23.04.10

Rücktrittsgesuch des Bischofs

Walter Mixa: "Meiner Schwächen bin ich mir bewusst"

Augsburgs Bischof Mixa zieht sich nach seinem Rücktritt an einen geheimen Ort zurück. Deutschlands Katholiken zeigten sich erleichtert.

Von Barbara Möller
Foto: dpa/DPA
Bischof Mixa räumt «Ohrfeigen» ein
Drei Wochen nach den ersten Vorwürfen hat der Augsburger Bischof Walter Mixa den Papst um seine Entlassung gebeten.

Berlin. Nach Diktat verreist. Kaum war der Brief mit dem Rücktrittsangebot an Papst Benedikt XVI. weg, da ist Augsburgs Bischof erst einmal in Urlaub gefahren. Walter Mixa brauche "räumlich und zeitlich etwas Abstand", teilte das Augsburger Generalvikariat dazu gestern mit, er werde sich deshalb an einen geheimen Ort zurückziehen, um seine "innere Ruhe" wiederzufinden.

Wie sehr Deutschlands Katholiken auf den Rückzug von Walter Johannes gewartet hatten, das zeigte sich gestern an der allgemeinen Erleichterung. Die bayerischen Bischöfe reagierten "mit Respekt" auf Mixas Entscheidung. Jetzt gehe es darum, "in der Diözese Augsburg einen guten gemeinsamen Weg in die Zukunft zu finden", hieß es in einer Erklärung des Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz, des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx. Der Vorsitzende des Augsburger Diözesanrates, Helmut Mangold, sprach von einem "vernünftigen Abschluss einer sehr unsicheren und unklaren Periode". Mit diesem Schritt könne neues Leben in der Diözese beginnen. Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, meinte, Mixas Entscheidung verdiene Respekt. Zollitsch fügte hinzu, als Schuldeingeständnis verstehe er Mixas Entscheidung nicht.

Ein Schuldeingeständnis lässt sich aus Mixas Brief an Benedikt XVI. auch nicht unbedingt herauslesen. "In fast 40 Jahren als Priester und 14 Jahren im bischöflichen Dienst", heißt es in dem Schreiben, "ging es mir immer darum, Zeuge des Evangeliums zu sein und als Seelsorger den mir anvertrauten Menschen zu dienen. Meiner eigenen Schwächen war und bin ich mir dabei wohl bewusst. Alle, zu denen ich ungerecht gewesen sein mag, und alle, denen ich Kummer bereitet habe, bitte ich heute noch einmal um Verzeihung."

Mixa wird vorgeworfen, in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen Kinder und Jugendliche geschlagen zu haben, die damals im katholischen St.-Josef-Heim untergebracht waren. Das hatte der 68-Jährige während der Osterfeiertage zunächst empört und angeblich "reinen Herzens" zurückgewiesen, zwei Wochen später aber eingeräumt, "die eine oder andere Watsch'n" nicht ausschließen zu können.

Der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sprach deshalb gestern von einer "schweren Last", die nach diesem Ohrfeigen-Geständnis auf seiner Kirche gelegen habe und die nun von ihr genommen sei. Der CSU-Politiker nannte es im Gespräch mit dem Deutschlandfunk "auch ein Stück persönliche Tragödie", dass sich Mixa nicht zuletzt durch seine eigenen Reaktionen in diese Situation gebracht habe.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher, führte Mixas Rücktrittsangebot hingegen allein auf den stetig gewachsenen öffentlichen Druck zurück. "Von sich allein wäre er nie zu diesem Schritt bereit gewesen", meinte Rinderspacher. Dieser Rückzug sei aber "mehr als überfällig" gewesen. Nun müssten die Vorwürfe gegen Mixa "voll umfänglich aufgeklärt" werden. Das forderte auch die Parteivorsitzende der Grünen, Claudia Roth. Mixas Rücktritt dürfe nicht zum Anlass genommen werden, den Mantel des Schweigens über die Vorfälle zu werfen, sagte Roth.

In Kirchenkreisen ging man gestern davon aus, dass der Vatikan Mixas Bitte um Entbindung von allen Ämtern - er ist nicht nur Bischof von Augsburg, sondern seit zehn Jahren auch katholischer Militärbischof - "zügig" nachkommen wird. Was immer das heißen mag. Gestern nahm Papst Benedikt XVI. erst einmal ein vom Dezember 2009 datierendes Rücktrittsgesuch eines irischen Bischofs an, dem vorgeworfen wird, sexuelle Übergriffe auf Kinder jahrzehntelang vertuscht zu haben. Kirchenrechtlich bleibt dieser Mann allerdings Bischof bis zu seinem Tod. Dasselbe würde auch für Mixa gelten.

Chronik des Falles Mixa
Chronik des Falles Mixa
Drei Wochen nach den ersten Vorwürfen hat der Augsburger Bischof Walter Mixa den Papst um seine Entlassung gebeten. Hier eine Chronik der Ereignisse:
1975 bis 1996: Mixa ist Stadtpfarrer von Schrobenhausen bei Ingolstadt und leitet das Kuratorium der Waisenhausstiftung.
1996: Mixa wird Bischof von Eichstätt. Zusätzlich ist er ab 2000 Militärbischof für die Bundeswehr.
16. Juli 2005: Papst Benedikt XVI. beruft Mixa zum Bischof von Augsburg.
31. März 2010: Mehrere ehemalige Heimkinder des katholischen Waisenhauses Schrobenhausen werfen Mixa vor, er habe sie brutal auch mit Stöcken geprügelt. Mixa weist das als "absurd, unwahr" zurück, spricht von einer Diffamierungskampagne und droht mit rechtlichen Schritten.
4. April: Mixa beteuert, er habe "zu keiner Zeit körperliche Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in irgendeiner Form angewandt". Er habe "ein reines Herz".
10. April: Laut Zeitungsberichten soll Mixa mit Geldern der Waisenhausstiftung einen Kupferstich für 43.000 Mark gekauft haben. Der Bischof bedauert unklare finanzielle Zuordnungen.
16. April: Ein von der Waisenhausstiftung eingesetzter Sonderermittler stellt finanzielle Unregelmäßigkeiten fest. Für Wein und Kunstwerke seien hohe Summen zweckentfremdet worden. Am selben Tag räumt Mixa erstmals ein, er könne "die ein oder andere Watsch'n" vor 30 Jahren nicht mehr ausschließen, und bittet um Verzeihung. ZdK-Präsident Alois Glück fordert: "Jetzt muss bedingungslose Klarheit geschaffen werden." Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth forderte den Rücktritt des Bischofs.
21 April: Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, rät Mixa öffentlich zu "einer Zeit der geistlichen Einkehr und der räumlichen Distanz", um "die Geschehnisse mit mehr Ruhe zu bedenken". Am selben Tag schickt Mixa dem Papst sein Rücktrittsgesuch – nach eigenen Worten, um weiteren Schaden von der Kirche abzuwenden.
Rücktritte von Kirchenführern
Rücktritte von Kirchenführern:
John Magee, Cloyne (Irland)
Papst Benedikt XVI. nimmt den Rücktritt im März 2010 an. Magee hatte ein Jahr zuvor den Verzicht aufs Amt angeboten. Er hatte in seiner Diözese keine kirchlichen Sanktionen gegen Priester verhängt, denen sexueller Missbrauch von Minderjährigen nachgewiesen worden war. Er bot im Zuge des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche in Irland als vierter Bischof seinen Rücktritt an.
Margot Käßmann, Hannover
Nach einer Alkoholfahrt mit 1,54 Promille tritt im Februar 2010 die hannoversche Bischöfin und Spitzenrepräsentantin von rund 25 Millionen Protestanten von ihren Ämtern zurück.
Georg Müller, Trondheim (Norwegen)
Im Juni 2009 verkündet der aus Deutschland stammende Bischof von Trondheim und Oslo während einer Predigt überraschend seinen Rücktritt. Damals wurden Differenzen im Zusammenhang mit der Glaubenskongregation als Grund angeben. Später wird bekannt, dass der katholische Kirchenmann vor 20 Jahren einen Chorknaben sexuell missbraucht haben soll.
Stanislaw Wielgus, Warschau
Der neue Erzbischof der polnischen Hauptstadt verzichtet unmittelbar vor der feierlichen Einführung im Januar 2007 auf sein Amt. Nach langem Schweigen räumt er Kontakte zum früheren kommunistischen Geheimdienst ein. Zuvor war seine Geheimakte samt Verpflichtungserklärung im Internet veröffentlicht worden.
Kurt Krenn, St. Pölten (Österreich)
Nach homo-erotischen Parties im Priesterseminar seiner Diözese St. Pölten und tausenden Kinderpornobildern auf Seminar-Computern tritt der Würdenträger im September 2004 zurück. Krenn hatte den Skandal wochenlang heruntergespielt.
Juliusz Paetz, Posen (Polen)
Mit dem Rücktritt des Erzbischofs endet im März 2002 der größte Sex-Skandal der katholischen Kirche Polens. Paetz soll jahrelang Priester und Seminaristen sexuell genötigt haben.
John Aloysius Ward, Cardiff (Großbritannien)
Nach Vorwürfen, er habe nichts gegen zwei pädophile Priester unternommen, legt der katholische Erzbischof von Wales im Oktober 2001 sein Amt nieder. Ward hatte die Geistlichen gegen den Rat von Mitarbeitern eingestellt. Die Priester vergriffen sich später an mehreren Jungen.
Quelle: DPA
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