27.05.12

"Europas Schande"

Dichtung oder Wahrheit? Verwirrung um Grass-Gedicht

Im Internet war die Aufregung um das neue Gedicht von Günter Grass groß: Für Wirbel sorgte ein Artikel, das Gedicht wäre eine Fälschung.

Foto: dapd/DAPD
Das neue Gedicht "Europas Schande" von Günter Grass sorgte im Netz kurzzeitig für Verwirrung
Das neue Gedicht "Europas Schande" von Günter Grass sorgte im Netz kurzzeitig für Verwirrung

Berlin. Ein Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" über ein angeblich gefälschtes Günter-Grass-Gedicht in der "Süddeutschen Zeitung" hat im Internet Verwirrung ausgelöst. "Dem Satiremagazin "Titanic" ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen "Günter Grass" im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" zu platzieren", stand am Wochenende zunächst online, dann gedruckt in der "FAS". Darauf brach im Internet ein Sturm der Häme gegen die "SZ" los – obwohl das Grass-Gedicht über die Griechenlandpolitik Europas gar kein Fake war. Bei Politikern und Intellektuellen löste der Literaturnobelpreisträger mit seinem neuen Gedicht "Europas Schande" dagegen ein verhaltendes Echo aus.

+++ Grass-Gedicht zu Griechenland: "Europas Schande" +++

"Das #Grass Gedicht zu Griechenland kam von der Titanic? Großartigst", hieß es am Abend beim Kurznachrichtendienst Twitter, und: "Ein dreifaches Huzzah für die Titanic!". "nein, bitte, ist das wahr? das neue grass-gedicht ist von titanic?", reagierten andere Nutzer ungläubig und folgten blind der Massenmeinung. Ein anderer Twitterer schrieb zu der Aufregung im Internet: "Allein die Tatsache, dass der #Titanic dieser #Grass Stunt locker zugetraut wird, sagte schon viel aus über Deutschlands Großintellektuelle."

Die "SZ" hatte das Gedicht am Samstag veröffentlicht. Grass kritisiert darin, wie Europa mit dem Schuldenstaat Griechenland umgeht. Am selben Tag hatte das Grass-Büro einer Veröffentlichung des Werks des Literaturnobelpreisträgers auch in anderen Medien zugestimmt.

+++ Günter Grass lässt Griechenland-Gedicht unkommentiert +++

Stefan Plöchinger, Chefredakteur von "Sueddeutsche.de", griff aus dem Urlaub in Paris ein und stellte klar: "Wer gerade wegen der FAZ an #Grass' Europa-Gedicht zweifelt, hier liest der Autor es selbst: http://www.ndr.de/ndrkultur/grass197.html" twitterte er. Und: "Ironie funktioniert nie. Aus den Tweets der vergangenen Stunden kann man das lernen...". Auf die verwirrte Frage eines Nutzers "So, wer wurde jetzt getrollt, die #FAZ oder die #SZ?" kam von ihm die Antwort: "Alle, die getwittert haben, die Titanic habe die SZ getrollt".

+++ In "Europas Schande" rechnet Grass mit Europas Griechenland-Politik ab +++

Der Autor des "FAS"-Artikels sieht seinen Beitrag nicht als Satire oder als Scherz. "Fiktion und Wahrheit sind ja nicht mehr wirklich zu unterscheiden", sagte Volker Weidermann der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag. "Ob sich das jetzt die "Titanic" oder Günter Grass ausdenkt, ist für mich kein großer Unterschied." Entschuldigen in einem ernsthaften Sinne wolle er sich "ganz bestimmt nicht". "Günter Grass wird es immer weiter treiben mit der Absurdität seiner Selbstgewissheit und das ist dann genauso lustig, wie wenn es die "Titanic" schreibt."

Der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag, Gunther Krichbaum, sagte im Deutschlandradio Kultur: "Insgesamt sollte man Günter Grass nicht mehr ganz so ernst nehmen." Die Kritik in seinem Gedicht, in dem Grass die Griechenlandpolitik Europas anprangert, "geht an der Wirklichkeit völlig vorbei", sagte der CDU-Politiker. Andere Politiker und Schriftsteller-Kollegen hielten sich auffallend mit Kommentaren zu Grass' neuem Werk zurück.

+++ "Europas Schande" - das neue Gedicht von Günter Grass +++

Vor knapp zwei Monaten war Grass wegen seines israelkritischen Gedichts "Was gesagt werden muss" scharf angegriffen worden. Ihm wurde Antisemitismus vorgeworfen, Israel erklärte den Autor zur unerwünschten Person. Grass sah eine Kampagne gegen sich.

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