"Wir tun, als gäbe es die Kinder nicht . . ."
Arme Familien? Eltern zahlen zu viele Steuern und haben zu wenig Zeit, beklagt die Hamburger Familienexpertin Susanne Mayer. Sie fordert eine radikal andere Politik nach dem Vorbild Skandinaviens
Hamburg. ABENDBLATT: Sie haben mit Ihrem Buch "Deutschland armes Kinderland" eine ernüchternde Bestandsaufnahme vorgelegt. Was ist los mit der Familie?
SUSANNE MAYER: Familien sind eine Minderheit geworden. Es fehlt ihnen häufig an den wichtigsten Ressourcen - an Zeit und an Geld für sich und ihre Kinder. Und an politischer Einflussnahme; die Mehrheit der Wähler ist längst kinderlos. Familien ziehen ihre Kinder in einer Welt groß, die so organisiert ist, als gäbe es gar keine Kinder.
ABENDBLATT: Wer sich mit Kindern abmüht, ist also arm dran?
MAYER: Der Anteil der Kinder, die von Sozialhilfe leben müssen, ist doppelt so hoch wie der erwachsener Bürger. Obwohl bei uns sechs Millionen Kinder weniger leben als noch vor 30 Jahren, schaffen wir es nicht, gut für sie zu sorgen. Und Pisa hat gezeigt: Auch die Bildung, die wir den Kindern bieten, ist oft armselig.
ABENDBLATT: Wie ist die Ungleichverteilung zu erklären?
MAYER: Ein Beispiel: Jedem Bürger wird ein steuerfreies Existenzminimum gewährt, ein unantastbarer Betrag für Heizung, Essen, Kleidung. Für ein Kind ist dieser Betrag nur halb so hoch wie für einen Erwachsenen, obwohl jeder weiß, dass die Kleinen dauernd aus ihrer Kleidung herauswachsen, ein Heranwachsender gern doppelt so viel isst wie ein Erwachsener, Babys viele teure Pampers brauchen. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof hat schon vor langer Zeit vorgeschlagen, jedem Bundesbürger, egal wie alt er ist, ein steuerfreies Existenzminimum von 8000 Euro im Jahr zu gewähren. Dann könnte man das Kindergeld abschaffen, mit dem heute die Steuer auf das Existenzminimum der Kinder zurückgezahlt wird. Ein umständliches Verfahren, das nur Unfrieden stiftet, weil der Eindruck entsteht, Leute ohne Kinder würden Familien subventionieren.
ABENDBLATT: Was ist falsch an diesem Eindruck?
MAYER: Schauen Sie sich die Beiträge zu den Sozialversicherungen an. Sie richten sich nach dem Bruttoeinkommen, ungeachtet der Frage, ob einer das Geld für sich alleine hat oder es mit anderen teilt. Kinder im Haushalt werden übersehen. Aber wir führen eine Neid-Diskussion über so genannte Besserverdienende. Dabei ist ein Haushalt mit 5100 Euro keineswegs besser gestellt als einer mit 3100 Euro, wenn in dem ersten Haushalt ein Paar mit drei Kindern lebt und in dem zweiten ein Paar allein.
ABENDBLATT: Gerade wird wieder über eine Reform des Rentensystems diskutiert. Welche Rolle spielen dabei Kinder und Familienarbeit?
MAYER: Es wird so getan, als brauche man im Alter vor allen Dingen Geld, die Leute sollen also in Aktienfonds investieren. Falsch! Wir müssen in Kinder investieren, denn damit das System funktioniert, brauchen wir vor allem nachwachsende junge Menschen. Solche, die später für sich, für die Alten und hoffentlich auch für neue junge Menschen den Unterhalt verdienen, und solche, die jene Fürsorge geben, die Ältere und Junge brauchen. Doch bisher sind alle Leistungen an die Erwerbsarbeit gekoppelt, weil wiederum übersehen wurde, dass die Fürsorge auch Leistung ist, stundenmäßig betrachtet sogar die größere gesellschaftliche Leistung. Familienarbeit ist ein Job, der pro Kind über 15 Jahre lang mindestens neun Stunden Arbeit am Tag verlangt.
ABENDBLATT: Aber wer soll das bezahlen?
MAYER: Die Kosten werden nicht mehr, wenn man sie verteilt. Wenn Eltern, um Kinder gut versorgen zu können, ihren Job aufgeben, kostet sie das im Durchschnitt 33 000 Euro im Jahr, und niemand schreit auf: Wie können die das bezahlen? Wenn eine Frau mit guter akademischer Ausbildung ihren Beruf nicht ausübt, werden 250 000 Euro Ausbildungskosten in den Sand gesetzt.
ABENDBLATT: Da könnte man ja auf die Idee kommen, Frauen gar nicht mehr auszubilden . . .
MAYER: Die Gefahr besteht nicht. Unsere Wirtschaft hat ja längst gemerkt, dass der Nachwuchs ausgeht. Uns fehlen schon gut ausgebildete Facharbeiter. Die Demographen sagen uns, dass in 50 Jahren in diesem Land 17 Millionen Menschen weniger in Lohn und Brot stehen werden - nicht weil sie arbeitslos wären, sondern weil es sie nicht gibt. Nun besinnt man sich auf die gut ausgebildeten Mütter, die zu Hause sind. Deshalb reden wir plötzlich bereitwillig über Ganztagsschulen und flexible Kinderbetreuung von morgens sechs bis abends um acht. Aber wieder verlieren wir die Kinder aus dem Blick. Natürlich brauchen wir Ganztagskindergärten und Schulen. Aber: Wie viel Zeit brauchen Kinder mit Eltern, Geschwistern und Freunden, um leben zu lernen? Auch darüber müssen wir diskutieren.
ABENDBLATT: An welchen Ländern können wir uns ein Beispiel nehmen?
MAYER: In Skandinavien ist das Leben mit Kindern einfacher. In Oslo ist es üblich, um 16 Uhr nach Hause zu gehen und die Kinder aus den Schulen und Kindergärten abzuholen. Alle haben Kinder und wissen, dass es nicht damit getan ist, abends hoch gestresst Essen zu machen, dabei die Vokabeln abzufragen, schnell noch zu erziehen und dann ab ins Bett.
ABENDBLATT: Wie schafft man mehr Zeit für die Eltern?
MAYER: Meine Idee wäre, ihnen eine Elternteilzeit zu gewähren - nach dem Modell der Altersteilzeit. Halbe Arbeitszeit über sieben Jahre, bei 80-prozentigem Ausgleich in Lohn und Rente. Wir sind umgeben von fitten Endfünfzigern, die satt subventierte Freizeit genießen - statt dass wir ihre Arbeitskraft nutzen und an ihrer Stelle die hoch belasteten jungen Eltern zu ihren kleinen Kindern nach Hause schicken.
ABENDBLATT: Wir haben zwei Bundesministerinnen in den zentralen Ressorts Familie und Soziales. Werden die etwas ändern?
MAYER: Als Renate Schmidt noch nicht Familienministerin war, hat sie radikale Dinge gefordert: eine Familienkasse, in die jene Leute einzahlen, die für niemanden außer für sich selber sorgen, und ein erweitertes Wahlrecht für Familien, damit auch die Stimmen junger Bürger bei Wahlen berücksichtigt werden müssen. Leider hat sie das nicht zur Bedingung ihrer Ernennung gemacht.
ABENDBLATT: Wer nimmt sich dann der Familien an?
MAYER: Familienpolitik findet nicht nur in Berlin statt. Es wäre toll, wenn die Leute in ihren Schulen und Stadtvierteln anfangen würden. Die Elternräte und die Bezirksräte sind angesprochen. Eltern müssen sich stark machen. Sie müssen verlangen, dass ihre Kinder den besten Unterricht bekommen, sie müssen sich an die Behörden wenden und sagen: Wir brauchen kein neues Marmorpflaster in der City, sondern schöne Wohnstraßen da, wo wir mit unseren Kindern leben. Warum fasst sich nicht der Bezirk Altona ein Herz und sagt: Wir machen hier das schönste Familienviertel von Norddeutschland, hier können ihre Kinder unbeaufsichtigt rumlaufen und das Leben entdecken, ohne in Lebensgefahr zu sein?
ABENDBLATT: Sie haben in Ihrem Buch so genannte "Kraftwerke" vorgestellt, soziale Service-Center nach dem Vorbild der Mütterzentren. Was sollen die leisten?
MAYER: Jeder Stadtteil braucht ein solches Kraftwerk. Keine Schule dürfte mehr nachmittags geschlossen sein. Sie wäre ein Raum, in dem Eltern, Kinder, Ältere, Nachbarn, auch Kinderlose sich gegenseitig unterstützen können. Wo Ältere den Kindern bei den Hausaufgaben oder bei der Fahrradreparatur helfen; wo es Mittagessen gibt oder auch nur einen Kaffee für junge Mütter, während ihre Kinder beaufsichtigt spielen; wo es vielleicht eine Kartei für kostenlose Babysitterdienste gibt, damit junge Eltern auch mal ins Kino kommen.
Am Donnerstag, den 9. Januar, um 19 Uhr diskutiert Susanne Mayer über ihr Buch in der Evangelischen Akademie, Esplanade 15. Eintritt 5 Euro.



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