Olympia: Am 8. August 2008 fällt in Peking der Startschuss für das größte Sportereignis der Welt
Chinas Spiele mit Vogelnest und Wasserwürfel
Die Führung verspricht die "besten Spiele aller Zeiten", braucht sie auch für den sozialen Frieden im Land. Feste und Plakatkampagnen sorgen schon jetzt für die rechte Stimmung.
Peking. Wunderbar bunt ist es hier. Herr Wang Anqi, ein älterer Mann mit schütterem Haar, hagerem Gesicht und einer runden Brille schaut einer Gruppe farbenfroher Tänzerinnen zu. Während die Damen in rosa oder froschgrünen Kostümen, mit schwarz-roten oder gelben Fächern wedelnd sich vergnügt im Kreise drehen, treibt Herr Wang mit einem Stab in der Hand einen Metallreifen vor sich her. Regelmäßig veranstaltet Peking inzwischen große Feste, die die Vorfreude auf Olympia schüren sollen. Mit Erfolg: "Natürlich freue ich mich auf die Spiele! Wir sind stolz darauf, etwas für unser Land tun zu können", sagt Herr Wang.
Begeisterung spricht aus seinen Augen, ein Gefühl des Wir-sind-wieder-wer. "China hat in den letzten zwei Jahrzehnten solch einen Wandel durchgemacht, das wollen wir der Welt zeigen." Dass China die meisten Medaillen gewinnen wird, daran bestehen nicht nur auf Chinas Straßen kaum Zweifel. Und wenn das gelingt, wird das Land bald auch auf anderen Gebieten die Nummer eins sein. Davon ist man hier überzeugt.
Damit auch jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat, sind in der ganzen Stadt riesige Uhren aufgestellt: Sie zeigen jede Sekunde an, die noch vergehen muss, bis es so weit ist. Am 8.8.2008 werden in Peking die Olympischen Spiele eröffnet, und selbst in den schmalen Hutongs, den letzten alten Gassen, die die Bau- und Abrisswut noch nicht erreicht hat, sind die Spiele ein heißes Thema. Dafür sorgen die überall klebenden Plakate der Nachbarschaftskomitees, die jeden auf richtiges Benehmen einschwören. Schnell sollen den Pekingern noch einige Angewohnheiten ausgetrieben werden, darunter das Spucken, das in China nach Herzenslust und ganz unverkrampft betrieben wird. Die Plakate fordern: "Begrüßt die Olympischen Spiele, benehmt euch wie zivilisierte Bürger."
"Jeder Elfte eines Monats ist Schlange-Stehen-Tag", heißt es auf Plakaten an den Bushaltestellen. Will sagen: Einmal in vier Wochen soll sich der Pekinger nicht unter härtestem Einsatz der Ellenbogen in den Bus drängen und auf das allgemein anerkannte Recht des Stärkeren verzichten. Wie finden Sie denn die Aktion, Frau Zhang? "Mit dem ,Schlange-Stehen-Tag' tun wir etwas für die Spiele, noch wichtiger ist uns aber die langfristige ethische Erziehung", sagt Frau Zhang Huigang vom Komitee für Ethische Entwicklung.
Pekings Stadtregierung scheint die Olympischen Spiele als riesige Erziehungsmaßnahme anzusehen - durchaus nichts Außergewöhnliches in China, das Politik von jeher mit Kampagnen macht. Diese hier soll das Wir-Gefühl stärken. Und das in einem Land, in dem laut Weltbank die Kluft zwischen Arm und Reich die weltweit größte ist. Schon die Stadionbauten lassen erahnen, was die chinesische Führung im Sinn hatte, als sie versprach, die "besten Spiele aller Zeiten" zu veranstalten. Das urolympische Prinzip des "schneller, höher, stärker" wird in Peking vor allem als Ansporn verstanden, rekordverdächtige Prestigebauten aus dem Boden zu stampfen.
Das Prunkstück der olympischen Stätten wird das von den Baseler Architekten Herzog und de Meuron geplante Nationalstadion. Der ungeheure Bau wirkt trotz der 42 000 Tonnen Stahl, die hier verbaut werden, wie der Natur abgeschaut und wird liebevoll "Vogelnest" genannt: Gebogene Streben verlaufen wie Zweige kreuz und quer, in unregelmäßiger Anordnung erheben sich geschwungene Linien. Anstatt das Stadiongerippe wie üblich zu verhüllen, wird es selbst zur Hülle. 500 lichtdurchlässige Membrankissen decken die Räume zwischen den Tragestreben ab. Das ausfahrbare Dach fiel Kostenerwägungen zum Opfer, dennoch bleibt die stolze Bausumme von 350 Millionen Euro. Albert Speer jr., Frankfurter Architekt und in China seit Jahren erfolgreich, hält das Stadion für "großartige Architektur von höchster Qualität", aber auch für "ökologisch nicht nachhaltig, da eine zu große Menge (energiefressender) Stahl benutzt wird".
Eine lichtdurchlässige Membran umgibt auch das Schwimmstadion, den "Wasserwürfel", das sich mit dem Vogelnest um den Preis des gewagtesten Entwurfs streiten darf: 3000 blaue, mit trockener Luft gefüllte Taschen aus recyclebarem Plastik ahmen organische Zellen nach. Hier wurde der Schöpfung ebenfalls ein geniales Bauprinzip abgeschaut: Ein Gitter aus Metall zwischen den einzelnen Zellen soll den Wasserwürfel nicht nur stabil, sondern sogar erdbebenfest machen, die transparente Hülle lässt mehr Wärme und Licht ins Innere als Glas. Das senkt die Energiekosten für das Beheizen der fünf Becken um 30 Prozent. So ist der blaue Würfel das "grünste" Projekt der Olympia-Bauten und auch das mit dem größten Zuspruch. In einer Umfrage kürte die Mehrheit der Chinesen das Schwimmstadion zu ihrem Lieblingsbauwerk.
Werden diese beiden künftigen Wahrzeichen der Olympischen Spiele in Peking von internationalen Architekturbüros geplant, so hat das kaum weniger spektakuläre Daten- und Kontrollzentrum "Digital Beijing" der Pekinger Architekt Pei Zhu gebaut. Das Gebäude erinnert an die Hauptplatinen eines Computers. Es ist aus grauem Aluminium und an den Seiten durch schmale vertikale Kanäle durchbrochen. LED-Panels, durch die Wasser geleitet wird, erleuchten das Werk mit weißen und bläulichen Reflexen.
Die Bauarbeiten sind weit fortgeschritten, es wird nicht zu dem großen Zittern kommen, das die Fertigstellung der Stadien in Athen 2004 begleitet hatte. Wie ein Bauarbeiter am Westtor der Schwimmanlage unter seinem gelben Helm murmelt: "Noch fünf, sechs Monate, dann sind wir fertig mit dem Bau, und ihr könnt alles aus der Nähe angucken."
Um des nationalen Prestiges willen scheint auch den chinesischen Sportfunktionären so manches Mittel recht, schenkt man Dick Pound, dem Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Glauben. Er kritisiert, dass Chinas Athleten in strikter Abgeschiedenheit von Öffentlichkeit und Dopingkontrollen vorbereitet werden. Er warnte: "Die Welt wird den Erfolg der Olympischen Spiele nicht danach beurteilen, ob die Busse pünktlich fahren, sondern ob es ein wirkungsvolles nationales Antidoping-Programm in China geben wird oder nicht."
Kritik ganz anderer Art kommt aus dem Hinterland, aus der zentralchinesischen Provinz Anhui etwa, einem der Armenhäuser des Landes, das die wohlhabenden Hauptstädter mit nie versiegendem Nachschub an Haushälterinnen, Kindermädchen und Bauarbeitern versorgt. Was hält man hier von den Spielen in der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt? "Wenn ich höre, wie viel Geld die ausgeben, werde ich wütend. Die in Beijing veranstalten so ein Riesenspektakel, nur um sich selbst zu feiern. Wie es hier aussieht, ist denen egal. Hier sind fast nur noch Alte und Kinder, alle anderen sind längst in die Städte abgewandert", schimpft Liu Meng, ein Bauer.
Wang Anqi auf dem Fest zur Vorfreude auf Olympia in Peking lässt das kalt: Ob es nicht sinnvoller wäre, das in die Spiele investierte Geld zur Beseitigung der Armut auf dem Land zu nutzen? "Das Geld den Bauern geben?", fragt er entgeistert, "warum? Hier geht es doch um unsere Ehre als Nation!"
Für Chinas Regierung sind die "besten Olympischen Spiele" nicht nur eine Frage des internationalen Ansehens. Es geht auch darum, das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, die anwachsenden sozialen Unterschiede und Spannungen zwischen Stadt und Land zu übertünchen. Was, wenn das schiefgeht? Wenn etwa Dopingfälle zu Blamagen führen? Doch das ist Pessimismus, und der ist in China immer noch verboten. "Chinas Ansehen in der Welt wird am Ende enorm gestiegen sein." Davon ist nicht nur Herr Wang überzeugt. Hinter ihm tanzt gerade eine Hundertschaft rosa gekleideter älterer Damen einen Fächertanz. Und über der Bühne weht ein rotes Spruchband: "Lasst uns eine harmonische Gesellschaft bauen."




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