Vor 100 Jahren begann in Südwestafrika das dunkelste Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Spuren der Erinnerung führen auch nach Hamburg.

Hamburg. "Die Hereros", lobt Rochus Schmidt, ehemals Kompanieführer der Kaiserlichen Schutztruppe, 1898 in seinem Standardwerk "Deutschlands Kolonien", "sind ein arbeitsames, fröhliches Volk, anstellig, groß im Aushalten von Strapazen sowie im Ertragen von Hunger und Durst." Ihnen sei "ein großes Rechtsgefühl eigen", und "von Natur sind die Leute keineswegs bösartig".

Mehr zum Thema

"Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss", schrieb Lothar von Trotha, damals Generalleutnant der Deutschen Schutztruppe, seinem Kaiser 1904 über das gleiche Volk, "oder, wenn dies durch taktische Schläge nicht möglich war, operativ und durch die weitere Detail-Behandlung aus dem Lande gewiesen wird."

Die beiden Statements trennen nur sechs Jahre, aber Welten in der Einstellung: Bis zur vorletzten Jahrhundertwende wirkten die deutschen Kolonialherren im Vergleich zu älteren Imperialmächten wie England und Frankreich modern und human, danach aber fielen sie in die gleiche völkermörderische Barbarei wie etwa die Briten in den Burenkriegen oder die Franzosen im Sahel.

Der Krieg, der diese Einstellung so dramatisch änderte, brach vor genau 100 Jahren aus, aber er hatte sich lange angekündigt: Die anfangs friedliche, weil nur merkantile Eroberung Südwestafrikas durch deutsche Kaufleute führte am Ende doch zu unausweichlichen Konflikten.

Es ist der 10. April 1883, als die ersten Deutschen an der wenig einladenden Küste Südwestafrikas landen - Seeleute des Bremer Kaufmanns F.A. Lüderitz (1834-1886). Lüderitz-Agent Heinrich Vogelsang baut an einer Bucht eine kleine Faktorei und kauft den Hereros mit Hilfe dolmetschender Missionare für 2000 Mark und 200 alte Gewehre zehn Quadratmeilen Land ab. Die entscheidenden Impulse aber gibt der Hamburger Reeder Adolph Woermann (1847-1911). Sein Vater Carl hat 1849 eine Niederlassung in Liberia gegründet. Der Sohn legt 1883 der Handelskammer Hamburg eine Denkschrift vor, die umgehend zu einem Gutachten erweitert wird. Mit dem Titel "Äußerung über die Wünsche des Handelsstandes bezüglich Maßnahmen des Reiches zum Schutze und zur Förderung des deutschen Handels an der Westküste Afrikas" geht sie an Bismarck.

Der Eiserne Kanzler will kein Kolonialimperium, doch der Schutz deutscher Handelsinteressen liegt ihm sehr am Herzen. Aus Berlin kommen ein Reichskommissar und eine Schutztruppe, und Lüderitz-Agenten wandern immer tiefer ins Innere, um den gegenüber europäischen Geschäftspraktiken hilflosen Häuptlingen Land für Tand, vor allem billigen Kattun, abzuluchsen.

Das unfaire Geschäft gelingt überall, auch bei den Hereros, obwohl das erst im 17. Jahrhundert aus dem Osten eingewanderte kriegerische Bantuvolk selbst immer auf der Suche nach neuen Weiden für seine riesigen Rinderherden ist. "Händler kommen ins Land und verführen die Männer und Frauen mit nie gesehenen Dingen, bis sie vor Begierde nicht mehr ein noch aus wissen und alles nehmen", schildert der Historiker Otto Zierer. "Sie brauchen ja nur ihr Handzeichen unter ein Stück Papier zu machen und erst viel später zu bezahlen. Natürlich bezahlen viele nicht, weil sie kein Geld haben. Dann kommen wieder die Händler und bringen Polizeisoldaten mit, und sie machen sich bezahlt an den Herden, ja treiben selbst die geweihten, unantastbaren Ochsen weg . . . "

Die Hereros kennen keine Zäune; Land und Wasser gehören dem, der in der Gegend gerade sein Vieh weidet und tränkt. Die Deutschen aber ziehen Stacheldraht um Gras und Quellen. Ende 1903 geraten in dem kleinen Ort Warmbad nicht weit von der Südgrenze am Oranje-Fluss der Häuptling eines Herero-Stammes und ein deutscher Beamter so heftig aneinander, dass beide ihr Leben lassen. In rasendem Zorn über Betrug und Demütigung plündern die Schwarzen die Farmen der Fremden.

Der tüchtige Major Theodor Leutwein eilt mit der Schutztruppe ins Kriegsgebiet und schafft es mit Mühe und Not, die Zornigen zum Friedensschluss zu bewegen. Doch da bricht hinter ihm, im Norden, eine noch größere Katastrophe los: Auch andere Herero-Stämme holen sich mit Gewalt zurück, was ihnen die Fremden nahmen. Am 12. Januar 1904 fallen ihre Krieger über die schutzlosen deutschen Farmer und ihre Familien her. 123 Einwanderer und Händler werden getötet.

Leutwein eilt in Gewaltmärschen zurück: Er weiß, was jetzt droht, und will das Schlimmste verhindern. Doch Berlin ist bereits alarmiert, und Kaiser Wilhelm II. gibt General von Trotha den Befehl, mit den schwarzen "Mördern" nicht zu verhandeln, sondern sie zu vernichten.

Es geht um viel, auch für Hamburg: Woermanns neue "Afrikanische Dampfschiffs-Actiengesellschaft" hat 29 Dampfer und elf Küstenschiffe in der Südwest- und Westafrikafahrt. Aus Bismarcks maßvoller Schutz- ist brutale Machtpolitik geworden. Leutwein kann nicht verhindern, dass Trotha den totalen Krieg führt. Die 6000 kampffähigen Hereros haben Speere, Keulen und alte Gewehre. Die 4000 deutschen Soldaten haben zwölf Maschinengewehre und dreißig Kanonen. Die Hereros werden geschlagen und fliehen. Ihr Häuptling Samuel Maharero bittet um Frieden. Der General lehnt ab.

Letzte Zuflucht der Besiegten ist der Waterberg, ein 1857 Meter hoher, von Büschen bewachsener Fels mitten in weg- und wasserloser Wüste. Dort verschanzen sich die Hereros mit Frauen und Kindern, 40 000 Menschen, und ihrem Vieh. Trotha kreist sie ein, ehe er am 11. August den Sturm befiehlt. Doch Maharero bricht nach Osten aus und verschwindet mit seinem Volk in der Wüste. Bis heute streiten Historiker, wie viele Menschen damals starben. Von mehreren Zehntausend ist die Rede.

Trotha schickt ein Siegestelegramm nach Berlin. Seinem erbitterten Kritiker Leutwein schreibt er: "Diese Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld."

Woermanns Dampfer transportierten Trothas Truppen nach Afrika, doch dem Reeder bringt der Sieg kein Glück. Zwar lobte selbst der große Albert Ballin von der HAPAG die "unübertreffliche Leistung" und "großzügige" patriotische Tat des Kollegen. Doch der Reichsregierung in Berlin wird mulmig, sie sucht einen Sündenbock. Als sie die Rechnung erhält, beanstandet sie überhöhte Tarife und bezichtigt Woermann unlauterer Geschäfte. "Es liegt eine ungeheure Tragik darin", schreibt die "Heimatchronik der Freien und Hansestadt Hamburg" noch 1958, "dass gerade der Mann, dem das Reich so viel verdankte, von Kaiser und Reichsregierung diskriminiert wurde."

Woermann, auf den Bismarck einst das Wort vom "königlichen Kaufmann" geprägt hatte, stirbt einsam und verbittert. Sein Handelshaus aber steht immer noch an der Großen Reichenstraße 27, mit Elefanten, Palme und der Freiplastik eines Afrikaners.