Deutschland: Kein Platz für Kinder?
Studie beklagt: Kinder werden zu oft allein gelassen und wie Erwachsene behandelt.
Hamburg. Trotz wachsenden Wohlstands haben es Kinder in Deutschland immer schwerer, altersgemäß aufzuwachsen. "Kinder finden keinen Schonraum mehr", warnt der Bielefelder Kinder- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Sie würden wie kleine Erwachsene behandelt. Bereits mit zehn Jahren lösten sich manche gefühlsmäßig vom Elternhaus, oft mit dramatischen Folgen für ihre Entwicklung. Die Symptome: Handys und eine mit Terminen gespickte "Freizeit".
Hurrelmann ist einer der 18 Wissenschaftler, die für das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) den "Kinderreport Deutschland" erstellt haben - den ersten überhaupt. Die Wünsche der Kinder müssten endlich ernst genommen werden, sagte Kinderhilfswerk-Präsident Thomas Krüger, der die Studie in Berlin vorstellte. "Unsere Gesellschaft hat einen Zustand erreicht, den man als extrem kinderunfreundlich bezeichnen muss."
Die Folgen der Kinderfeindlichkeit: Schon ein Drittel der Kinder nimmt Medikamente, 25 Prozent leiden unter Allergien, viele kommen bereits mit zehn nicht von Alkohol und Zigaretten los. "Diese erschreckenden Zahlen fordern alle politisch Verantwortlichen, sei es auf Bundes-, Länder- oder Gemeindeebene, zum Handeln heraus", sagte Krüger.
Das Hauptübel: Kinder würden zu häufig allein gelassen und fänden zu wenig Aufmerksamkeit. Einer der Gründe: Immer seltener wachsen Kinder in Familien auf. In Deutschland wird fast jede dritte Ehe geschieden, in Hamburg fast jede zweite. Damit "Kinder und Erwachsene mehr ins Gespräch kommen", fordert das Hilfswerk Mütterschutzzentren, Kinderbüros und einen Bundesbeauftragten, der im Parlament die Anliegen der Kinder vertreten soll. Die FDP-Bundestagsfraktion will kommende Woche eine Neuauflage der Kinderkommission des Parlaments beantragen. Mehr Mitspracherechte weltweit für Kinder forderte auch Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNO).
Weltweit hätten junge Menschen das Vertrauen in demokratische Institutionen verloren, warnte Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs bei der Präsentation des Jahresberichts der Organisation in Berlin. Das habe eine Befragung von 40 000 Kindern in 72 Ländern ergeben.
Nur vier von zehn Kindern in Europa und Zentralasien meinten, mit Wahlen etwas verbessern zu können. Wenn Kinder nicht "lernen, dass sie ein Recht haben, gehört zu werden", würden sie sich auch als Erwachsene nicht für die Gesellschaft einsetzen. "Erwachsene sollten Kindern besser zuhören als Politikern", sagte Unicef-Botschafter Sir Peter Ustinov. "Den Kindern geht es um ihre Zukunft, Politikern um ihre Wiederwahl."
Als Beispiel für ein erfolgreiches Engagement von Kindern nennt Unicef die Provinz Belutschistan in Pakistan, wo Pfadfinder erreicht hätten, dass Mädchen zur Schule gehen dürfen. Die Ziele des Millenniums-Gipfels könnten nur erreicht werden, wenn man die Kinder einbeziehe. Die Teilnehmer jenes Treffens hatten sich im September 2000 in New York verpflichtet, bis 2015 den Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung zu halbieren.



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