Schwere Geburt

Trotz des Elterngeldes und des Rechts auf Kita-Betreuung kamen in Deutschland 2009 so wenig Kinder wie noch nie seit 1945 zur Welt

Berlin. Es ist ein neuer Negativrekord. Noch nie wurden in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg weniger Kinder geboren als im vergangenen Jahr. Während in einigen Industriestaaten wieder mehr Kinder geboren werden, bleibt die Bundesrepublik im Geburtentief. Nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes kamen 2009 rund 651 000 Kinder zur Welt. Das waren noch einmal 30 000 oder 3,6 Prozent weniger als 2008. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) machte die gesunkene Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter für den Geburtenrückgang verantwortlich. Allein in den vergangenen vier Jahren ging die Zahl der Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren um eine halbe Million zurück. Positiv sei aber laut der Ministerin, dass die Zahl der Kinder pro Frau stabil geblieben sei.

Doch die derzeitige Quote von durchschnittlich 1,38 Kindern pro Frau ist nach Angaben des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock im internationalen Vergleich immer noch sehr niedrig. Andere Staaten hätten längst aufgeholt. Ausnahmen sind Österreich und Deutschland. In Australien, Frankreich, Norwegen und Großbritannien bringt eine Frau sogar durchschnittlich zwei Kinder zur Welt. Um diesen Trend auch in Deutschland umzukehren, fordern die Grünen ein konsequenteres Handeln der schwarz-gelben Koalition: "Von den Versprechen der Bundesregierung sind bisher nur wenige umgesetzt worden. Ein versprochener Kita-Platz ist eben noch kein Kita-Platz", sagte die familienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Katja Dörner, dem Abendblatt. Vor allem die Sparvorschläge des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) griff Dörner scharf an: "Das ärgert und verunsichert Eltern. Dabei erwarten sie von der Politik vor allem eines: Verlässlichkeit und Planbarkeit." Auch die familienpolitische Sprecherin der SPD, Caren Marks, hält Förderungen wie das Elterngeld für richtig. "Schädlich sind nur Kürzungsvorschläge à la Roland Koch", sagte sie dem Abendblatt. Koch hatte gegenüber dieser Zeitung das für 2013 beschlossene Recht der Eltern auf Betreuung von unter Dreijährigen infrage gestellt.

Die Grünen-Politikerin kritisierte zudem die hohe Zahl der befristeten Beschäftigungsverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt: "Bei neu geschlossenen Arbeitsverhältnissen sind fast 50 Prozent aller Verträge befristet. Für die Planungen von Familien ist diese Unsicherheit am Arbeitsmarkt fatal." Demografie-Experten nennen auch andere Gründe für die niedrigen Geburtenzahlen: Zum einen entscheiden sich viele Paare bewusst, kinderlos zu bleiben. Zum anderen ist der Anteil der Frauen gering, die drei oder mehr Kinder bekommen. Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung hat in einer Studie belegt, dass die Stellung des Mannes für die Kinderzahl eines Paares bedeutend ist. Ob sich eine Mutter für ein zweites Kind entscheidet, hänge in Deutschland vor allem von der Ausbildung ihres Partners ab. Hat der Vater einen Hochschulabschluss, verspricht das einen besseren Job - und erleichtert die Finanzierung eines weiteren Kindes. "Wir haben immer noch eine hohe Unvereinbarkeit von Kind und Beruf. Daran hat auch die Einführung des Elterngeldes nichts geändert", sagte Kreyenfeld dem Abendblatt.

Gerade wegen der schwachen Geburtenzahlen will die CDU daran festhalten. "Das Elterngeld will und kann den Kinderwunsch allein nicht steigern. Aber es ist ein effektiver und wichtiger Schritt, zum Kind Ja zu sagen", sagte die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, Dorothee Bär (CSU), dem Abendblatt.

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