Weiterbildung

Auf Staatskosten von der Hartz-IV-Empfängerin zur Astrologin

Hamburg. Viviane Wahls' Sternzeichen ist Wassermann. Und glaubt man Horoskopen, probieren Wassermänner gern neue Dinge aus. Wahls, das kann man sagen, ist da ein ganz typischer Fall.

Die 34-Jährige macht eine Ausbildung zur Astrologin - und zwar auf Kosten des Staates. Als einzige Hamburgerin bekommt sie dafür von der Arge einen Bildungsgutschein finanziert. Davor war sie Hartz-IV-Empfängerin - zwar mit Abitur, aber auch mit einem abgebrochenen Physik-Studium und einer nicht beendeten Ausbildung zur Ergotherapeutin im Lebenslauf. Seit Januar lernt Wahls nun in der Hamburger "Astro-Praxis" von Ausbilderin Helen Fritsch, was es etwa bedeutet, wenn Saturn im Quadrat zu Pluto steht.

"Natürlich hört sich das im ersten Moment unseriös an", sagt Horst Weise, Sprecher der Arge Hamburg. "Aber wenn Frau Wahls damit auf den ersten Arbeitsmarkt zurückfindet, erfüllt die Weiterbildung ihren Zweck." Seit November 2009 ist die Förderung per Bildungsgutschein bei der Astro-Praxis offiziell nach der AZWV (Anerkennungs- und Zulassungsverordnung Weiterbildung) erlaubt.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) ist trotzdem skeptisch. Sie finanziert die Astrologenausbildung nicht. "Wir sehen nicht, dass das zur Integration in der Arbeitsmarkt führt", sagt Knut Böhrnsen von der BA Hamburg.

Der Bildungsgutschein gilt für eine Fortbildung von maximal zwei Jahren. Viviane Wahls' Fernstudium in Psychologischer Astrologie dauert zunächst 17 Monate. Danach kann sie noch zwei jeweils dreimonatige Lehrmodule draufsetzen. Über das Geld, das sie von der Arge für Viviane Wahls bekommt, schweigt Ausbilderin Helen Fritsch. Will ein Selbstzahler den Kurs belegen, werden laut Preisliste 2580 Euro fällig.

Natürlich hat die staatlich geförderte Astrologie auch Kritiker auf den Plan gerufen. Zum Beispiel Dr. Florian Freistetter, Astronom an der Uni Heidelberg. Er und viele andere seiner Kollegen sind sich darüber einig, "dass es ärgerlich ist, dass der Staat für diese Pseudowissenschaft Geld ausgibt". Vor allem im Internet, in Blogs und Foren, machen die Astronomen ihrem Ärger Luft. "Wer diesen Unsinn glauben will, kann das gern tun. Aber der Staat sollte das nicht unterstützen."

Natürlich kennt Helen Fritsch die Argumente der Skeptiker - und lenkt ein Stück weit ein: "Astrologie ist keine Wissenschaft." Sondern vielmehr "Beratungskunst", eine "individuelle Lebenshilfe" auf Basis von Horoskopen. "Mit Wahrsagerei hat das nichts zu tun" - und eben auch nicht mit Pendeln, Tarotkarten oder Glaskugeln.

Ob Hokuspokus oder nicht: Der Markt ist groß, die Nachfrage enorm. Fritsch hat schon "einige Tausend" Astrologen ausgebildet. Die Beschäftigungsmöglichkeiten sind vielfältig: als Berater, bei Astrologen-Hotlines, Fachmagazinen und Internetforen. Dazu kommen die Tageshoroskope in Zeitungen und Zeitschriften.

Viviane Wahls allerdings hat sich nicht nur aus pragmatischen Gründen für Astrologie entschieden: "Ich wollte etwas, was mich erfüllt." Bei Ausbilderin Helen Fritsch ist es ähnlich: Sie hat sogar eine sichere, praktisch unkündbare Stelle als Gymnasiallehrerin aufgegeben.

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