15.12.09

Internet: Anbieter kritisieren Bundesregierung

"Online-Pläne sind nicht praktikabel"

Telekom, Freenet und Alice sehen den Zwang zur Virenbekämpfung skeptisch: "Das kann nicht funktionieren."

Hamburg. Die großen Internetanbieter in Deutschland halten die Pläne der Bundesregierung zur Bekämpfung virenverseuchter Computer für nicht praktikabel. Der Vorstandsvorsitzende von Freenet, Christoph Vilanek, sagte dem Abendblatt: "Ich hatte von diesen Plänen bislang nichts gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll."

Wie beim IT-Gipfel in Stuttgart vorgestellt, sollen in Zukunft die Internet-Zugangsanbieter ihre Kunden mit infizierten Rechnern direkt auf eine Webseite umleiten. Dort würden Hilfen für das Entfernen von Computerviren bereitgestellt. Außerdem soll ein Callcenter eingerichtet werden, in dem 40 Mitarbeiter die Internetnutzer kostenlos beraten.

"Das wird auf keinen Fall verpflichtend", sagte Telekom-Sprecher Ralf Sauerzapf dem Abendblatt. Ein automatisches Umleiten müssten die Kunden von T-Online nicht fürchten. Die Bundesregierung und der Internetverband eco hätten ihre Pläne und die Diskussion als Fakten vorgestellt. Dabei seien diese Modelle zur Bekämpfung der Cyberkriminalität nur Möglichkeiten. "Wir planen das nicht. Wir nehmen keinen Kunden vom Netz." Auch bei HanseNet (Alice) ist man skeptisch: Die Vorschläge aus Berlin seien meist schwer technisch umsetzbar. Und über die Kosten sei noch gar nicht geredet worden, hieß es bei dem Unternehmen, bei dem viele Hamburger ihren Netzanschluss haben.

Dabei sind die Internetanbieter sehr an der Bekämpfung von Viren und Kriminalität im Netz interessiert. "Die innere Sicherheit ist bedroht, sollten sich in Deutschland Botnetze ausbreiten", sagte ein IT-Experte dem Abendblatt. Diese Netze funktionieren, indem Viren auf einzelnen Rechnern platziert werden. Dann schließen sich die Rechner ohne Wissen des Nutzers zusammen und starten Hacker- oder Spam-Angriffe auch auf Behörden. "Ohne ausreichenden Schutz gegen Viren über entsprechende Programme oder eine Firewall werden Privatcomputer zu Zombies", sagte der Experte dem Abendblatt.

Einige Netzanbieter schreiben ihre Kunden an, wenn sie den Eindruck haben: Von diesem Privatrechner werden außergewöhnlich viele E-Mails an Hunderte Adressen verschickt (Spamverdacht).

Die Pläne der Bundesregierung haken aber nicht nur an der Technik: "Ein direktes Umleiten auf eine andere Internetseite beim Einwählen wäre ein Eingriff in den Telekommunikationsdienst", sagte ein Telekom-Fachmann dem Abendblatt. Freenet-Chef Vilanek fragt sich: "Mit welcher datenschutzrechtlichen Logik will die Regierung die Viren auf einem privaten Rechner identifizieren und löschen?"

Während sich die Datenschützer offiziell noch zurückhielten, weil auch das angesehene Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik in die Pläne eingebunden ist, fällt die Reaktion der organisierten Internetgemeinde drastisch aus. "Wahnsinn!" oder "Albtraum" heißt es in einschlägigen Foren und Plattformen, auf denen sich die Vielsurfer austauschen. Nach der Vorratsdatenspeicherung, den Online-Durchsuchungen und der stockenden Bekämpfung von Kinderpornografie im Netz halten die Online-Wortführer die Anti-Virenpläne für den nächsten Flop. Gegen die Vorratsdatenspeicherung läuft noch eine Massenklage vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Karlsruher Richter wollen sich in der kommenden Woche mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Sammeln von Internetverbindungen durch die Anbieter beschäftigen.

Bundespräsident Horst Köhler hatte in der vergangenen Woche das Gesetz zum Sperren von Internetseiten mit kinderpornografischen Inhalten vorerst gestoppt. Das Programm der Bundesregierung und von Teilen der Internetwirtschaft gegen die Computerviren soll trotzdem ein Erfolg werden. "Mit dem Projekt entziehen wir den Cyberkriminellen den Boden", sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbandes eco, Michael Rotert.

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