Todesschüsse auf Benno Ohnesorg
"Ein Mann für jeden Auftrag" - aus der Stasi-Akte Kurras
Karl-Heinz Kurras war 22, als er 1950 Polizist in West-Berlin wurde. Fünf Jahre später versuchte er in die DDR überzusiedeln.
Was ihn dazu trieb, sollte bei einem späteren Vorgang aktenkundig werden - 1962, als er der SED beitrat: Seinen Aufnahmeantrag stellte er "in ehrlicher Überzeugung", dass "die SED mit ihrer Zielsetzung den wahren demokratischen Willen verkörpert, ein demokratisches Deutschland zu schaffen". Doch die Einbürgerung blieb ihm 1955 verwehrt; stattdessen heuerte ihn der Staatssicherheitsdienst (Stasi) als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) unter dem Tarnnamen "Otto Bohl" an. So berichten es die Experten der Stasi-Unterlagen-Behörde, Cornelia Jabs und Helmut Müller-Enbergs, in der Zeitschrift "Deutschland Archiv".
Demnach verpflichtete sich Kurras im April 1955 zur Kooperation. Eine Schlüsselposition, die ihn zu einem Top-Agenten der DDR machte, erreichte er 1965: Kurras - so die Akten - gelangte als Kriminalbeamter in jene Abteilung, die für Spionage, Überläufer und "Verräter in den eigenen Reihen" zuständig war. So konnte er der Stasi sämtliche für sie wichtigen Interna der West-Berliner Polizei liefern, zudem Informationen über bevorstehende Festnahmen von DDR-Spionen, über Fluchthelfer und in Berlin tätige US-Agenten.
Auch über Kurras Bezahlung durch die Stasi gibt die Akte Auskunft: Anfangs habe er noch 550 D-Mark pro Jahr bekommen, 1966 schon 4500 Mark und für die ersten beiden Monate 1967 bereits 2000 Mark. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war offenkundig mehr als zufrieden mit seiner Spitzenquelle. Er, Kurras alias "Otto Bohl", sei bereit, "jeden Auftrag für das MfS durchzuführen. Er besitzt Mut und Kühnheit, um schwierige Aufgaben zu lösen", zitieren Jabs und Müller-Enbergs. Es sei beim MfS auch von einer Offerte Kurras', auch jemanden "umzubringen", die Rede gewesen.
Auch dass Kurras ein Waffennarr war, vermerken die Stasi-Akten dem Bericht zufolge. Schon während der NS-Zeit habe er sich als "Sachbearbeiter für Schießwesen" hervorgetan. Dann, 1946 bis 1950, saß er im Gefängnis Sachsenhausen, weil er eine Waffe aus Kriegstagen behalten hatte. Später in West-Berlin wurde er als Schütze ausgezeichnet. "Den überwiegenden Teil seiner Freizeit verbringt er auf dem Schießstand", notierte die Stasi über ihn.
Nach dem Tod Benno Ohnesorgs wurde Kurras in allen Instanzen von der Anklage der fahrlässigen Tötung aus Mangel an Beweisen freigesprochen. 1987 ging er als Kriminaloberkommissar in Pension.
Vom ZDF mit dem Dokument über seine Verpflichtungserklärung konfrontiert und gefragt "Sind Sie das?", antwortete er jetzt: "Kann sein." (han)



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