Ausstellung in Bad Kreuznach zum Nationalsozialismus
Verfluchte Felder
In Bretzenheim erinnert ein Museum an die berüchtigten Rheinwiesenlager
Bad Kreuznach/Bretzenheim. Zwölf Meter hoch ragt das Kreuz in den trüben rheinland-pfälzischen Herbsthimmel. Der Wind treibt die Regenwolken über Weinreben und das abgeerntete Maisfeld hinweg nach Süden, auf die Hochhäuser von Bad Kreuznach zu. Bereits seit mehr als 40 Jahren erinnert kurz hinter dem Dorf Bretzenheim ein Mahnmal an eines der berüchtigten Rheinwiesenlager. Auf dem mehrere Kilometer langen „Feld des Jammers“ waren 1945 Zehntausende gefangene Wehrmachtssoldaten wie auf einer Viehkoppel zusammengepfercht worden. Mehrere tausend Kriegsgefangene starben an Hunger, Seuchen und Entkräftung.
Wolfgang Spietz, bis vor kurzem Ortsbürgermeister in Bretzenheim, sammelt bereits seit vielen Jahren Erinnerungen, Dokumente, Fotos und Fundstücke aus dem früheren Lager. Anfangs empfingen seine Frau Ute und er Besucher noch im eigenen Wohnzimmer, inzwischen ist im Rathaus der Gemeinde ein kleines, sehenswertes Museum entstanden. Jahrelang seien die Ereignisse in den Rheinwiesenlagern und die Behandlung der Gefangenen durch die Amerikaner ein Tabu geblieben, sagt Spietz: „Darüber sprach man nicht, denn wir waren ja Freunde.“
Immer wieder hört er die Meinung, er solle die Vergangenheit ruhen lassen. „Aber das ist deutsche Geschichte“, sagt er. „Bei jedem römischen Stein, den man in der Erde findet, wird doch auch ein riesiger Aufwand betrieben.“ Ehemalige Lagerinsassen finden bis heute gelegentlich den Weg zur Ausstellung. Die Einträge im Gästebuch sprechen für sich. „Was ich hier in den drei Wochen zu Essen bekam, ging in einen Schuhkarton“, notierte ein Besucher.
Im April 1945, als die NS-Propaganda noch immer irrsinnige Durchhalteparolen verbreitete, ergaben sich in Westdeutschland bereits ganze Kampfverbände den Alliierten. Am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes in Europa, befanden sich 102.597 Gefangene allein auf dem Bretzenheimer Feld: Volkssturm-Kämpfer, gewöhnliche Wehrmachtssoldaten, aber auch Angehörige der Waffen-SS.
Die Amerikaner waren mit der Versorgung der Landser zunächst völlig überfordert. Auf Äckern in Remagen, Sinzig oder eben bei Bretzenheim mussten die Gefangenen teils mehrere Monate unter freiem Himmel ausharren, es gab kaum Verpflegung, keine nennenswerte ärztliche Versorgung. Mit Löffeln oder Konservendosen gruben sich die Männer Erdhöhlen in den lehmigen Boden, einige Glückliche konnten sich aus der Pappe der Verpflegungskartons primitive Behausungen bauen.
„Von ihren Erdlöchern aus sahen die Gefangenen dann jeden Morgen, wie in den Bauernhäusern hinter dem Stacheldraht die Federbetten zum Lüften aus dem Fenster gehängt wurden“, erzählt Spietz. Brot oder Kartoffeln über den Zaun zu werfen, war den Anwohnern strengstens verboten.
Erst im Herbst 1945 wurden Zelte, später Baracken aufgebaut. Insgesamt wurden schätzungsweise 300.000 bis 500.000 Menschen bis 1948 durch das Lager von Bretzenheim geschleust. Wie viele es genau waren, wie viele dabei starben, ist jedoch bis heute nicht abschließend geklärt. Seriöse Schätzungen gehen von 3.000 bis 4.500 Männern aus, die allein auf dem „Feld des Jammers“ umkamen.
Für Geschichtsrevisionisten und Rechtsextremisten dienen die Zustände in den Lagern bis heute als Vorwand, um die Opfer der deutschen Barbarei klein- und die Todesopfer auf deutscher Seite hochzurechnen. Alljährlich finden auf dem „Feld des Jammers“ auch rechte Helden-Gedenkveranstaltungen statt. Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften und der Stiftung „kreuznacher diakonie“, die am Totensonntag, 22. November, um 14 Uhr zu einem Friedensgebet auf dem „Feld des Jammers“ einladen, fordern auch aus diesem Grund eine Umwidmung des Mahnmals. Nach ihrem Willen sollte bei Bretzenheim künftig eine Gedenkstätte für alle Opfer von Krieg und Faschismus entstehen.



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