Gespräch mit sechs "Geburtstagskindern"
Sechsmal 60 deutsche Jahre: So alt wie diese Republik
Sie feiern am Sonnabend ihren 60. Geburtstag - zusammen mit der Bundesrepublik, gegründet am 23. Mai 1949. Sechs Hamburger berichten über 60 deutsche Jahre.
Rolf Völckers wurde in Ahrensburg geboren.
Foto: Marcelo Hernandez
Zu Gast beim Abendblatt: Ein Unternehmer, ein Banker, ein Elektroinstallateur und drei Lehrer erzählen von ihren 60 deutschen Jahren mit Wünschen, Träumen und Hoffnungen. Von der goldenen Ära der Nachkriegszeit, von Mao-Bibeln und Fackelzügen für Kennedy, vom Tal der Ahnungslosen und von einem neuen Aufbruch - nach Europa.
Abendblatt:
Wie fühlen Sie sich als Geburtstagskind, das am selben Tag seinen 60. feiert wie die Bundesrepublik Deutschland?
Gisela Stut:
Stolz auf diesen besonderen Geburtstag bin ich nicht, denn ich habe ja nichts dazu beigetragen. Die Leistung unserer Eltern in der Nachkriegszeit ist aber natürlich sehr beeindruckend.
Rolf Völckers:
Sehe ich genauso. Aber allein durch die Wahl des Bundespräsidenten alle fünf Jahre an unserem Geburtstag wird die historische Bedeutung dieses Tages deutlich. Man wird daran erinnert, wie unser Land entstanden ist.
Hermann Ebel:
Zumindest ergibt sich der Vorteil, dass am 23. Mai ganz Deutschland geflaggt ist. Ich erzähle immer scherzhaft, das geschehe aus Anlass meines Geburtstags.
Sabine Seeliger:
Tatsächlich ist der Jahrgang '49 ja in eine optimistische Zeit hineingewachsen. Spannend war's zudem - zwischen Braun und Rot. Außerdem konnte den Politikern damals noch vertraut werden.
Eckhard Fiedler:
Zeitlich hatten wir unheimliches Glück. Wir durften die besten Jahre erleben, wir sind eine goldene Generation. Die Gründungsära war von sozialem Aufbruch und viel Arbeit für fast alle geprägt. Davon kann heute bekanntlich nicht mehr die Rede sein.
Stut:
Trotzdem können wir unterm Strich zufrieden sein: 60 Jahre ohne Krieg. Das ist in der Geschichte doch eine absolute Ausnahme.
Andreas Buß:
Stimmt, ich glaube, dies ist vielen gar nicht mehr so richtig bewusst. Als wir erwachsen wurden, blühte in Deutschland das Wirtschaftswunder. Rückblickend empfinde ich diese Zeit als sorglos und glücklich - zumindest für Kinder und Heranwachsende.
Abendblatt:
Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?
Seeliger:
Erstaunlicherweise kann ich mich nicht an Ruinen erinnern - auch wenn ja noch eine Menge da gewesen sein müssen.
Fiedler:
Ich habe noch ganze Straßen am Dulsberg vor Augen. Oder die Nissen-Hütten. So etwas vergisst man nie.
Ebel:
Ja, die Nissen-Hütten, das weiß ich auch noch. Und diese riesigen Schuttberge an der Ost-West-Straße ...
Buß:
Für unsere Eltern war es trotz des Friedens und der allgemeinen Aufbruchstimmung eine harte Zeit. Es ging sehr sparsam zu. Meist haben die Väter hart gearbeitet, und die Mütter mussten die Familie zusammenhalten. Wir Kinder wurden in den Wohlstand hineingeboren.
Ebel:
Beim Essen mussten die Teller geleert werden, und die jüngeren trugen die Kleidung der älteren Geschwister auf. Mich beeindruckt, dass meine Kinder heute großes Interesse an Schilderungen aus der Nachkriegszeit haben. Es ist sinnvoll, wenn solche Erfahrungen von Generation zu Generation weitergereicht werden.
Stut:
Es gibt auch wunderschöne Erinnerungen. Die ersten Reisen mit dem eigenen Auto. Bei uns ging's nicht ins Ausland, sondern an die Ostsee. Das war herrlich.
Seeliger:
1955 fuhren wir erstmals groß in die Ferien: mit einem schwarzen VW-Käfer nach Österreich. Die Eltern plus zwei Kinder - und ein Koffer für alle. Los ging es von Hamburg über die Bundesstraße 4, damals gab es auf der Strecke ja noch keine Autobahn.
Fiedler:
Anfang der 60er zum Zelten über den Brenner. Ein großartiges Gefühl.
Abendblatt:
Welche Ereignisse waren für Sie besonders eindrucksvoll?
Buß:
Bei mir hat sich der Mauerbau im Gedächtnis eingegraben. Wer hätte damals gedacht, wie sich alles entwickelt.
Fiedler:
Oder Kennedys Ermordung: So viele Hoffnungen, mit ein paar Schüssen zerstört.
Seeliger:
Stimmt. Die Kubakrise und Kennedy, unvergesslich. Wir sind damals mit der ganzen Klasse zum amerikanischen Generalkonsulat an die Außenalster gezogen. Mit Fackeln und tiefer Trauer im Herzen.
Völckers:
Für uns gab es nicht nur politisch einschneidende Erlebnisse, die Mondlandung oder die Olympischen Sommerspiele in München 1972 zum Beispiel.
Stut:
Und wie! Durch den Terrorakt war das ganze Land plötzlich im Schockzustand. Schlimm, wie pure Freude unvermittelt in Entsetzen umschlug.
Fiedler:
Mich haben die Proteste der 68er-Bewegung geprägt.
Ebel:
Seinerzeit gehörte es ja fast zum guten Ton, mit der Mao-Bibel in der Tasche durch die Gegend zu laufen. Als zutiefst erschütternd erlebte ich den Prager Frühling mit dem Einmarsch der Sowjetunion. Wir waren zu der Zeit in Norwegen und hatten schon ein bisschen Bammel, wieder nach Hause zu kommen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Fiedler:
Ich studierte damals in Lemgo, wir streikten ein Semester lang. Das war oft so: erst 68, dann RAF. Mit den extremen Haltungen habe ich mich aber nie identifiziert. Ich war eher liberal. Dass wir nach der Nazi-Vergangenheit mancher Autoritäten fragten, war richtig - sie war ja nun mal oft wenig rühmlich.
Stut:
Ich machte 1969 eine technische Ausbildung bei Siemens in Erlangen. Die Studentenproteste erlebte ich hautnah mit, das fand ich faszinierend.
Seeliger:
Für mich bedeutete 1968 vor allem Flower Power und "Make Love, not War" ...
Ebel:
Im Freundeskreis haben wir uns mit der Bewegung nicht wirklich auseinandergesetzt. Naheliegender waren für uns die Probleme in Osteuropa.
Abendblatt:
Ihre Generation gilt als extrem politisch und als diejenige, die Fragen stellte.
Seeliger:
Das mussten wir. In der Schule wurden wir zwar auf elementare Dinge wie Demokratie, Grundrechte, Menschenrechte eingeschworen. Aber noch in den 60er-Jahren tauchten in Grammatikübungen die Namen von Nazi-Führern auf.
Fiedler:
Wir hatten einen jungen und aufgeschlossenen Geschichtslehrer - unser Glück. In seinem Unterricht behandelten wir die schlimme Nazi-Zeit und den Judenmord.
Seeliger:
Manche Szenen aus den 70ern sind mir unvergesslich. Einmal gerieten wir, es muss 1973 gewesen sein, in eine Straßensperre bei Norderstedt. Die suchten einen von der RAF, kontrollierten mit Maschinengewehren in der Hand auch unser Auto.
Stut:
Mein Mann sah einem RAF-Mitglied ähnlich, sein Pass wurde in den 70er-Jahren immer besonders genau geprüft.
Abendblatt:
Vom Öffentlichen zum Privaten: Was waren Ihre ganz persönlichen Meilensteine in 60 deutschen Jahren?
Ebel:
Der Schritt in die Selbstständigkeit 1983 und das Gründen einer eigenen Familie.
Völckers:
Der traurigste Tag in meinem Leben war der Tod meines Sohnes 2001. Das schönste Erlebnis hatte ich vor 35 Jahren: Ich lernte meine Frau kennen.
Fiedler:
Ich habe zweimal studiert und erst mit 33 geheiratet. Wir haben eine Familie gegründet und ein Haus gebaut.
Stut:
Vor 40 Jahren zog ich nach Hamburg, vier Wochen später lernte ich meinen Mann kennen. Und 1971, nach meiner Ausbildung, begann ich mit meinem Studium. Eine wichtige Entscheidung!
Buß:
Für mich waren die Hochzeit und die Geburten meiner Söhne am bedeutendsten.
Seeliger:
1976 bin ich aus Winterhude aufs Land gezogen, eine Entscheidung von einiger Tragweite. Dort haben wir unsere drei Kinder großgezogen. Deren Geburtsjahre 1979, 1980 und 1983 stehen natürlich im Zentrum meines Lebens.
Abendblatt:
Wann hatte Deutschland seine besten Jahre?
Fiedler:
In den späten 50er-Jahren, als es konjunkturell nur in eine Richtung ging: bergauf. Diese Zeit des Wirtschaftswunders ist natürlich untrennbar mit Ludwig Erhard, dem Vater der sozialen Marktwirtschaft, verbunden.
Seeliger:
Ich habe die Ära von Willy Brandt als sehr positiv in Erinnerung. Diese Jahre waren eine entspannte Zeit.
Völckers:
Selbstverständlich gehört aber auch die Wiedervereinigung zu den besten Momenten deutscher Geschichte.
Abendblatt:
Wie haben Sie denn den Fall der Mauer erlebt?
Völkers:
Verwandte wohnten in Ostberlin, deshalb hatte ich einen besonderen Bezug zur DDR. Zwei Jahre vor dem Mauerfall habe ich meine Verwandten besucht und gesehen, wie marode und heruntergewirtschaftet alles war. Ich weiß noch genau, wie ich zu ihnen gesagt habe: Das geht hier nicht mehr lange gut, bald fällt die Mauer.
Abendblatt:
Und wie haben die Verwandten reagiert?
Völckers:
Die haben mir nicht geglaubt. "Absurd", haben sie gesagt. Bis dann zwei Jahre später, fast auf den Tag genau, tatsächlich die Mauer fiel.
Fiedler:
Es ging dann tatsächlich doch sehr schnell. Ich glaube, in meinem Freundeskreis hätte niemand darauf gewettet, dass unsere Generation die Wiedervereinigung noch erlebt.
Seeliger:
Ich war noch im Juni 1989 bei einer Taufe im "Tal der Ahnungslosen", zu Besuch bei Verwandten in der Nähe von Dresden. Ich weiß, wie mein Cousin sagte: "Ich liebe diese Gegend, ich will hier bleiben - aber einmal in meinem Leben möchte ich den Westen sehen!" Ein halbes Jahr später hat er uns besucht. Diese Entwicklung war in der Kürze überhaupt nicht absehbar.
Ebel:
Ich glaube, dass diese deutsch-deutsche Geschichte einen großen Einfluss auf das politische Bewusstsein unserer Generation hatte. Mit unseren Kindern sind wir im vergangenen Jahr nach Kuba gereist, weil die jüngere Generation auch mal mit eigenen Augen sehen sollte, was Sozialismus anrichten kann.
Abendblatt:
Nun ist die Wiedervereinigung 20 Jahre her. Sehen Sie sich in erster Linie als Deutsche oder als Europäer?
Buß:
Beides. Ich bin Deutscher und Europäer. Durch die gemeinsame Währung ist Europa ein ganzes Stück zusammengewachsen, das war ein richtiger Schritt.
Stut:
Das Europa-Gefühl muss noch ein bisschen reifen. Vielleicht sehen sich meine Kinder eher als Europäer. Ich selbst würde sagen: Ich bin eine Deutsche in Europa.
Ebel:
Zuallererst fühle ich mich als Hanseat und Deutscher. Ich erkenne aber durchaus Tendenzen bei der eigenen Meinungsbildung, europäische Gedanken und Ziele zu berücksichtigen.
Abendblatt:
Was wünschen Sie Deutschland zum 60. Geburtstag?
Seeliger:
Schluss mit dem Gejammer auf hohem Niveau! Ich wünsche, dass wir erkennen, wie gut es uns in diesem Land geht.
Fiedler:
Ich wünsche Deutschland, dass die soziale Komponente wieder mehr Gewicht bekommt. Das fängt bei kostenloser Kita-Betreuung an und geht dahin, dass jemand, der 40 Stunden in der Woche arbeitet, auch davon leben können sollte. Es kann nicht angehen, dass sich irgendwelche Manager derweil die Taschen voll machen. Es muss sozial wieder gerechter zugehen.
Buß:
Mir ist es wichtig, dass wir in Deutschland weiterhin in Frieden leben. Ich wünsche mir für den Rest meines Lebens, nie mehr Krieg erleben zu müssen. Ich habe das Gefühl, als begegne die jüngere Generation den aktuellen Problemen erheblich gelassener und optimistischer als die ältere.
Ebel:
Das sehe ich ähnlich. Ich hoffe, dass wir uns wieder auf die Tugenden der Aufbruchzeit besinnen. Nach dem Motto: Wir packen es an - trotz aller Widrigkeiten.
Stut:
Ich wünsche mir, dass sich die soziale Schere, die in den vergangenen Jahren so weit auseinandergeklafft ist, wieder ein bisschen schließt.
Völckers:
Na gut, jetzt ist irgendwie alles schon gesagt. Ich schließe mich diesen guten Wünschen an.
Interview: Thomas Andre, Jens Meyer-Odewald und Vanessa Seifert




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