23.12.12

Einsatz in der Türkei

"Patriot"-Raketen werden in drei Provinzen stationiert

Es ist offiziell: Die Einsatzorte aller Patriot-Batterien in der Türkei stehen fest. Für die Deutschen geht es nach Kahramanmaras.

Foto: dpa
Flugabwehrraketensystem "Patriot" vor Türkei-Einsatz
Das Flugabwehrraketensystem "Patriot" wird in Warbelow (Mecklenburg-Vorpommern) bei einem Medientag der Bundeswehr von den Flugabwehrraketengruppen 21 (Sanitz) und 24 (Bad Sülze) in Mecklenburg-Vorpommern vorgestellt. Nach dem Beschluss des Bundestages sollen diese "Patriot"-Systeme der Bundeswehr in der Türkei zum Einsatz kommen, um den NATO-Partner vor Angriffen aus Syrien zu schützen

Istanbul/Brüssel. Zum Schutz gegen mögliche Angriffe aus Syrien werden "Patriot"-Raketen der Nato-Partner in drei türkische Provinzen verlegt. Die Luftabwehr werde in Adana, Gaziantep und Kahramanmaras stationiert, teilte das Nato-Militärbündnis am Sonnabend in Brüssel mit. Dies hatte zuvor auch der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan türkischen Medien gesagt.

Deutschland, die Niederlande und die USA hätten zum Schutz der Türkei je zwei Geschützgruppen zugesagt und nun den Standorten zugestimmt, schrieb die Nato. Deutschland werde seine "Patriot"-Raketen in Kahramanmaras stationieren, die Niederlande in Adana und die USA in Gaziantep. Die Verlegung werde in den nächsten Wochen erfolgen.

Die Militärallianz betonte, dass die Stationierung lediglich dem Verteidigungszweck diene. "Das Ziel lautet, jegliche Bedrohung von der Türkei abzuwenden, die türkische Bevölkerung und das Land zu schützen und die Krise an der südöstlichen Grenze der Nato zu entschärfen."

Der Iran hatte die Stationierung heftig kritisiert und vor einem Feuer gewarnt, "das keiner mehr löschen" könne. "Mit diesem Plan bereitet der Westen einen weiteren Weltkrieg vor, der für Europa selbst gefährlich würde", hatte der iranische Generalstabschef Hassan Firusabadi gesagt.

Die Provinzhauptstädte Adana und Kahramanmaras liegen etwa 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Von Gaziantep aus sind es etwa 60 Kilometer bis an die Grenze des Bürgerkriegslandes. Deutschland schickt auf Bitte des Nato-Partners Türkei bis zu 400 Soldaten in die Türkei, die nahe Kahramanmaras stationiert werden sollen. Außerdem kommen gleich starke Einheiten aus den Niederlanden und den USA.

Die beiden deutschen "Patriot"-Staffeln kommen aus Sanitz und Bad Sülze in Mecklenburg-Vorpommern. Der Marschbefehl ergeht noch vor Weihnachten. Mit der Entsendung soll allerdings gewartet werden, so dass die Soldaten die Feiertage noch zu Hause verbringen können.

"Patriot": Symbolische Hilfe für die Türkei

 Der Einsatz von "Patriot"-Raketen ist ein wichtiges Zeichen im Syrien-Konflikt. Türkisches Gebiet schützen können die deutschen Luftwaffensoldaten aber kaum. Denn der Bundeswehreinsatz findet auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Kahramanmaras gut 100 Kilometer im türkischen Hinterland statt. Angesichts der Bedrohungen und der Fähigkeiten, welche die deutschen und niederländischen Militärs nach Ost-Anatolien schicken, bleibt der Beitrag eher symbolisch.

Bei einer effektiven Kampfreichweite von maximal 45 Kilometern ist in Abfangen von Raketen oder Flugzeugen für die deutschen Soldaten erst lange nach Verletzung des türkischen Luftraums möglich. Auch die Radar-Systeme reichen vom Boden aus kaum bis an die Grenze heran. Die Hauptaufgabe wird damit den AWACS-Flugzeugen zur Luftraumüberwachungsflugzeugen zufallen.

 Die AWACS-Beteiligung ist vorsorglich Teil des neuen Mandats. Denn an Bord der im pfälzischen Spangdahlem startenden NATO-Flugzeuge sind auch deutsche Soldaten, und diese Flugzeuge tragen wesentlich zum Luftlagebild der Raketenstaffeln bei. Schließlich können sie – anders als die "Patriots" – tief in syrisches Gebiet blicken. Dies geschieht zum Teil aber auch schon jetzt im Rahmen der Mittelmeerflüge unter dem NATO-Mandat "Active Endevour", das erst Mitte der Woche durch das Parlament verlängert wurde.

Das Luftabwehrsystem "Patriot" gilt als eines der modernsten der Welt. Beim Einsatz gegen Kampfflugzeuge in mittleren und großen Höhen erzielen die Lenkflugkörper gute Abschussergebnisse. In den Golfkriegen mit dem Irak schossen amerikanische "Patriot"-Verbände auch die verhältnismäßig langsamen "Scud"-Mittelstreckenraketen von Saddam Hussein ab. Mit solchen Raketen hatte zuletzt auch das Assad-Regime vermutete Rebellenstellungen im Grenzgebiet beschossen.

 In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Dörfer entlang der Grenze Ziel von Granaten aus Mörsern oder Artilleriegeschützen. Diese erfolgreich abzufangen, ist mit einem Raketensystem eigentlich unmöglich. Die Artilleriegeschosse bewegen sich schnell, sie sind sehr klein und haben eine verhältnismäßig steile Flugbahn.

Für den Schutz gegen Artilleriebeschuss ist "Patriot" also nicht geeignet. Zwischen dem Granat-Abschuss und dem Auffassen durch die Radarsysteme liegen meist einige Sekunden, die gleiche Zeit verstreicht, bis das Lagebild am Radarschirm erkannt und ausgewertet wird. Bis eine Entscheidung getroffen wird, die Rakete zu starten, können noch einmal 20 bis 30 Sekunden verstreichen. Bei einem anfliegenden Flugzeug oder einer ballistischen Rakete mit gleichmäßiger Flugbahn reicht dies aus. In der gleichen Zeit aber sind Mörser oder Artilleriegranaten längst eingeschlagen.

 Zwar verfügt die Luftwaffe inzwischen mit dem hochmodernen Waffensystem "Mantis" über die Technik, auch diese Geschosse abzuwehren. Jedoch gibt es bislang nur fünf solcher Geschütztürme - also gerade mal genug für ein einziges Feldlager. Der Schutz der gut 900 Kilometer langen syrisch-türkischen Grenze ist mit dieser Waffe weder möglich noch bezahlbar.  (dapd)

(dpa)
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