16.11.11

Nationalsozialistischer Untergrund

Niedersachsens Verfassungsschutz ließ Holger G. gewähren

Behörde und Innenministerium in Hannover haben eine Panne bei der Fahndung nach der Neonazi-Terrorzelle NSU eingeräumt. Holger G. sei 1999 observiert, aber lediglich als Mitläufer eingestuft worden.

Foto: dpa/DPA
Unter Beobachtung, aber nur drei Tage lang: Das mutmaßliche Mitglied der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), Holger G. (M., hier nach seiner Festnahme), ist vom niedersächsischen Verfassungsschutz versehentlich als Mitläufer eingestuft worden
Unter Beobachtung, aber nur drei Tage lang: Das mutmaßliche Mitglied der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), Holger G. (M., hier nach seiner Festnahme), ist vom niedersächsischen Verfassungsschutz versehentlich als Mitläufer eingestuft worden

Hannover/Karlsruhe/Baden-Baden. Bei der Fahndung nach der rechtsextremistischen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und der Beobachtung Holger G.s haben Innenministerium und Verfassungsschutz in Niedersachsen schwere Fehler in der Vergangenheit eingeräumt. Der als mutmaßlicher Komplize des Zwickauer Neonazi-Trios Uwe M. Uwe B. und Beate Zschäpe festgenommene Holger G. sei bereits im Herbst 1999 in Niedersachsen auf Bitten aus Thüringen drei Tage lang observiert worden, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans Wargel am Mittwoch in Hannover.

+++ Der Spitzel muss ein Mitläufer sein +++

Der Verdacht sei damals gewesen, dass Holger G. dem untergetauchten Terror-Trio ein Quartier im Ausland vermitteln wollte. Ein Bericht zu der Observation, bei der keine konkreten Erkenntnisse gewonnen werden konnten, sei mit dem Vermerk "Rechtsterrorismus" und den Namen der drei Thüringer an das dortige Landesamt abgegeben worden. In Niedersachsen wurden keine weiteren Maßnahmen ergriffen.

Der heute 37-jährige Holger G. später lediglich als Mitläufer eingestuft worden, so Wargel. "Hier drängen sich einige Fragen auf, warum beim Begriff Rechtsterrorismus nicht alle Alarmglocken angegangen sind", sagte Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Warum der Staatsschutz nicht eingeschaltet und keine Telefonüberwachung angeordnet wurde, müsse untersucht werden. Schünemann machte klar, dass man damals hätte handeln müssen.

+++ NSU: Eine Spur führt zum Verfassungsschutz +++

+++ Ex-Verfassungsschützer wehrt sich und beschuldigt Polizei +++

Die Observation selber sei ergebnislos gewesen und der entsprechende Bericht in Niedersachsen nach drei Jahren gelöscht worden, sagte Wargel. Die Behörden in Thüringen jedoch hätten den Bericht bis heute bewahrt gehabt.

Griesbaum: Keine Hinweise für Kooperation mit Verfassungsschutz

Der amtierende Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum indes sieht offenbar keine Hinweise für eine Zusammenarbeit der beiden inhaftierten Terrorverdächtigen Beate Zschäpe und Holger G. mit dem Verfassungsschutz. Auf die Frage, ob es Hinweise gebe, dass die beiden in irgendeiner Weise mit dem Thüringer Verfassungsschutz kooperiert haben, sagte Griesbaum in einem Interview der "Badischen Neuesten Nachrichten" (Mittwochausgabe) in Karlsruhe: "Uns liegen keine Anhaltspunkte vor, die diese Behauptung stützen könnten."

+++ Rechtsterror gibt immer neue Rätsel auf +++

Zschäpe wird die Gründung und Mitgliedschaft in der NSU vorgeworfen, Holger G. soll die Gruppierung unterstützt haben, die für bundesweit mindestens zehn Morde und einen Nagelbombenanschlag in Köln verantwortlich sein soll.

Rechter Verfassungsschützer arbeitete zwölf Jahre für die Behörde

Auch in Hessen wird über die Rolle des Verfassungschutzes im Ermittlungsverfahren des rechtsextremistischen Terrors disktutiert. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat SPD und Grünen eine Mitverantwortung für die Einstellung eines mutmaßlich rechtsextremen Verfassungsschützers in Hessen vorgeworfen. Der besagte Mitarbeiter sei "im Jahr 1993 oder 1994 eingestellt" worden und habe zwölf Jahre im Verfassungsschutz gearbeitet, sagte Bouffier am Mittwoch in der Haushaltsdebatte im Wiesbadener Landtag.

Mordserie an Ausländern
stepmap.de: Jetzt eigene Landkarte erstellen
StepMap Mordserie an Ausländern


"Es ist offenkundig keiner vorher auf die Idee gekommen, dass es da Verbindungen geben könnte", betonte Bouffier mit Blick auf die bis 1999 reichende Regierungszeit von SPD und Grünen. Bouffier betonte, seine schwarz-gelbe Regierung nehme die Gewalt "von links oder rechts oder wo sie sonst immer herkommt", sehr ernst. "Wir haben selbst das allergrößte Interesse, alle Fakten auf den Tisch zu legen, wie wir sie haben", fügte er hinzu.

Leutheusser-Schnarrenberger schlägt Verzicht auf V-Leute vor

Derweil schlägt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger einen Verzicht des Verfassungsschutzes auf sogenannte V-Leute zur Überwachung der rechtsradikalen Szene vor. Der Einsatz von bezahlten Informanten, "die in einer Grauzone arbeiten, die ja meist aus der Szene selbst kommen", sei etwas, "was allen rechtsstaatlich Denkenden irgendwo unangenehm aufstößt", sagte die FDP-Politikerin am Mittwoch dem SWR2 in Baden-Baden.

zum Dossier

Auch hält sie ein Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme NPD für aussichtslos, "solange V-Leute auf Vorstandsebenen der NPD platziert sind." Allerdings liege die Entscheidung über einen Abzug der V-Leute in der alleinigen Verantwortung der Innenminister.

Beckstein warnt vor Abzug der V-Leute aus der NPD

In der Debatte über ein NPD-Verbot warnt der ehemalige bayerische Innenminister und Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) vor einem Abzug der V-Leute des Verfassungsschutzes aus der Partei. Dies wäre "ein Fehler", sagte Beckstein am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk. Er fügte hinzu: "Wir brauchen ein solches Frühwarnsystem, gerade bei einer solch gewaltbereiten Partei wie der NPD."

Das erste NPD-Verbotsverfahren war vor dem Bundesverfassungsgericht wegen der V-Leute gescheitert. Beckstein ist zwar für ein Verbot der Partei, hält ein neues Verfahren aber nur dann für sinnvoll, wenn "das Bundesverfassungsgericht seine Hürden herabsetzt".

Mit Material von dpa, dapd, epd und kna

Chronologie
Zusammenhängende rechtsextreme Taten der vergangenen Jahre
Januar 1998: In Jena (Thüringen) hebt die Polizei eine Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe B., Uwe M. und Beate Z. aus und stellt Rohrbomben mit dem Sprengstoff TNT sicher. Das Labor war in einer Garage versteckt. Das Trio flieht.
1999: Unbekannte Täter beginnen eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Später werden die Taten Uwe B. und Uwe M. zugeordnet.
9. September 2000: In Nürnberg wird ein türkischer Blumenhändler erschossen.
Bis April 2006 folgen weitere Morde an sieben Türken und einem Griechen, immer mit derselben Waffe und nach dem gleichen Muster. Die Taten werden als sogenannte Döner-Morde bekannt. Die blutige Spur zieht sich quer durch Deutschland: Zwei weitere Morde ereignen sich in Nürnberg (2001, 2005), zwei in München (2001, 2005), je ein Mord in Kassel (2006), Hamburg (2001), Rostock (2004) und Dortmund (2006).
25. April 2007: In Heilbronn wird eine 22 Jahre alte Polizistin erschossen. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt.
2007 bis 2009: Die Ermittler jagen ein Phantom. Gen-Spuren einer angeblichen "Frau ohne Gesicht" werden bei mehr als 35 Straftaten gefunden.
27. März 2009: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn gibt bekannt, dass die Gen-Spuren der "Frau ohne Gesicht" auf einem Laborfehler beruhen.
1. November 2011: In Döbeln bei Leipzig wird am Abend ein Dönerbuden-Betreiber erschossen. Der Täter kann fliehen. Bisher ist unklar, ob es eine Verbindung zu den früheren Döner-Morden gibt.
4. November 2011: Nach einem Banküberfall in Eisenach (Thüringen) werden Uwe B. und Uwe M. tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. In Zwickau (Sachsen) geht die Wohnung, in der beide mit Beate Z. lebten, in Flammen auf.
7. November 2011: Die Dienstpistolen der Heilbronner Polizistin und ihres Kollegen werden in dem ausgebrannten Wohnmobil entdeckt.
8. November 2011: Beate Z. stellt sich der Polizei in Jena.
11. November 2011: Die Bundesanwaltschaft sieht Verbindungen zwischen dem Heilbronner Polizistenmord und der Döner-Mord-Serie.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Spaziergänger an der Außenalster: Regenschirm und dicke Jacken
09:37Kälte und Regen
Schock für Hamburg: Das Wetter bleibt weiterhin mies

Seit Tagen herrscht Schmuddelwetter in Hamburg und Umgebung - und das im vermeintlichen Wonnemonat Mai. Meteorologen befürchten auch für die kommenden Tage keine guten Aussichten. mehr...

Fussball
21.05.13 HAHSV
Arnesen soll noch im Sommer gehen - Rettig der Nachfolger?

Der HSV-Aufsichtsrat hat bereits vor dem Saisonfinale mit drei Nachfolgekandidaten gesprochen. Favorit ist DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig. mehr...

Stasi-Mütze
09:11SED-Erbe
CDU fordert Verbot von DDR-Symbolen

In Uniformen marschieren Ex-Mitglieder eines Stasi-Wachregiments durch Berlin. Solche Provokationen will die Union künftig verhindern – und Symbole des DDR-Saats verbieten. mehr...


Ein israelischer Stützpunkt im Hermongebirge auf den Golanhöhen – zuletzt kam es in dem Grenzbereich wiederholt zu Schusswechseln
07:06Golanhöhen
Israelische Armee erwidert Beschuss aus Syrien

Nachdem israelische Streitkräfte auf den Golanhöhen von Syrien aus unter Beschuss geraten sind, haben sie das Feuer erwidert. Die mit dem Iran verbündete Hisbollah hatte neue Angriffe angekündigt. mehr...

Multimedia
Terror von Rechts

Juni 2001: Nazi-Mord in Hamburg

Alles über Ihre Straße

Top-Videos
Sport
HSV-Sportchef Arnesen massiv in der Kritik

HSV-Sportchef Arnesen massiv in der Kritikmehr »

Top Bildergalerien mehr

Monster-Tornado in Oklahoma

Rothenburgsort

Reh vor dem Ertrinken gerettet

Die ESC-Party auf der Reeperbahn

2. Liga

Die Bilder zu Lautern - St. Pauli

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr