28.10.11

Berlin

SPD und Linke machen Front gegen sinkende Rentenbeiträge

Sozialverbände und Gewerkschaften wollen lieber ärmere Rentner stärken, statt Beiträge zu senken. Koalition setzt Signal für Arbeitnehmer.

Foto: picture alliance/chromorange
Mehr Geld für ärmere Rentner - das fordern Sozialverbände und Gewerkschaften
Mehr Geld für ärmere Rentner - das fordern Sozialverbände und Gewerkschaften

Würzburg/Berlin. Es war einer der Tage, an denen Norbert Blüm noch einmal in seinen politischen Kampfanzug schlüpfte. Er, der 16 Jahre als Arbeitsminister das Credo der sicheren Rente gepredigt hatte und zusehen musste, wie sein SPD-Nachfolger Walter Riester die private Zusatzvorsorge einführte, warf sich noch einmal für sein politisches Lebenswerk ins Zeug. "Wer jetzt noch sagt, die private Rentenversicherung sei besser als die blümsche Rentenversicherung, der hat die vergangenen Jahre entweder in der Antarktis auf der Eisscholle oder in der Sahara ohne Handyempfang gelebt", sagte Blüm dem Abendblatt. Die Rentenversicherung biete viel mehr Sicherheit als alle anderen Rentenmodelle. "Diese Sicherheit bietet die Riester-Rente nicht."

Blüms Selbstbewusstsein hatte seinen Grund. Deutlich stärker als angenommen werden die Renten vom 1. Juli 2012 an steigen. Und die Entwicklung der Rentenkasse eröffnet die Möglichkeit, den Beitragssatz für Arbeitnehmer und Firmen zu senken. Die Senkung wird dann fällig, wenn in den Rentenkassen eineinhalb Monatsausgaben als Reserve angespart sind. Opposition, Gewerkschaften und Sozialverbände warnten allerdings umgehend vor einer Absenkung. Die Vizevorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Elke Ferner, sagte dem Abendblatt: "Die Bundesregierung sollte auf die mögliche Absenkung der Rentenbeiträge verzichten. Die Rücklagen können sinnvoller verwendet werden. So müssten die Erwerbsminderungsrenten dringend gestärkt werden." Linken-Parteichef Klaus Ernst erklärte, dass nach zehn Jahren Rentenkürzung Beitragssenkungen nicht in die Landschaft passten. "Wenn es mehr Einnahmen gibt, muss es mehr Rente geben. Die Überschüsse sollten vor allem für die Einführung einer Mindestrente und die Rücknahme der Rente ab 67 eingesetzt werden", forderte er. Auch Ex-Arbeitsminister Blüm sprach sich gegen Beitragssenkungen 2012 aus. Das Hin und Her der Beiträge mache keinen Sinn.

Der CSU-Landesgruppengeschäftsführer Stefan Müller wies die Forderungen der Opposition klar zurück: "Die Sozialkassen sind keine Sparbüchsen", sagte er dem Abendblatt. Wenn es finanzielle Spielräume für Beitragssenkungen gebe, dann sollten sie auch genutzt werden. "Entscheidend ist aber, dass die Senkungen auch nachhaltig sind." Der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Karl-Josef Laumann, stellte klar: "Die Diskussion ist überflüssig." Es gebe einen gesetzlichen Automatismus in der Rentenversicherung: Steigt die Rücklage über ein bestimmtes Niveau, dann wird der Beitrag gesenkt. Es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern. Es ist richtig, die Beitragszahler zu entlasten", sagte Laumann.

+++ Zuschussrente gegen die Altersarmut +++

+++ Immer mehr Frührentner in Deutschland +++

+++ Rentner kommen ohne Arbeit kaum über die Runden +++

Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hatte allerdings ergeben: Vier von fünf Deutschen wollen die Rentenbeiträge auf ihrem Niveau belassen. In der Krise kommt den Bürgern offenbar eine Entlastung suspekt vor. Selbst die Anhänger von Union (71 Prozent) und FDP (64 Prozent) bevorzugen eine stärkere Bekämpfung der Altersarmut. "Die Menschen wollen mehr Sicherheit im Alter" - und eben keine kleine Beitragssenkung, so DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Dabei könnte die schwarz-gelbe Regierungskoalition die Beitragssenkung auf ihre ohnehin geplante "Steuersenkung light" anrechnen und so einen politischen Erfolg verbuchen. Dass die prall gefüllte Rentenkasse Begehrlichkeiten in Berlin wecken könnte, schwant auch dem Präsidenten der Rentenversicherung, Herbert Rische: "Je mehr Geld da ist, desto sinnlicher wird die Politik. Und wenn sie sinnlich ist, gibt sie Geld aus."

Rische übte im Verbund mit Gewerkschaften und Arbeitgebern auch Kritik an den Plänen von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gegen Altersarmut. Die von ihr geplante Zuschussrente sei nicht das richtige Rezept gegen Altersarmut, sagte der Arbeitgebervertreter in der Rentenversicherung, Alexander Gunkel. Von der Leyens bislang vorliegendes Konzept sieht eine Art Mindestrente von 850 Euro im Monat vor. Allerdings ist das an strenge Voraussetzungen geknüpft. Wer diese Zuschussrente beantragt, muss 45 Jahre rentenrechtliche Zeiten aufweisen, davon 35 Jahre eingezahlt haben und eine private Rentenversicherung wie eine Betriebsrente oder eine Riester-Rente abgeschlossen haben. Im Alter wird dann außerdem geprüft, ob der Partner deutlich höhere Einnahmen hat.

Arbeitgebervertreter Gunkel machte klar, dass von der Leyens Rechnung nicht aufgeht: Wenn beispielsweise eine Verkäuferin während ihres Arbeitslebens 60 Prozent vom Durchschnittslohn verdient hat, ihr Kind bis zum zehnten Lebensjahr zu Hause betreut hat, sieht die Bilanz so aus: Sie bekommt 590 Euro gesetzliche Rente, 100 Euro aus dem Riester-Vertrag und 160 Euro Zuschussrente vom Staat, um auf 850 Euro zu kommen. Wenn dieselbe Frau nur bis zum sechsten Lebensjahr des Kindes zu Hause bleibt, erhält sie 700 Euro gesetzliche Rente, 100 Euro von Riester, aber nur 50 Euro Zuschussrente. Im Alter hätte sie nach von der Leyens Plänen also nicht mehr Geld, obwohl sie länger gearbeitet hat. Das kritisiert auch der DGB: "Wir finden auch die Pflicht zur Riester-Rente problematisch, weil es viele Geringverdiener gibt, die sich die private Altersvorsorge nicht leisten können", sagte DGB-Vorstand Buntenbach. Rentenpräsident Rische warnte außerdem vor neuer Bürokratie, sollten von der Leyens Pläne nicht noch abgewandelt werden.

Die Anpassungssätze seit dem Jahr 2000:

2000: Zum 01.07. um 0,60 Prozent (Westdeutschland) und 0,60 Prozent (Ostdeutschland)

2001: Zum 01.07. um 1,91 Prozent (West) und 2,11 Prozent (Ost)

2002: Zum 01.07. um 2,16 Prozent (West) und 2,89Prozent (Ost)

2003: Zum 01.07. um 1,04 Prozent (West) und 1,19Prozent (Ost)

2004: Keine Anpassung

2005: Keine Anpassung

2006: Keine Anpassung

2007: Zum 01.07. um 0,54 Prozent (West) und 0,54Prozent (Ost)

2008: Zum 01.07. um 1,10 Prozent (West) und 1,10Prozent (Ost)

2009: Zum 01.07. um 2,41 Prozent (West) und 3,38Prozent (Ost)

2010: Keine Anpassung

2011: Zum 01.07. um 0,99 Prozent (West) und 0,99Prozent (Ost)

2012: Zum 01.07. um 2,30* Prozent (West) und 3,20* (* = Prognose)

Rente in Europa
EU-weit wird das Rentenalter angehoben. Ein Überblick:
In Deutschland kommt die Rente mit 67. Zwischen 2012 und 2029 wird das Renteneintrittsalter stufenweise von 65 Jahren angehoben. Wer mindestens 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, kann auch künftig bei vollen Bezügen mit 65 Jahren aufhören zu arbeiten. Ab 35 Beitragsjahren bleibt es zwar beim frühestmöglichen Renteneintritt mit 63 Jahren. Aber es wird ein Abschlag von 14,4 Prozent auf die Rentenzahlung fällig.
Frankreich hat mit 60 Jahren EU-weit das niedrigste Renteneintrittsalter, nun wird erbittert um eine Anhebung auf 62 Jahre bis 2018 gestritten. Die Gewerkschaften organisierten Massenproteste gegen die Regierungspläne, das Parlament soll nach der Sommerpause abstimmen. Erschwert wird das Vorhaben durch eine Finanzaffäre um die L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, in die der zuständige Arbeitsminister Eric Woerth verwickelt sein soll.
In Griechenland hat die Regierung im Gegenzug für die Rettungshilfen von 110 Milliarden Euro auf Druck der EU deutliche Einschnitte bei den Renten angekündigt. Das tatsächliche Eintrittsalter soll von derzeit 61,5 auf 65 Jahre steigen. Die 13. und 14. Monatsrente wird gestrichen.
In Spanien will die Regierung das gesetzliche Rentenalter ähnlich wie in Deutschland von derzeit 65 auf 67 Jahre erhöhen. Auch hier gibt es massive Proteste gegen das Vorhaben, das noch vom Parlament besiegelt werden muss.
Die britische Regierung hat bisher europaweit die am weitesten gehenden Pläne. Die Briten müssen sich bis 2046 auf die Rente mit 68 einstellen. Derzeit liegt das Rentenalter für Frauen in der Regel bei 60 und für Männer bei 65 Jahren. Bis 2020 soll die Altergrenze für Frauen schrittweise auf ebenfalls 65 Jahre steigen. Zusatzrenten sind in Großbritannien weit verbreitet.
Das Renteneintrittsalter in der EU im Überblick: Belgien: Gesetzliches Rentenalter 65 (tatsächliches Renteneintrittsalter 61,6). Deutschland: 65 (61,7). Estland: 63 Männer, 61 Frauen (62,1). Finnland: 65 (61,6). Frankreich: 60 (59,3). Griechenland: 65 (61,4). Großbritannien: Männer 65, Frauen 60 (63,1). Irland: 65 (64,1). Italien: 62,5 (60,8). Lettland: 62 (62). Litauen: 61 (59,9). Luxemburg: 65 (59,4). Malta: 60,5 (59,8). Niederlande: 65 (63,2). Österreich: 62,5 (60,9). Polen: 62,5 (59,3). Portugal: 65 (62,6). Rumänien: 64 (64). Schweden: 64 (63,8). Slowenien: 62 (59,8). Slowakei: 62 (58,7). Spanien: 65 (62,6). Tschechien: 62 (60,6). Ungarn: 62 (59,8). Zypern: 65 (63,5).
Quelle: dpa/abendblatt.de
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

HSV-Sportdirektor Frank Arnesen hat derzeit reichlich Gegenwind
11:15HSV
"Lauter Fallobst": Scharfe Kritik an Sportchef Arnesen

Nach Netzer schießen jetzt auch Schnoor und Hartwig gegen den Dänen. Arnesen habe "die falschen Spieler verpflichtet". Auch Son sei "nicht der große Spieler, zu dem er immer gemacht wird". mehr...


Am Sonntag kamen mehr als 20.000 Besucher zur IGS. Die Veranstalter hatten sich noch mehr erhofft.
18:33IGS in Wilhelmsburg
Pfingst-Regen kostet Gartenschau Besucher

Das lange Pfingst-Wochenende sollte der Durchbruch der Internationalen Gartenschau werden. Doch die Feiertage waren in Hamburg kühl, zeitweise regnete es sogar kräftig. Die Veranstalter wollen jetzt… mehr...


Helfer der Freiwilligen Feuerwehr haben am Montagvormittag einen jungen Rehbock vor dem Ertrinken gerettet
16:01Rettungsaktion
Feuerwehr rettet Reh vor dem Ertrinken

Helfer der Freiwilligen Feuerwehr haben am Montagvormittag einen jungen Rehbock vor dem Ertrinken gerettet. Das Tier steckte im Elbschlick fest und konnte sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien. mehr...


Sieht gute Chancen für eine erfolgreiche Klage: Bettina Wulff will nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zur automatischen Vervollständigung bei Google nun mit ihrem eigenen Verfahren wieder durchstarten
16:09Escort-Gerüchte
Bettina Wulff will Google-Verhandlung im Herbst starten

Laut Medienbericht treibt die ehemalige First Lady nach dem Grundsatzurteil gegen Google ihr eigenes beim Hamburger Landgericht anhängiges Verfahren gegen den Internetkonzern voran. mehr...

Multimedia

Hintergründe und Fakten zur Rente

Alles über Ihre Straße

Top-Videos
Block House zeigt:
Matz ab nach dem 0:1 gegen Leverkusen

Nach der Bundesliga-Partie gegen Bayer Leverkusen diskutierten Dieter Matz und Marcus Scholz mit den Ex-Profis Harry Bähre und Klaus Fock…mehr »

Top Bildergalerien mehr
Rothenburgsort

Reh vor dem Ertrinken gerettet

Tornados wüten in vier US-Staaten

Die ESC-Party auf der Reeperbahn

2. Liga

Die Bilder zu Lautern - St. Pauli

Hamburg Guide mehr
Weitere Dienste alle Dienste
Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr