Prozess: RAF

Verfassungsschützer hält Wisniewski für Buback-Mörder

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Die zentrale Frage lautete: Was wussten die Geheimdienste über den Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback?

Stuttgart. Winfried Ridder erschien mit einem Plexiglaskoffer vor Gericht – ein mäßig dezentes Symbol dafür, dass der ehemalige Referatsleiter des Bundesamts für Verfassungsschutz eine eher berufsuntypische Offenheit zeigen wollte. Und Ridder sagte aus: Schon Anfang der 80er Jahre habe eine Quelle berichtet, dass Stefan Wisniewski der RAF-Terrorist war, der am 7. April 1977 vom Rücksitz eines Motorrades aus die tödlichen Schüsse auf Buback und seine Begleiter abfeuerte.

Was Ridder bei seiner Aussage am Freitag vor dem Oberlandesgericht Stuttgart nicht sagen durfte: Die Quelle war wohl Verena Becker selbst – die Frau also, die seit mehr als einem Jahr als mögliche Mittäterin des Anschlags in Stuttgart vor Gericht steht. Während ihrer Haft in den 80er Jahren hatte die zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte RAF-Terroristin mit dem Verfassungsschutz gesprochen – so schildert es Ridder in einem Zeitschrifteninterview, so sagen es inoffiziell auch andere Quellen.

Vor Gericht allerdings nahm das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) seine ehemaligen Mitarbeiter an die kurze Leine und erteilte nur eine eng beschränkte Aussagegenehmigung. Vor allem, so die Auflage, durften die Zeugen nichts sagen, was die Identität von Quellen enthüllen könnte. Ridder hatte nach eigener Schilderung am Tag vor seiner Aussage sogar Besuch von zwei hochrangigen BfV-Beamten erhalten. Die hätten ihn darauf eingeschworen, bloß nicht zu viel zu sagen.

Ironischerweise waren es am Freitag vor allem Verena Beckers Verteidiger, die vor Gericht die Interessen des Verfassungsschutzes wahrnahmen und tunlichst darauf achteten, dass der durchaus gesprächsgeneigte Ridder nichts über die Quelle verrate. Becker scheint ihre frühere Informantentätigkeit inzwischen etwas peinlich zu sein – in der linken Szene, so heißt es, habe sie dafür Prügel einstecken müssen.

Dabei war das, was Ridder schilderte, im Kern durchaus günstig für Becker. Die Quelle, so Ridder, habe drei unmittelbar Tatbeteiligte genannt: Stefan Wisniewski, Günter Sonnenberg und Christian Klar. Diese Aussage halte er für glaubwürdig: "Die RAF hat immer ihre Ziele glaubhaft formuliert und danach gehandelt. Das gilt auch für die einzelnen Mitglieder", sagte Ridder.

Auch die späteren Aussagen anderer Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) deuten seiner Ansicht nach auf eine unmittelbare Beteiligung Wisniewskis hin. "Was das Kommando angeht, habe ich keine Zweifel, dass es diese drei Personen waren", so Ridder. Hingegen habe er keine Erkenntnisse, dass Verena Becker konkret an der Tat beteiligt war. Die Bundesanwaltschaft ermittelt seit 2007 wegen des Buback-Mordes gegen Wisniewski, konnte bislang aber keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Anklage finden.

Zunehmend unwahrscheinlich erscheint auch die Vermutung des Nebenklägers Michael Buback, dass möglicherweise Verfassungsschutzakten manipuliert wurden. Buback glaubt nach wie vor, dass Verena Becker selbst die Schützin war – und anschließend von Geheimdiensten gedeckt wurde. Ridder widersprach dem Manipulationsvorwurf. Das hätte er bemerkt, sagte er. Und bereits am Donnerstag hatte der Beamte ausgesagt, der seinerzeit selbst die "Quelle" befragt hatte. Auch wenn sich dieser Beamte sonst nur an wenig erinnern wollte: Er bestätigte, dass Wisniewskis Name schon damals genannt wurde. Wenn das stimmt, wäre eine nachträgliche Veränderung nicht nötig gewesen.

Für mehr Klarheit könnte nur das BfV selbst sorgen – doch trotz intensiver Bemühungen des Gerichts weigert sich das Innenministerium, die geheimen Akten zum Buback-Mord freizugeben.

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