Union und FDP einig
Koalitionsvertrag soll bis zum Wochenende stehen
Noch muss "etwas gerechnet" werden. Die Arbeitsgruppe Steuern und Haushalt tritt heute erneut zusammen.
Union und FDP ringen noch um das Volumen der Steuersenkungen. Zahlen drangen am Wochenende nicht nach außen. CSU-Chef Horst Seehofer sprach von der Kunst, "jetzt noch ein paar Tage das Wasser zu halten".
Foto: ddp/DDP
Berlin. Alexander Dobrindt verglich die Koalitionsverhandlungen zwischen der Union und den Liberalen am Sonntagnachmittag mit einer Bergtour. Man habe "die Nebelwand durchschritten", und das Gipfelkreuz sei auch schon "klar erkennbar", meinte der CSU-Generalsekretär. Allerdings müsse man noch "eine letzte Steilwand" bewältigen.
Die blumige Erklärung zielte darauf, dass die Arbeitsgruppe Steuern/Finanzen/Haushalt heute noch einmal zusammenkommen wird. Wider Erwarten. Denn zuvor hatte es geheißen, die Arbeitsgruppen seien mit ihrem Pensum durch und sollten der Runde der Parteivorsitzenden nur noch zu sogenannten Ad-hoc-Gesprächen zur Verfügung stehen. Aber nun muss offenbar doch "noch etwas gerechnet werden", wie es FDP-Generalsekretär Dirk Niebel gestern formulierte.
Zum Volumen der Steuersenkungen wollte sich niemand äußern. Die FDP verlangt
Entlastungen im Volumen von etwa 35 Milliarden Euro, die Union ist bislang
nur mit 15 Milliarden Euro einverstanden. Der Kompromiss könnte - angesichts
eines Haushaltskonsolidierungsbedarfs von mindestens 30 Milliarden - bei 20
Milliarden Euro liegen. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte dazu am
Sonntag aber nur knapp, alle Zahlen, die zurzeit ventiliert würden, seien
falsch. Alle Beteiligten seien aber entschlossen, "bis zum nächsten
Wochenende zu einem positiven Abschluss zu kommen".
Tatsächlich wurden die Parteitage gestern bereits
einberufen. Die FDP will am 25. Oktober über das Vertragswerk abstimmen
lassen, CDU und CSU einen Tag später. Den Feinschliff wollen Angela Merkel,
Guido Westerwelle und Horst Seehofer an diesem Mittwoch erledigen, am
Donnerstag und Freitag soll es um den Zuschnitt der Ressorts und um die
Besetzung der Ministerposten gehen. "Jetzt noch ein paar Tage das
Wasser zu halten, das ist die Kunst", meinte Seehofer dazu in seiner
unnachahmlichen Art, als ihn die Journalisten auf dem Weg zum Auto abfingen.
Und dass einer wie er, der bereits neunmal an Koalitionsverhandlungen
teilgenommen habe, "über manche Begleitumstände" nur
schmunzeln könne.
Ob Seehofer damit den Auftritt von Christian Wulff meinte, ließ er offen. Der
stellvertretende CDU-Vorsitzende hatte die Steuersenkungsforderungen der
Liberalen am Sonnabend "inakzeptabel" genannt und scharf von einem "steuerpolitischen
Blindflug" gesprochen. Westerwelle hatte daraufhin die Sinnfrage
gestellt. Wenn das die Meinung der Union sei: "Dann sind wir durch!"
Die einen hatten das als Drohung aufgefasst, die Verhandlungen platzen zu
lassen. Andere meinten, der FDP-Chef habe nur daran erinnern wollen, dass es
um einen Neuanfang gehe und nicht nur um das Krisenmanagement. Auf jeden
Fall übernahm es Angela Merkel, die Wogen nach der Aufregung wieder zu
glätten.
Westerwelle verwahrte sich unterdessen erneut
gegen jeden Zeitdruck. Es gebe eine einfache Regel, sagte er, und die heiße: "Gut
Ding will Weile haben." Das gilt offenbar auch für die Finanzierung des
Gesundheitssystems. Unklar ist immer noch, wie das drohende Defizit der
gesetzlichen Krankenkassen von 7,5 Milliarden Euro 2010 ausgeglichen werden
soll. Längerfristig ist auch die Zukunft des Gesundheitsfonds noch offen.
FDP und Teile der CDU wollen den Einstieg in ein System mit pauschalen
Beiträgen, die CSU lehnt das ab. Ursula von der Leyen, die als neue
Gesundheitsministerin im Gespräch ist, sprach am Wochenende davon, dass man "Gemeinsamkeiten
gefunden" habe.
Fest verabredet haben Union und FDP, der kommerziellen Sterbehilfe einen
gesetzlichen Riegel vorzuschieben. Man werde verhindern, "dass
gewerbliche Organisationen mit dem Leid von Menschen Geschäfte machen",
sagte Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach. Und die als Justizministerin
gehandelte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fügte hinzu, der "Teufel"
liege in der Formulierung. Schließlich wolle man die Arbeit von
Sterbehilfe-Organisationen wie "Exit" nicht unterbinden. Die
FDP-Politikerin betonte, das geplante Gesetz sei keine "Lex Kusch".
Hamburgs ehemaliger Justizsenator Roger Kusch, der 2008 angekündigt hatte,
in Deutschland eine kommerzielle Vermittlung von Möglichkeiten zum Suizid
anbieten zu wollen, und erst im Februar dieses Jahres davon abgerückt war,
habe lediglich die Debatte befördert.






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