Hamburger Fraktionschefin
Heyenn fürchtet Bedeutungsverlust der Linken
Fraktionschefin der Hamburger Linken kandidiert für Bundesvorsitz der Partei. Machtkampf in der Führungsspitze überlagert die Themen.
Hamburg. Die Luft im Bürgersaal Wilhelmsburg ist warm und schwer. Dora Heyenn sitzt in vorderster Reihe und pustet ab und zu mal durch. Vor ihr auf dem Podium redet sich gerade Giesela Brandes-Steggewentz in Rage. Sie ist Chefin der Linken in Niedersachsen und wettert gegen die "entfesselten Märkte" und den Einsatz der Bundeswehr im Ausland. "Unser Feind sind der Kapitalismus und die Banker da draußen", sagt sie. Nicht die eigene Partei sei der Feind. Dora Heyenn klatscht. Mit Blick auf eine neue Parteispitze seiSahra Wagenknecht die richtige Wahl, sagt Brandes-Steggewentz am Ende ihrer Rede auf der Regionalkonferenz der Linken in Hamburg. Viele klatschen, manche jubeln, Heyenn schmunzelt.
+++Wagenknecht soll Parteivorsitz übernehmen+++
+++Hamburgerin Dora Heyenn will Chefin der Linken werden+++
Vor allem Krisen hat die Linkspartei in den vergangenen Jahren erlebt - Antisemitismus-Debatte, der umstrittene Brief an Machthaber Fidel Castro, die Schlagzeilen über den Zank in der Führung der Partei. Dazu brachen erst die Umfragewerte ein und dann die Wahlergebnisse. Auf dem Parteitag in Göttingen an diesem Wochenende wählt die Linke eine neue Führung. Und auch die Fraktionschefin der Hamburger Linken, Heyenn, kandidiert. "Der Linkspartei droht keine Spaltung in Ost und West, kein zurück zu WASG und PDS", sagt Heyenn dem Hamburger Abendblatt. Aber es drohe ein Bedeutungsverlust, der die Partei kaputt mache. "Bis zur Bundestagswahl 2013 müssen wir wieder handlungsfähig sein."
Im Bürgersaal in Wilhelmsburg schwitzen die 120 Zuhörer, manchein Kapuzenpullovern oder St.-Pauli-T-Shirts, andere tragen Hemd und haben graues Haar. Heyenn steht jetzt am Mikrofon und hat ein paar Minuten Zeit, sich als Kandidatin vorzustellen. Hartz IV sei staatlich verordnete Armut, sagt sie. Es geht dann wieder viel um Umverteilung von oben nach unten, um Krieg und Frieden, die Abhängigkeit von großen Energiekonzernen. Eigentlich verwundern nach knapp vier Stunden Konferieren und Proklamieren überhaupt die Schlagzeilen, in denen vom Gezänk in der Partei die Rede ist. Inhaltlich scheinen sich alle Genossen einig. Also ein Machtkampf. Und viele Mitglieder aus dem Norden nutzen an diesem Abend die Gelegenheit, um Dampf abzulassen über die Lage der Partei - und um Geschlossenheit von der Führung zu fordern.
Heyenn wolle mit ihrer Kandidatur den Austritt weiterer Gewerkschafter, Betriebsräte und früherer SPD-Mitglieder verhindern. Sie sei kein Schreihals, niemand, der einen Parteitag "zum Kochen" bringe. Und niemand, der Aufsätze über Staatsrecht verfasse. Heyenn, 63 Jahre, ist Lehrerin - und eigentlich fühle sie sich in Hamburg ganz wohl.
+++Lafontaine will keine Kampfkandidatur gegen Bartsch+++
Neben Heyenn im Bürgersaal sitzt Katja Kipping, rotes Haar, gerade 34 Jahre alt und doch schon mit zehn Jahren Erfahrung in der Politik. Derzeit ist sie Vize-Chefin der Linken, und amWochenende tritt sie gemeinsam mit Ko-Kandidatin Katharina Schwabedissen an. "Verantwortlich für denAbwärtstrend der Linken ist das Einnisten der verschiedenen Parteiströmungen in Schützengräben. Wir müssen weg vom Lagerdenken, hin zu mehr Teamgeist", sagt sie dem Abendblatt. Kipping, in Dresden geboren, studierte Slawistik. Mit 20 trat sie in die PDS ein. Sie wirbt für eine weibliche Doppelspitze - und sie fordert einen "gesetzlichen Einkommenskorridor". Keiner solle unter 1000 Euro im Monat fallen. Und sie fragt: Wer braucht mehr als 40 000 Euro im Monat? "Irgendwann führt ein Mehr an Geld nicht mehr zu einem höheren Lebensgenuss, sondern nur dazu, mit dem Vermögen Einfluss auf demokratische Entscheidungen zu nehmen."
Kipping sieht ihre Kandidatur mit Schwabedissen als "moderate Alternative" zum Reformer Dietmar Bartsch, der ebenfalls antritt. Der streitet sich gerade mit Parteichef Klaus Ernst und Oskar Lafontaine um die Spitzenämter. Aber weder Ernst noch Lafontaine kandidieren in Göttingen. Auch Wagenknecht hat sich bisher nicht nach vorne gedrängt. Die Chancen für Kipping oder Heyenn steigen. Allerdings nur leicht. Der baden-württembergische Landeschef Bernd Riexinger erklärte seine Bewerbung für das Amt des Vorsitzenden. Er ist Kandidat Nummer elf.















