Schuldenkrise: Europas Finanzminister rufen um Hilfe
01.12.2011, 06:36
Uhr01.12.2011, 06:36
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Florian Eder
Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) fürchtet, die Schuldenkrise nicht aus eigener Kraft lösen zu können. Der IWF soll helfen.
Finanminister Wolfgang Schäuble (rechts) mit EZB-Chef Mario Draghi (mitte) und dem französischen Finanzminister Francois Baroin Foto: dapd/DAPD
Brüssel.
Die Mitglieder der Euro-Zone begraben die Hoffnung, die akuten Probleme der
Staatsschuldenkrise auf dem Kontinent aus eigener Kraft lösen zu können. Die
europäischen Finanzminister sprachen sich bei einem Treffen in Brüssel für
Hilfe von außen aus. EU-Währungskommissar Olli Rehn brachte eine stärkere
Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Spiel.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte: "Wir sind
bereit, dem IWF noch mehr Mittel zu geben, und sind froh, dass er sich
engagiert." Der IWF soll gemeinsam mit dem Rettungsfonds EFSF
Euro-Staaten in Not helfen. Es ist von einem Betrag von insgesamt 50
Milliarden Euro die Rede, der von den Notenbanken der Mitgliedstaaten kommen
soll.
Die Not ist groß, den angeschlagenen Ländern in Europa zunächst über die
kommenden Monate zu helfen. Allein das hoch verschuldete Italien hat nach
Bloomberg-Berechnungen bis Ende 2012 einen Refinanzierungsbedarf von 307
Milliarden Euro, der Großteil davon wird schon im ersten Quartal fällig. Das
liegt weit vor der Zeit, zu der die von Deutschland und Frankreich
betriebenen Änderungen an den europäischen Verträgen in Kraft treten
könnten. Die sollen, so die Hoffnung der Bundesregierung, langfristig das
Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewinnen. Europa sucht deshalb schnelle
Hilfe von außen und ist zuversichtlich: Der Rettungsschirm könne es zusammen
mit dem IWF leisten, den Zugang der Staaten zu Kapital auf dem Primärmarkt -
also bei der Ausgabe neuer Staatsanleihen - sicherzustellen, sagte Schäuble. "Wir
sind in der Lage, und wir haben die Instrumente - für eine begrenzte Summe.
Aber wir wissen, wie hoch der Bedarf ist."
Ein zweiter Helfer in der Not könnte die Europäische Zentralbank (EZB) sein.
Schwedens Finanzminister Anders Borg sagte, die Zentralbank habe noch "Spielraum"
für den Kauf von Staatsanleihen. Die EZB kauft Papiere seit Monaten auf dem
Sekundärmarkt, also von anderen Investoren. Eine direkte Finanzierung von
Staatsdefiziten ist durch die europäischen Verträge ausgeschlossen.
Österreichs Finanzministerin Maria Fekter zeigte sich aber offen für eine
Änderung. Es brauche ein "flexibles" Instrument. Deutschland
wehrt sich strikt dagegen. "Jede Diskussion, die den Druck reduziert,
Haushaltsdefizite abzubauen, ist schädlich", sagte Schäuble.
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Dass die wichtigsten Notenbanken in einer gemeinsamen Aktion beschlossen,
Banken weltweit zu günstigen Zinsen kurzfristige Dollarkredite zur Verfügung
zu stellen, kommentierten die Finanzminister nicht - wie üblich aus Respekt
vor der Unabhängigkeit von Zentralbanken. Willkommen war die Entscheidung
trotzdem, da sie Spannungen an den Finanzmärkten linderte. Die Kurse der
meisten Staatsanleihen zogen an, das heißt, dass Renditen und damit die
Kosten für die Länder sanken.
Schäuble gab zu, sich schwer damit zu tun, dass die EU die Staatschuldenkrise
nicht alleine lösen kann: "Ich fühle mich derzeit nicht wohl
damit, dass wir als Europäer bei den Treffen der G20, der G7 und des IWF
seit mehr als einem Jahr die Agenda bestimmen", sagte er. Aber die
derzeitigen europäischen Hilfsmittel erreichen nicht die erhoffte
Feuerkraft. So beschlossen die Euro-Finanzminister zwar Regeln, um die
Wirkung des Rettungsfonds EFSF durch die Einbindung privater Investoren zu
vervielfachen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Hebelung nicht so groß
sein wird wie geplant. Beim Gipfel der Regierungschefs vor einem Monat war
die Rede davon gewesen, dass die verfügbaren 250 Milliarden Euro auf die
Wirkung von einer Billion Euro gebracht werden könnten. Nun gab Jean-Claude
Juncker, Chef der Euro-Gruppe, zu, dass dieses Ziel "wahrscheinlich
nicht" erreicht werden könne.
Der Hilfsfonds EFSF soll einerseits Investoren zum Kauf von Anleihen unter
Druck geratener Euro-Staaten bewegen, indem er ihnen für den Fall von
Staatspleiten eine Art Teilkasko-Versicherung anbietet. Andererseits soll
der Hilfsfonds EFSF fallweise Fonds einrichten, um dort Geld privater und
staatlicher Investoren zum Aufkauf von Staatsanleihen zu sammeln. Beide
Modelle sollen sicherstellen, dass Euro-Länder Kredite zu tragbaren Zinsen
aufnehmen können, was gerade im Fall Italiens zuletzt kaum mehr gelang.
EFSF-Chef Klaus Regling warb in den vergangenen Wochen weltweit um
Investoren. Nun gestand er ein, zum Ergebnis seiner Werbetour noch wenig
sagen zu können: "Es ist einfach nicht möglich, eine Summe zu
nennen."
Kurzfristig ruht die Hoffnung nun auch darauf, dass die Finanzmärkte sich
davon überzeugen lassen, dass die Krisenländer Reformen anpacken und
Schulden abbauen. So kündigte Italiens Premier- und Finanzminister Mario
Monti an, sein Kabinett werde am kommenden Montag Maßnahmen zur Reduzierung
der Verschuldung ebenso beschließen wie Strukturreformen.
Gleichzeitig laufen die Verhandlungen über die langfristigen Regeln des
Zusammenlebens in der Euro-Zone und der gesamten Union. "Wir erreichen
nun die entscheidende Phase von zehn Tagen, um die Krisenreaktion der
Europäischen Union fertigzustellen und zu beschließen", sagte
Rehn. Die Staats- und Regierungschefs kommen am 8. und 9. Dezember zu einem
Treffen zusammen. Der Termin sei "in der Tat von sehr hoher Bedeutung",
sagte auch Schäuble. "Das wissen wir und sind entschlossen,
Entscheidungen zu treffen."