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Ausland

"Deutschland tut zu wenig für die Afghanen"

Kenneth Roth ist seit 1993 Direktor der US-Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch". Im Abendblatt-Interview spricht er über die Situation in Afghanistan.

Kenneth Roth ist seit 1993 Direktor der US-Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch". Im Abendblatt-Interview spricht er über die Situation in Afghanistan.

ABENDBLATT: In Deutschland macht man sich Sorgen über wiederholte Entführungen deutscher Staatsbürger und die Sicherheit der deutschen Soldaten in Afghanistan. Sie werfen Deutschland zu wenig Tatendrang vor.

KENNETH ROTH: Afghanistan ist nicht Irak. Die Situation ist dort nicht außer Kontrolle. Es gibt im Land zwei verschiedene Problemherde. Zum einen ist dies die Wiedererstarkung der Taliban im Süden, womit die Deutschen im Norden jedoch nichts zu tun haben. Zum anderen leben Warlords im Rest des Landes durch florierenden Drogenhandel wieder auf und gefährden die Sicherheit. Viele sind verbündet mit der Karzai-Regierung. Deutschland tut hier zu wenig.

ABENDBLATT: Sie fordern mehr Soldaten?

Roth: Das Mindeste wäre ein robusteres Mandat um Menschen zu schützen und die Warlords zu bekämpfen. Die Deutschen bilden hauptsächlich Polizisten aus, sie tun kaum etwas für die Sicherheit der Zivilbevölkerung.

ABENDBLATT: Es gab in Deutschland schon Stimmen für einen Abzug von Truppen.

ROTH: Ein Truppenabzug wäre das falsche Signal. Deutschland ist eines der wenigen Länder, die die Möglichkeiten haben zu helfen. Es sollte dies auch tun, um seiner internationalen Verantwortung gerecht zu werden.

ABENDBLATT: Was werfen Sie der Bundesregierung konkret vor?

ROTH: Man müsste den Einfluss der Warlords, in Gebieten in denen die Taliban kein Problem sind, notfalls auch mit Waffengewalt zurückdrängen, um rechtsstaatliche Strukturen aufzubauen. Deutschland kümmert sich hauptsächlich um die Ausbildung von Polizisten. Nur 40 Prozent der Polizeikräfte im deutschen Einflussbereich sind jedoch ausreichend ausgerüstet und trainiert. Selbst dieser Hauptaufgabe kommen die deutschen Kräfte nicht hinreichend nach.

ABENDBLATT: Denken Sie, dass in Afghanistan mittelfristig Normalität einkehren kann?

ROTH: Sicherlich. Der Sturz der Taliban hat vieles verbessert. Die Wirtschaft floriert. Mädchen gehen zur Schule, es gibt eine größere Vielfalt an politischen Ansichten und religiösen Freiheiten. Von den Warlords geht jedoch nach wie vor eine ernste politische Unterdrückung aus. Sie nutzen ihre durch Drogenhandel finanzierten Armeen, um politischen Pluralismus zu unterdrücken und ihre Macht zu sichern.

ABENDBLATT: Deutschland verhält sich auch aufgrund seiner Vergangenheit vorsichtig mit Auslandseinsätzen, ist diese Zurückhaltung heute noch angebracht?

ROTH: Ich verstehe natürlich Deutschlands Sensitivität angesichts der Geschichte, aber ich hoffe, die Deutschen überwinden diese Hürde. Deutschlands Werte haben sich dramatisch verändert seit 1945. Deutschland muss diesen Werten auch weltweit gerecht werden. Dazu gehört eine energischere Außenpolitik zugunsten der Menschenrechte. Es ist schwer, einem Warlord-Opfer in Afghanistan zu erklären, dass es leiden muss, weil Deutschland Schreckenstaten im Zweiten Weltkrieg begangen hat.

ABENDBLATT: Haben Sie Außenminister Frank-Walter Steinmeier von Ihren Positionen überzeugen können?

ROTH: Wir hatten ein produktives Gespräch, der Außenminister ist ein sehr intelligenter und vielseitig versierter Mann. Er hat sich unsere Ideen angehört, es gibt allerdings auch Meinungsverschiedenheiten. Herr Steinmeier ist der Ansicht, dass der Dialog der richtige Weg sei um die Menschenrechtssituation in totalitären Staaten zu verbessern.

ABENDBLATT: Sie sehen das nicht so?

ROTH: Die Vorstellung, dass totalitäre Regime allein durch Argumentieren ihre Menschenrechtsverletzungen beenden, teilen wir nicht. Die Welt braucht deutsche Hilfe. Deutschland darf sich von den Problemen der Menschen nicht absondern.

 

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