01.06.12

Aufmarsch in Hamburg

Neonazi-Demo: Rassisten mit Kapuzenpulli

Im Mai 2008 wurde die Polizei von ungewöhnlich gekleideten Rechtsextremen überrascht. Autonome Nationalisten kommen wieder nach Hamburg.

Von Christian Unger
Foto: Michael Arning
2008: Neonazis mit dunklen Sonnenbrillen und Kapuzenpullover marschieren durch Barmbek
2008: Neonazis mit dunklen Sonnenbrillen und Kapuzenpullover marschieren durch Barmbek

Hamburg. Auch Frank Försterling war damals dabei, am 1. Mai 2008 in Hamburg. Er marschierte mit, begeisterte sich für die Parolen der Rechtsextremen - und beobachtete an diesem Tag einen Wandel in der kruden Welt der Neonazis. "Da waren welche, die Leuchtkugeln in ihrem Anus mit auf die Demo geschmuggelt haben", erzählt er. Fast die Hälfte der Demonstranten sei beim Aufmarsch der Neonazis in Barmbek mit dunkler Sonnenbrille aufgetreten, mit Kapuzenpullover und Käppi, schwarz gekleidet, vermummt. Försterling stieg bald danach aus der Szene aus. "Dann gibt es die Fraktion, die das cool findet und sich T-Shirts anzieht, auf denen AN steht", erzählt er nach seinem Ausstieg aus der Szene dem Internet-Blog publikative.org .

AN steht für Autonome Nationalisten. Hamburg hat die Gewaltbereitschaft dieser Gruppe erstmals an diesem 1. Mai 2008 erlebt. Sogenannte AN waren nach Angaben der Polizei zu Beginn der Auseinandersetzung "auf die Linken eingestürmt", es war zu "wüsten Schlägereien" gekommen. Es gab Angriffe auch gegen ein Kamerateam. Die Polizei kannte die Übergriffe militanter Linksautonomer. Von der Gewalt rechtsextremer Demonstranten war die Polizei 2008 überrascht worden. "Wir hatten es mit einer Größenordnung von 1500 Personen zu tun, davon 340 gewaltbereite autonome Nationalisten, die wir in dieser Stadt noch nicht gesehen haben", sagte Polizeipräsident Werner Jantosch damals. Autonome Nationalisten seien für die Polizei nicht steuerbar. Man sei 2008 "an die Grenzen der Belastbarkeit" gegangen.

+++ Helmut Schmidt unterstützt "Hamburg bekennt Farbe" +++

+++ Wandsbeker gegen Aufmarsch von Neonazis +++

Auch der heutige Leiter des Verfassungsschutzes in Hamburg, Manfred Murck, sagt, das Ausmaß der Gewalt aufseiten der Neonazis habe die Sicherheitsbehörden damals überrascht. Dennoch hätten die Verfassungsschützer die Polizei vorab gewarnt vor einem "schwarzen Block", 200 Personen stark. Am Ende waren es rund 350 autonome Nationalisten. Andere Quellen berichteten von bis zu 600.

Mittlerweile ist der "schwarze Block" immer wieder bei Aufmärschen von Neonazis präsent. Sie tragen keine Bomberjacken oder Springerstiefel. Ihr Auftreten lehnen sie an Symbolik und Kleidung linker Autonomer an: schwarze Outfits, englische Parolen wie "Fight the System", manche tragen ein Palästinensertuch. Neonazis wollen "cool" sein - die menschenverachtende Ideologie ist auch bei den AN dieselbe. Seit einigen Jahren sind sie die am stärksten wachsende Gruppe in dem Milieu.

An diesem Sonnabend werden wieder Neonazis durch Hamburg marschieren - nicht durch die Innenstadt, wie geplant, sondern in Wandsbek. In einer Gefahreneinschätzung der Versammlungsbehörde, die dem Hamburger Abendblatt vorliegt, rechnen die Beamten mit 300 autonomen Nationalisten. Der Verfassungsschutz und die Polizei sehen im Vorfeld eine vergleichbare Mobilisierung im rechtsextremen Milieu wie 2008, auch die Organisatoren sind gleich oder ähnlich. In Internetforen würden die Neonazis "direkt Bezug" nehmen auf den 1. Mai 2008, heißt es in dem Bericht.

Verfassungsschutzleiter Murck erwarte, wie 2008, vor allem autonome Nationalisten aus Niedersachsen und dem Westen Deutschlands. Die Gewalt sei importiert worden, hieß es damals. Felix Krebs vom Hamburger Bündnis gegen Rechts kritisierte damals die Einschätzung von Polizei und Verfassungsschutz als "blauäugig". Laut Krebs, der seit vielen Jahren in der neonazistischen Szene recherchiert, versuchten autonome Nationalisten 2009, eine Gruppe in Hamburg zu gründen. "Doch die Freien Kameradschaften und die NPD waren hier so radikal, dass damals noch kein Platz für eine eigenständige Gruppierung war."

+++ Zahl der Opfer rechter Gewalt nach oben korrigiert +++

Sowohl Krebs als auch der Verfassungsschutz sehen die autonomen Neonazis als Ausdruck eines Generationenwechsels in der Szene. "Alte Kader der Kameradschaften sind bei der NPD, Gruppen wie die Weiße Wölfe Terrorcrew rücken nach", sagt Krebs. Diese Hamburger Gruppe sei ähnlich gewaltbereit wie die Autonomen Nationalisten, sagt Murck. Ohne dass sie sich selbst so bezeichnen. Vor 2008 galt für die Hamburger Behörden, dass Veranstalter von Neonazi-Demonstrationen darauf achteten, dass diese gewaltfrei ablaufen, um keine Verbote zu riskieren. Bis heute geben sich Teile der NPD bürgerlich - Neonazis in Nadelstreifen. Mit Themen wie Umweltschutz und Todesstrafe für Kinderschänder fischen sie bei Wahlen Stimmen. Bilder randalierender Neonazis auf ihren Kundgebungen passen nicht in diese Strategie.

Doch mittlerweile komme die NPD nicht mehr um die AN herum, die Gruppierung sei im neonazistischen Milieu zu stark und auf Demonstrationen zu präsent, sagt Krebs. Die Neonazipartei duldet auch autonome Nationalisten auf ihren Veranstaltungen. Laut Sicherheitsbehörden ist die NPD schon lange vernetzt mit gewaltbereiten Neonazis. In einzelnen Bundesländern wie etwa Berlin geht der Einfluss dieser militanten Autonomen auf die NPD sehr weit. Sowohl die Hamburger NPD wirbt für den Aufmarsch am Wochenende in Wandsbek als auch gewaltbereite Gruppen wie die Weiße Wölfe Terrorcrew.

2008 standen die Polizisten in Barmbek zwischen gewalttätigen Neonazis und militanten Gegendemonstranten. Man sei damals überrascht gewesen, dass auch die Neonazis Strategien Linksautonomer übernahmen. "Die Neonazis agierten in Kleingruppen, bildeten kleine Aktionseinheiten", sagt ein Polizeisprecher. Darauf sei man diesmal besser vorbereitet. Zudem sei die Polizei mit einem stärkeren Aufgebot vor Ort, mehrere Tausend Beamte.

2009 ließ ein Gericht in Niedersachsen einen Aufmarsch verbieten, weil Behörden von 340 gewaltbereiten Autonomen unter den Neonazis ausgingen. In Hamburg werden die Rechtsextremisten marschieren. Ursprünglich hatte die Stadt den Aufmarsch auf eine stationäre Kundgebung in Wandsbek beschränkt. Das Verwaltungsgericht ließ dort jedoch auch einen Marsch zu.

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