld stabil bleibt oder sich verbessert.
B: Auf lange Sicht nur geringe Sicherung von Zins und Tilgung: hat nicht die Charakteristika eines dauerhaften Investments.
CCC: Ein Zahlungsaufall ist während der Laufzeit wahrscheinlich
CC: Hochgradig spekulativ, akute Gefahr des Zahlungsverzugs
C: Bei Moody's: Im Zahlungsverzug
DDD/DD/D: Bei Fitch und S&P: Gläubiger befindet sich im Zahlungsverschub
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