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Deutschland

Atommülllager Asse

Was geht da unten vor?

Im maroden Atommülllager Asse arbeiten Hunderte Menschen. Sie alle vertrauen jeden Tag ihre Gesundheit dem Strahlenexperten Gerhard Thews an. Diana Zinkler und Andreas Laible haben ihn in die Tiefen des Salzstocks begleitet.

Glück auf", sagen die Bergleute beim Einstieg in den Förderkorb. Mit einem Ruck beginnt die Fahrt in die Tiefen des ehemaligen Salzbergwerks Asse II. Es zieht und ist kalt. Der Aufzug gleicht einem Käfig. Er rauscht zehn Meter in der Sekunde nach unten. Das Gestänge und die Gewinde rattern, niemand spricht mehr. Das einzige Licht im Dunkeln stammt aus den Lampen der Schutzhelme. Auf 490 Meter Tiefe, nach weniger als einer Minute, stoppt der Korb. Die Gittertüren öffnen sich. Man blickt in einen Tunnel. Die Decke ist weiß und gewellt, Spuren der Fräsmaschine, die einst den Weg zum Salz freibohrte. Im durchhöhlten Inneren des Höhenzugs Asse liegt die Temperatur bei 30 Grad. Die Luft ist staubig und salzig. "Glück auf", sagen die, die unten warten, um mit dem Korb nach oben zu fahren.

Gerhard Thews grüßt zurück und steigt aus. Seit April 2008 arbeitet er in der Asse. Er misst die radioaktive Strahlung an verschiedenen Stellen des Schachtes, der seit dem 1. Januar 2009 offiziell kein Bergwerk mehr ist. Es ist seitdem eine kerntechnische Anlage und wird vom Bundesamt für Strahlenschutz betrieben. Im Tunnel leuchtet, eingelassen in die Wand, eine Statue. Die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute.

Hier unten bemerkt man kaum den Unterschied, ob Bergwerk oder Atommüllendlager. Wären da nicht immer mal wieder die schwarz-gelben Hinweisschilder auf Radioaktivität. Die Bergleute machen hier ihre Arbeit, schütten Kammern zu, ziehen Betonmauern, reparieren Autos, arbeiten in der Baustoff-Anlage oder in der Elektro-Werkstatt unter Tage. Während über Tage gerade über die Zukunft von Asse gestritten und nach einer endgültigen Lösung gesucht wird, ein Untersuchungsausschuss nach Schuldigen des Asse-Skandals fahndet - auch Niedersachsen Umweltminister Heinrich Sander (FDP) wurde schon vernommen -, wird hier unten Dienst nach Vorschrift geleistet und abgewartet.

Gerhard Thews hat zwei Koffer dabei, einen aus poliertem Stahl, einen aus schwarzem Plastik, darin trägt er seine Messgeräte. Ein Dosisleistungsmessgerät, das die Gammastrahlung misst, und ein Oberflächenkontaminationsmessgerät für Beta- und Gammastrahlung. Während sich Alphastrahlung durch ein Blatt Papier abhalten lässt und Betastrahlung schon ein dickeres Buch braucht, lässt sich Gammastrahlung nur durch Blei, Beton oder Salz abschirmen.

Thews' Job ist wichtig, überlebenswichtig für die rund 100 Arbeiter pro Schicht. Seine Messgeräte entscheiden darüber, wo gearbeitet werden darf und wo nicht. Denn Gammastrahlung ist gefährlich. Trifft sie auf Menschen, dann macht sie krank, verursacht Krebs, innere Blutungen, führt zu Erblindung. Gerhard Thews erklärt und unterteilt in "stochastische" und "deterministische" Schäden. "Krebs ist bei einer Verstrahlung langfristig wahrscheinlich, kurzfristig aber kann es zu einer Zerstörung der Schleimhäute kommen und dann zum Tod." Aber dass jemand sofort umfällt nach einer Verstrahlung, dass würde nicht passieren.

Nach einer kurzen Fahrt mit einem weißen Geländewagen durch dunkle Tunnel erreicht er die Kammer 8a. Thews steigt aus und geht in eine Art Raum, immer noch in 490 Meter Tiefe. In der Mitte steht ein Kran, dessen Arm über einer geschlossenen Luke schwebt. Thews packt sein Gerät aus. Unter dieser Kammer liegen 1293 Fässer gefüllt mit mittelradioaktiven Abfällen. Von ihnen trennt Thews nur eine sechs Meter dicke Salzdecke. Er nimmt das schwarze Dosisleistungsmessgerät heraus, kniet sich auf den Salzboden, hält es vorsichtig mit der rechten Hand und tippt mit der linken. Er wartet, dann: "37 Nanosievert. Das ist nichts", sagt er. Oben über Tage hat er vorhin 80 Nanosievert gemessen. "Durch das Salz herrscht hier unten eine geringere Strahlung als oben." Der Wert beweist auch, dass die Kammer dicht ist. 37 Nanosievert entsprechen 0,000037 Millisievert. Und ein Millisievert ist laut Strahlenschutzverordnung der Grenzwert für die normale Bevölkerung pro Jahr. "Ich gehöre allerdings zur Personen der Kategorie B. Ich darf maximal sechs Millisievert im Jahr erhalten." Davon sei er allerdings weit entfernt. Zu seinem Schutz trägt er ein Dosimeter um den Hals. Ein kleines digitales Messgerät, das seine eigene Strahlung misst. Jeden Tag, den er runtergeht. Auch jeder Besucher der Asse bekommt ein solches umgehängt.

Weil niemand will, dass Menschen durch radioaktive Abfälle verstrahlt werden, kamen die Asse und das Salz im Berg ins Spiel. In den Jahren 1967 bis 1978 wurden in den alten Salzabbaukammern rund 126 000 Fässer mit radioaktivem Abfall eingelagert. Gern hätte man die Fässer hier für alle Zeiten ruhen lassen. Doch genau das ist das Problem. Dafür war die Asse nie geeignet.

Schon Anfang der 60er-Jahre haben Wissenschaftler gewarnt, ausgerechnet hier die Endlagerung von radioaktiven Abfällen zu erproben. Zu viele Spalten und Risse machen das Bergwerk durchlässig für Wasser und die Kammern unsicher. Und vor allem das Wasser ist inzwischen ein Problem. Rund 12 000 Liter dringen heute pro Tag durch die Salzwände ein. Das Wasser wird gesammelt, gereinigt und abtransportiert. Die Menge ist seit zehn Jahren stabil. Aber ob es in Zukunft noch mehr Wasser wird, das Kammern unterspült und vielleicht radioaktives Material aufnimmt, lässt sich nicht voraussagen.

Bis 1995 wurde die Asse im Auftrag des Bundes zu Forschungszwecken betrieben. Bis zum Wechsel in diesem Jahr war das Helmholtz-Zentrum München verantwortlich für das Bergwerk.

Doch was einst als Forschungsversuch gedacht war, ist zu einem Dauerzustand geworden. Draußen in Niedersachsen, vor allem in den nahe gelegenen Orten Remlingen und Wolfenbüttel, klagen besorgte Bürger seit Jahren. Zuletzt stellte die Grünen-Politikerin Renate Künast im September 2008 Strafanzeige gegen die Verantwortlichen des Atommülllagers. Nachdem im Juni 2008 bekannt geworden war, dass ausgetretene Lauge in der Asse mit Cäsium-137 belastet ist. Diese Lauge, stellte sich heraus, war ausgerechnet in der Nähe der Kammer 12 durchgesickert, wo seit 30 Jahren einige der Fässer mit radioaktivem Inhalt lagern.

Gerhard Thews fährt zur Kammer 12. Wieder durch dunkle Tunnel, über Plätze, vorbei an Salzbergen und Schaufelbaggern. Er ist 56 Jahre alt. Zwei Jahre nach Tschernobyl, 1988, fing er in Hanau in einer Brennelemente-Fabrik als Strahlenmesser an. "Ich kam damals gerade von der Bundeswehr, und mir war schon mulmig zumute. Damals sprachen alle zum ersten Mal sehr sensibel und bewusst über Strahlung." Aber Thews vertraut der Technik, seinen Strahlenmessgeräten, die - wenn er nur genug Proben nimmt und Messungen macht -, Leben schützen können.

Der Weg führt weiter in die Tiefe. Thews stoppt neben einem Radonmessgerät. Abgedeckt durch ein helles Tuch, erscheint es wie eine Nähmaschine mitten im Bergwerk. Es zeigt 27 Bequerel an, "das ist eigentlich nichts, im Trinkwasser haben wir eine Strahlung von 150 bis 200 Bequerel", sagt Thews. Die Daten wird er später oben in seinem Büro in eine Excel-Tabelle übertragen. Er liest weiter ab: "Luftfeuchtigkeit 17 Prozent, 40 Grad Celsius". Es ist noch wärmer geworden.

Er steigt wieder ein, fährt durch das Dunkel, und nach ein paar Kurven endet die Straße. Er parkt. Es ist still. Man hört keine Bauarbeiten, kein Klingeln des Aufzugs und auch keine anderen Autos. Nichts. Die Stelle, die er jetzt messen möchte, liegt 750 Meter tief. Es ist die Problemzone des Bergwerks. Hier wurde die Lauge gefunden. Das Sickerwasser aus Kammer 12. "Als herauskam, dass man hier radioaktives Wasser gefunden hat, wurden einige meiner Kollegen dafür von ihren Nachbarn schräg angeguckt." Die Stimmung ist seitdem schlecht und das Geschehen in der Asse wird skeptisch beäugt. Die Anzahl der Strahlenschutzmessungen wurde erhöht, und das Bundesamt für Strahlenschutz bemüht sich um Transparenz bei der Entscheidungsfindung.

Schwarz-gelbes Flatterband versperrt den Durchgang zu den Containern, in denen sich die radioaktive Lauge befindet. Achtungsschilder warnen. Vor einer Bank stehen drei Paar Gummistiefel, die müssen die Arbeiter anziehen, wenn sie die Stelle betreten. In einem Kasten hinter der Absperrung, so groß wie ein Passfotoautomat, messen sie die Kontamination ihrer Hände und Füße. Aber Thews geht gar nicht so weit vor. Seine Schritte knirschen im Salz. Er wirkt vorsichtiger und noch achtsamer. Er misst nur vor der Absperrung. Das Gerät piept fast ununterbrochen. Wie ein EKG, das eine zu niedrige Herzfrequenz anzeigt. "80,2 Nanosievert. Mehr als oben, aber noch im Rahmen."

Eigentlich wollte das Bundesamt für Strahlenschutz noch bis zum Ende dieses Jahres die endgültige Lösung für die Stilllegung der Asse verkünden. Ob die Fässer hier unten gesichert werden und in der Asse bleiben oder ob sie aus den Stollen herausgeholt und zu anderen Atommülllagern transportiert werden. Nun soll es erst Anfang nächsten Jahres so weit sein. Mit der Umsetzung hätte man jedenfalls bis zum Jahr 2020 Zeit, solange könnten sich die Arbeiter hier unten sicher bewegen.

Herr Thews, was ist Ihnen denn lieber? "Mir ist am liebsten, wenn niemand zu Schaden kommt."

 

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