23.09.11

Benedikt XVI. in Deutschland

Historische Rede im Bundestag: Der grüne Papst

Während Benedikt XVI. vor den Abgeordneten Deutschlands Umweltbewegung lobt, demonstrierten in Berlin rund 9000 Menschen gegen den Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes.

Von Karsten Kammholz
Foto: Getty

Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) wird von Papst Benedikt XVI. empfangen

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Berlin. Es waren 20 Minuten, die Geschichte schrieben. Am ersten Tag seiner Deutschlandreise hat Papst Benedikt XVI. im Bundestag der Politik ins Gewissen geredet . Der 84-Jährige erinnerte an die Errungenschaften der Ökobewegung. "Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist."

So etwas sei auch heute nötig, betonte der Papst. "Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen." Jungen Menschen sei damals bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht mehr stimme, und sie hätten gehandelt.

+++ Die Bundestagsrede von Benedikt XVI. in Auszügen +++

Benedikt XVI. machte zugleich deutlich, dass seine Sätze nicht als Lob für die Grünen ausgelegt werden sollten. "Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache - nichts liegt mir ferner als dies", sagte er lächelnd.

Papstbesuch

Noch nie zuvor hatte ein Oberhaupt der katholischen Kirche vor einem deutschen Parlament eine Rede gehalten. Benedikt XVI., der zum dritten Mal nach der Wahl zum Papst sein Heimatland besucht, nutzte die Gelegenheit zu einem eindringlichen Appell für mehr Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Natur und Schöpfung dürften nicht ausschließlich nach funktionalen Gesichtspunkten bewertet werden. Es könne nicht sein, dass nur noch eine solche Denkweise gelte, Ethos und Religion aber außen vor blieben. "Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist." Die Rede wurde überwiegend mit großem Zuspruch und langem Applaus aufgenommen. Allerdings hatten Dutzende Abgeordnete Benedikts Besuch im Bundestag boykottiert. 48 der 76 Plätze der Linksfraktion blieben leer. Dagegen waren die Reihen der schwarz-gelben Koalition und die von SPD und Grünen dicht besetzt.

Während der Papst im Bundestag sprach, demonstrierten in Berlin rund 9000 Menschen gegen seinen Besuch. Ein Aktionsbündnis aus rund 70 Verbänden, darunter Schwulen- und Lesbengruppierungen, hatte zu dem Protest aufgerufen. Auf dem Flug von Rom nach Berlin äußerte Benedikt vor Journalisten Verständnis für die Kritik. "Proteste sind normal in einem säkularisierten demokratischen Land." Zum Thema Missbrauch betonte der Papst, die Kirche müsse jeden einzelnen Fall entschieden bekämpfen. Er sagte: "Ich kann verstehen, dass angesichts von Verbrechen wie dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester Personen, die den Opfern nahestehen, sagen: Dies ist nicht meine Kirche, die Kirche ist eine Kraft der Humanität und Moral, und wenn ihre eigenen Leute das Gegenteil tun, kann ich nicht mehr in dieser Kirche sein."

+++ Debatte: Der Papst im Sog der Eventkultur +++

Beim Empfang des Papstes im Schloss Bellevue sagte Bundespräsident Christian Wulff, Deutschland sei ein Land, "in dem der christliche Glaube sich nicht mehr von selbst versteht". Daher stelle sich auch immer wieder die Frage an die Kirche: "Wie barmherzig geht sie mit den Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um?" Damit spielte der Katholik Wulff auch auf seine eigene Situation als wieder verheirateter Geschiedener an, dem nach der katholischen Lehre die Teilnahme an der Kommunion (Abendmahl) verwehrt ist. Ausdrücklich lobte Wulff das Treffen des Papstes im "Stammland der Reformation" mit Vertretern der evangelischen Kirche, das heute in Erfurt stattfindet.

Zum Abschluss des ersten Tages seines Staatsbesuchs feierte Benedikt XVI. mit 61 000 Gläubigen eine Messe im Berliner Olympiastadion.

Die wichtigsten Fakten zum Papst-Besuch
Von seiner Mission, über die Sicherheit bis zur Live-Übertragung
Am Donnerstag schwebt er nach Berlin ein: Papst Benedikt XVI., formerly known as Joseph Ratzinger, wird um 10.30 von Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin-Tegel erwartet. Es ist sein erster Staatsbesuch in Deutschland, seiner Heimat. Doch es ist nicht seine erste Visite, seit er der Pontifex maximus ist, der größte Priester, der Nachfolger des Apostels Petrus, das Oberhaupt der katholischen Kirche. Vier Tage soll Benedikt in Deutschland sein. Auf abendblatt.de finden Sie hier wichtige Fakten und überraschende Details.
Als Papst ist Benedikt XVI. zum dritten Mal in Deutschland. Anders als 2006 steht diesmal kein Abstecher in die bayerische Heimat von Joseph Ratzinger auf dem Programm. 2005 war er bereits beim Weltjugendtag in Köln.
Die Gottesdienste werden Massenveranstaltungen mit insgesamt rund einer Viertelmillion Besuchern. Am Donnerstagabend wird das Berliner Olympiastadion mit 70.000 Gläubigen wohl bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Ursprünglich sollte die Messe vor dem Schloss Charlottenburg stattfinden, dort wurde es jedoch zu eng. Am Sonnabend wird Benedikt XVI. in der Nähe der Wallfahrtskirche Etzelbach bei Erfurt auf einem rund 20 Hektar großen Feld eine Marienvesper mit mehr als 50.000 Menschen feiern. Weitere große Gottesdienste finden am Sonnabend auf dem Erfurter Domplatz sowie am Abend mit Jugendlichen auf dem Freiburger Messegelände statt. Zehntausende Pilger werden am Sonntag zur Heiligen Messe auf dem City Airport Gelände in Freiburg erwartet.
Mit Spannung wird die Rede des Papstes am Donnerstag im Bundestag erwartet. Es ist das erste Mal, dass ein Religionsführer vor dem Parlament spricht. Einige Oppositionsabgeordnete haben angekündigt, die Rede zu boykottieren, da sie die religiöse Neutralität des Staates verletzt sehen. Politisch geprägt sein soll auch die Rede zum Abschluss der Reise am Sonntagabend im Konzerthaus Freiburg.
Bundespräsident Christian Wulff wird den Papst im Schloss Bellevue mit militärischen Ehren willkommen heißen und an den meisten Programmpunkten teilnehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft den Papst zum Gespräch für eine halbe Stunde in der Katholischen Akademie in Berlin. Auch mit den Richtern des Bundesverfassungsgerichts sowie mit Ex-Kanzler Helmut Kohl wird der Papst zusammenkommen.
Immer mehr Mitglieder kehren der katholischen Kirche den Rücken. Im vergangenen Jahr waren es 181.000 und damit so viele wie noch nie. Ende 2010 gehörten der katholischen Kirche 24,6 Millionen Menschen an. Noch immer hängen ihr die Folgen des Missbrauchsskandals nach, bei dem sich Würdenträger an Kindern und Jugendlichen vergriffen. Die Kirche erhofft sich durch den Papstbesuch somit positive Impulse und neuen Zulauf.
Die Kirche rechnet mit Kosten von 25 bis 30 Millionen Euro. Für jeden Katholiken ist dies etwa ein Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Sicherheitsvorkehrungen und den Schutz des Papstes, für die die Bundesrepublik aufkommt. Sie lassen sich laut Innenministerium noch nicht beziffern.
Wie bei früheren Reisen wird der Papst Vertreter des Judentums, des Islams und der orthodoxen Kirchen treffen. Mit 35 Minuten die längste Zeit ist für die Begegnung mit der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgesehen.
Aus Protest gegen die Papstrede im Bundestag wollen rund die Hälfte aller Abgeordneten der Linksfraktion sowie Parlamentarier von Grünen und SPD der Rede fernbleiben. Parallel findet eine Demonstration gegen den Papstbesuch statt, dem sich viele der Abgeordneten anschließen wollen. Die Demo, zu der bis zu 20.000 Teilnehmer erwartet werden, richtet sich gegen die Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes.
Die Behörden des Bundes kommen zu dem Ergebnis, dass für den Papst eine "hohe Gefährdung" besteht. Zuständig für die Sicherheit des neben US-Präsident Barack Obama best bewachten Menschen der Welt sind das Bundeskriminalamt und die Sicherheitsbehörden der Länder. Aus Rom reisen vier vatikanische Gendarmen und zwei Schweizer Gardisten mit. Strenge Vorgaben gelten für eine Demo in Berlin, die per laut nicht am Brandenburger Tor starten darf.
Fast jeder Schritt des Papstes wird im Fernsehen live übertragen. Insgesamt berichten über 3600 Journalisten aus mehr als 30 Nationen über das Ereignis.
Vom 21. bis 23. Juni 1996 kam der 1978 zum Papst gewählte Johannes Paul II. zum letzten Mal nach Deutschland. Stationen waren Paderborn und Berlin. In der Hauptstadt durchschritt das Kirchenoberhaupt das Brandenburger Tor. Bei einem Gottesdienst im Olympiastadion sprach er die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ums Leben gekommenen Priester Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner selig.
Seine zweite Pastoralreise nach Deutschland vom 30. April bis 4. Mai 1987 führte Johannes Paul II. zunächst nach Köln, wo er die von den Nationalsozialisten ermordete Ordensschwester Edith Stein seligsprach. Es folgten Stationen in Bonn, Münster, Kevelaer, Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, München, Augsburg und Speyer. In München sprach er den Jesuitenpater Rupert Mayer selig, der Widerstand gegen das Hitler-Regime geleistet hatte.
Der erste Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1980 war dessen achte Pastoralreise. Die Reise war vor allem deswegen eine Sensation, weil zuletzt 1782 ein Papst Deutschland bereist hatte. Stationen des gebürtigen Polen waren Bonn, Brühl, Osnabrück, Mainz, Fulda, Altötting und München.
Vor Johannes Paul II. war zuletzt mit Pius VI. am 22. Februar 1782 ein Papst zu Gast in Deutschland. Bei Neunkirchen traf er mit Kaiser Joseph II. zusammen. Von dort fuhren beide nach Wien. Der vorherige Papstbesuch wiederum lag 350 Jahre zurück. So weilte Papst Martin V. im Jahr 1417 in Deutschland. Der erste Besuch eines Papstes auf deutschem Boden ist aus dem Jahr 799 überliefert. Damals weihte Leo III. in Paderborn eine Kirche. Vor allem aber suchte er bei Frankenkönig Karl Hilfe gegen die Aufständischen in Rom, die Anhänger seines Vorgängers, Hadrian I., waren. Mit Benedikt VIII. war im Jahr 1020 in Bamberg und Würzburg auch schon ein Namensvorgänger des heutigen Papstes zu Gast.
Beim jetzigen Papstbesuch geben im Fernsehen die Programme der öffentlich-rechtlichen Sender den Ton an. ARD und ZDF wollen sich vom 22. bis 25. September in der Live-Berichterstattung abwechseln und nicht wie kürzlich bei der Hochzeit von Prinz William und Kate in England zum Teil identische Bilder übertragen. Auch die Nachrichtensender Phoenix, n-tv und N24 werden zeitweilig live dabei sein.
Am Sonnabend sprach Benedikt XVI. bereits "Wort zum Sonntag". Am 22. September überträgt das ZDF von 10.03 Uhr bis 13 Uhr live aus Berlin die Ankunft des Pontifex auf dem Flughafen Tegel, den Empfang durch Bundespräsident Christian Wulff in Schloss Bellevue und die Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vor dem Schloss Bellevue moderieren Michaela Pilters, ZDF-Chefredakteur Peter Frey und Hauptstadtstudio-Chefin Bettina Schausten.
Am Nachmittag um 15.55 Uhr übernimmt die ARD die Berichterstattung mit der Rede des Papstes im Bundestag. Danach feiert Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion eine zweistündige Messe, zu der 70.000 Gläubige erwartet werden. Auch der Nachrichtensender N24 ist im Bundestag ab 16 Uhr dabei und begleitet das geistliche Oberhaupt anschließend ins Olympiastadion. Auch der Ereigniskanal Phoenix will ausführlich live vom Papstbesuch berichten – insgesamt rund 17 Stunden: Am 22. September von 10 bis 18 Uhr, am 23. September von 10 bis 13 Uhr, am 24. September von 18 bis 20.15 Uhr und am 25. September von 16.30 bis 19.30 Uhr.
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