Deutschland
Hamburger Hausalt
Länder wollen Steuerpläne der Regierung kippen
08.11.2011, 07:10
Uhr
08.11.2011, 07:10
Uhr
Sascha Balasko, Karsten Kammholz und Christian Unger
Die Steuer-Reform soll im Bundesrat blockiert werden. Entlastungen würden in den Hamburger Haushalt ein Loch von 100 Millionen Euro reißen.
NAch den Plänen der Koalition soll Finanzminister Wolfgang Schäuble auf sechs Milliarden Euro verzichten, damit kleinere Einkommen entlastet werden können
Foto: AFP
Hamburg/Berlin.
Wer Grundschülern erklären muss, wie das eigentlich funktioniert mit der
Politik, der Koalition und ihrer Opposition, der findet ausreichend
musterhaften Lehrstoff in der Debatte um Steuersenkungen. Zum Beispiel so
einen Satz vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsident Kurt Beck: "Was
Frau Merkel und ihre Koalitionspartner da gestern Abend beschlossen haben,
ist im Wesentlichen eine politische Mund-zu-Mund-Beatmung für die
sterbenskranke FDP." Es ist eine von vielen Stimmen der Opposition, die
gestern die Pläne der Kanzlerin und ihrer Koalition mit den Liberalen zur
Senkung der Steuern attackierten.
Es ist Tag eins, nachdem die schwarz-gelbe Koalition nach zähem und langem
Ringen verkündet hat, einen Durchschnittsverdiener in zwei Stufen ab 2014
monatlich um knapp 20 Euro zu entlasten. Und Tag eins gehört meist der
Opposition. Die Entlastung der Steuerzahler sei mickrig, aber die Belastung
für den Haushalt erheblich, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Man
prüfe eine Verfassungsklage wegen eines möglichen Verstoßes gegen die
gesetzliche Schuldenbremse.
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Steuerschätzer rechnen mit plus 40 Milliarden +++
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Steuersenkungen von schwarz-gelb droht das Aus +++
Am Sonntagabend hatten die Spitzen der Berliner Koalition, CDU-Chefin Angela
Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und der oberste Liberale Philipp Rösler ihre
Entlastungsziele vorgestellt: Der Grundfreibetrag soll um rund 350 Euro
angehoben werden. Zudem wird die steuerliche Tarifkurve angepasst, um die
sogenannte kalte Progression zu bekämpfen. Nach Berechnungen des
Steuerzahlerbundes können Bürger mit einem jährlich zu versteuernden
Einkommen ab 56 000 Euro mit einer Ersparnis von 364 Euro rechnen. Bezieher
eines Einkommens von 30 000 Euro sparen jährlich 167 Euro. Prozentual
allerdings profitieren Geringverdiener am stärksten. Bei einem Einkommen bis
9000 Euro liegt die Ersparnis bei 36 Prozent. Insgesamt sollen 2013 und 2014
alle Einkommen um sechs Milliarden Euro entlastet werden.
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Bei der FDP nahm man die Einigung mit Erleichterung auf. Die FDP war bereits
mit Steuersenkungsversprechen in den Wahlkampf gestartet, hatte sich aber
bislang vor allem an Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Zähne
ausgebissen. Der hatte sich allerdings am Freitag auf höhere Steuereinnahmen
freuen dürfen: Laut Steuerschätzerkreis wird der Fiskus von 2011 bis 2015
fast 40 Milliarden Euro mehr einnehmen, als noch im Mai berechnet worden war.
Die vereinbarten Erleichterungen fallen zwar moderat aus. Dennoch lobte
Außenminister Guido Westerwelle im Abendblatt-Interview die Einigung: "Zusammen
mit den Beschlüssen von Anfang der Legislaturperiode wird eine vierköpfige
Familie im Schnitt um etwa 500 Euro pro Jahr entlastet. Gleichzeitig führen
wir die Schuldenaufnahme zurück", sagte Westerwelle. "Das
zeigt: Die FDP hält Wort."
Allerdings sieht es mittlerweile so aus, als könnte das Vorhaben der Koalition
schon wenige Stunden nach dem Vorstoß scheitern. Im Bundesrat droht den
Plänen das Aus. Baden-Württemberg ist dagegen, Bremen, Berlin und
Rheinland-Pfalz auch. Sogar CDU-Ministerpräsidentin Annegret
Kramp-Karrenbauer im Saarland äußerte sich im Gegensatz zu anderen
CDU-Ministerpräsidenten skeptisch. Sie sehe kaum Spielraum, einer solchen
Reform zuzustimmen.
Und auch Hamburg übt Kritik an den Plänen der Koalition. Hamburgs
Bürgermeister Olaf Scholz warnte vor Steuersenkungen. "Die
Konsolidierung der öffentlichen Haushalte muss Vorrang haben. Es gibt keine
Spielräume für Steuersenkungen", sagte Scholz dem Abendblatt.
Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) kritisierte das Vorhaben der
Regierung ebenfalls als "nicht verantwortungsvoll". "Sie
unterlaufen die Konsolidierungsbemühungen der Bundesländer",
sagte Tschentscher dem Abendblatt.
Nach Einschätzung der SPD-Bürgerschaftsfraktion wird die Steuerentlastung den
Haushalt von Hamburg 2013 mit rund 36 Millionen Euro belasten. Im Jahr
darauf sollen es 72 Millionen Euro sein. Danach bedeute eine Einsparung im
Bund in Höhe von einer Milliarde Euro rund 18 Millionen Euro im Jahr weniger
für die Hansestadt.
Dazu sagte der SPD-Fraktionschef Andreas Dressel: "Die schwarz-gelben
Steuersenkungspläne reißen neue, millionenschwere Löcher in den Hamburger
Haushalt. Ich fordere die Fraktionschefkollegen Dietrich Wersich und Katja
Suding auf, den Hamburgern klar zu sagen, wer für die Gegenfinanzierung in
Hamburg nach ihrer Meinung bluten soll."