Hisbollah-Raketen: Wie Studenten in Haifa die ersten Kriegserfahrungen ihres Lebens verarbeiten
Die verwundeten Seelen auf der "Insel des Friedens"
Dass erstmals Haifa, Hort der Toleranz zwischen Juden und Arabern, bombardiert wurde, bedrückt junge Israelis ebenso wie das Gefühl, "den Libanonkrieg schmählich verloren zu haben". Ein Besuch auf dem Campus.
Haifa. "Wenn sie dir das sagt, müsste sie dich hinterher töten", witzelt Uri und grinst. Klar, es ist ein Scherz. Aber hier in Nordisrael, wenige Monate nach dem Libanon-Krieg und in Sichtweite der libanesischen Grenze, haben solche Scherze einen ganz besonderen Charme. "Sie" - das ist Noa Dagul, ausgebildete Biologin, Studentin der Psychologie sowie der Rechtswissenschaft - und Reserve-Soldatin im Krieg. Und ich hatte vorwitzig gefragt, was sie da so gemacht hat. "An der Front war ich jedenfalls nicht", sagt Noa kryptisch.
Wir sitzen im 27. Stockwerk des Eschkol-Turmes, der die Universität von Haifa überragt wie der Mast eines Schiffes und von Kult-Architekt Oscar Niemeyer, dem Erbauer der Stadt Brasilia, entworfen wurde. Der ganze Campus mit seinen modernen Gebäuden thront knapp 500 Meter hoch oben auf dem Berg Karmel, auf dem der biblischen Überlieferung nach der Prophet Elija wirkte.
Der Blick schweift von hier aus weit ins Land, die Bucht von Haifa entlang zum alten Kreuzfahrerhafen Akko, wo Richard Löwenherz mit seinen Kreuzrittern den Boden des Heiligen Landes betrat, bis hinüber nach Nahariya. Dahinter, noch etwas im Dunst, liegt die Grenze zum Libanon. "Ein wunderschöner Blick", hatte ich gegenüber einer Archäologin der Uni geschwärmt. "Nicht, wenn Sie sehen können, wie die Hisbollah-Raketen heranpfeifen und in der Stadt unten einschlagen", hatte sie düster geantwortet.
Der Krieg, erst ein halbes Jahr her, scheint beim Blick auf diese blühende Stadt bereits weit weg zu sein. Doch er hat tiefe Spuren in den Seelen der Menschen von Haifa hinterlassen. Und ich bin froh, Noa gesund wiederzutreffen. Sie und ihre Kommilitoninnen Anat Gelber (26) und Elischeva Salamon Slisa (26) hatten das Hamburger Abendblatt im März vergangenen Jahres, also vier Monate vor dem Juli-Krieg, besucht. Alle drei sind Mitglieder des hoch renommierten universitären Debattierklubs. Anat ist sogar ein Debattier-Superstar: Die junge Israelin ist im Januar 2006 bei den Rhetorik-Weltmeisterschaften in Dublin zur besten Rednerin der Welt gekürt worden. 2003 und 2005 war sie schon beste Rednerin Europas.
Was hat der Krieg in ihnen verändert?
"Sehr viel - und zwar auf zwei Ebenen", sagt Anat ohne zu zögern. "Zunächst einmal war es das erste Mal, dass Haifa von einem Krieg direkt betroffen war. Während andere Teile Israels mit dieser Art von Stress längst vertraut sind, galt Haifa stets als Insel des Friedens. Und dieser Frieden wurde nun verletzt. Plötzlich begriffen wir, dass wir nicht länger immun gegen Angriffe sind. Der Krieg wurde - und zwar im allerwörtlichsten Sinne - in unser Heim getragen."
Anat, deren Vater Geschichtsprofessor mit dem Schwerpunkt Holocaust-Forschung ist, vertraute wie die meisten Menschen in Haifa darauf, dass die Hisbollah es niemals wagen würde, die für ihre Toleranz bekannte Stadt zu bombardieren. Doch genau das geschah. "Plötzlich fühlst du dich verwundbar, ausgeliefert. Das verändert dich."
"Das stimmt", sagt Noa. "Aber die weit größere Veränderung liegt für mich darin, dass meine Generation zum ersten Mal von einem Krieg berührt wurde. Die meisten meines Alters waren doch noch Babys, als der erste Libanon-Krieg 1982 tobte. Jetzt kamen meine Freunde aus einem Krieg zurück und berichteten von ihren Erfahrungen. Einer erlitt eine tiefe Traumatisierung, weil er mitansehen musste, wie zwölf Kameraden seiner Einheit starben. Er kam in einem, sehr schlechten Zustand zurück und wir redeten lange darüber. Das sind Leute meines Alters - und sie werden den Rest ihres Lebens eine große Last mit sich herumtragen. Es hat sich also nicht nur die Geografie des Schlachtfeldes verschoben, sondern auch die Generation der dort kämpfenden Soldaten."
Uri Zakai, der mit am Tisch sitzt, wirft ein: "Dieser Krieg hat aber auch die Sichtweise der Israelis verändert." Uri ist hoch gewachsen und breitschultrig, Typ Kompaniechef einer Fallschirmjägerbrigade. Und genau das ist er im Kriegsfall auch. Nun sitzt er hier als Rhetorikdozent und Freund der drei debattierfreudigen Mädels. "In meinen Vorlesungen der letzten Monate habe ich immer gefragt, wer den Krieg eigentlich gewonnen hat. Und wenn mir niemand eine klare Antwort geben kann, frage ich nach: Gut, was sind denn die Kriterien für einen Sieg? Und wieder kann mir niemand eine Antwort geben."
Anat setzt nach: "Als der Krieg begann, hat unsere Regierung einige Kriegsziele festgelegt - und keines davon wurde erreicht. Vielleicht hätte man diese Ziele lieber nicht definieren sollen."
"Es ist wirklich kurios", meint Uri nachdenklich. "Militärisch gab es keine echte Bedrohung für Israel. 90 Prozent der Raketen fielen auf offenes Gelände; prozentual betrachtet gab es kaum Opfer, und niemand konnte die israelische Armee im Libanon stoppen. Und dennoch haben wir das Gefühl, schmählich verloren zu haben."
"Wir haben eben im Libanon wesentlich besser gekämpft als in den Medien", meint Noa. "Und der Kampf um die öffentliche Meinung ist eben ein ganz anderer Krieg."
"Die öffentliche Meinung ist vor allem deshalb der Ansicht, dass wir verloren haben, weil wir die entführten israelischen Soldaten nicht befreien konnten", wirft Anat ein. "Und während des Krieges waren die Israelis noch völlig vereint in der Unterstützung von Regierung und Armee. Doch drei Tage nach dem Waffenstillstand schwatzte plötzlich jeder von einem Fehlschlag und forderte, dass der Premierminister und der Stabschef ihre Hüte nehmen müssten."
Als Uri anmerkt, die Israelis hätten begonnen, ihre Kriege zu hinterfragen, sieht Anat hier ein grundsätzliches Problem: "Die israelische Gesellschaft ist sich gegenwärtig nicht mehr sicher, was eigentlich die Quelle ihrer Legitimität ist: die Geschichte, die Religion oder aber die Demokratie. Die Menschen hier suchen nach Wissen, sie wollen nicht nur einfach eine Meinung vertreten, sondern auch genau verstehen, warum sie diese Meinung eigentlich vertreten. In dieser postmodernen Welt wollen wir Israelis an unseren Werten festhalten können."



100. Geburtstag
Axel Springer
Branchenbuch Hamburg






Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




