Genitalverstümmelung: Ein Schockierender Film beseitigte die letzten Zweifel der Sunnitischen Rechtsgelehrten
"Das wusste ich nicht, das wusste ich doch nicht . . ."
Der Beschluss von Kairo, der Beschneidungsrituale ächtet, ist der bisher größte politische Erfolg des Hamburgers Rüdiger Nehberg.
Hamburg/Kairo. Der Mann hat mit Riesenschlangen gerungen und Vogelspinnen gegessen, hat undurchdringliche Dschungel, tobende Meere und glühende Wüsten bezwungen. Doch wenn die Rede auf ein bestimmtes Erlebnis kommt, kann es passieren, dass diesem hartgesottenen Burschen Tränen über die Wangen laufen. Noch immer ist Rüdiger Nehberg, Menschenrechtler und Deutschlands Doyen der Survivalszene, traumatisiert von einer Szene, die er vor einigen Jahren mitansah. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin und Mitstreiterin Annette Weber erlebte er die "Beschneidung" eines kleinen Mädchens. "Beschneidung" - das hört sich unangenehm, aber relativ harmlos an, ist im Judentum und im Islam bei Jungen üblich.
Doch was in vielen islamischen Staaten unter diesem Etikett an kleinen Mädchen praktiziert wird, ist eine unsägliche grausame Verstümmelung, die Frauen für den Rest ihres Lebens psychisch und körperlich verkrüppelt. Die beiden Hamburger zwangen sich, das Ritual zu filmen, die Angst des Kindes, seine entsetzlichen Schreie bei der Metzelei. Doch Jahre später sollte sich dieser Film als mächtige Waffe im Kampf gegen die Genitalverstümmelung erweisen.
Rückblende. "Es war der Mufti von Mauretanien, Hamden Ould'Tah, der die Idee zu einer Gelehrten-Konferenz zur Abschaffung der Verstümmelung hatte", erzählt Nehberg, soeben aus Kairo zurückgekehrt, wo eben diese Konferenz mit einem sensationellen Erfolg endete.
Das Votum gegen die Verstümmelung ist ein großer Erfolg für den Hamburger, der seit dem Jahre 2000 mit seiner eigens dafür gegründeten Organisation "Target" gegen die Beschneidung kämpft, vor allem aber für die Abermillionen Frauen und Mädchen in der islamischen Welt, über deren Schicksal im wahrsten Sinne des Wortes ein Schwert hängt. Jenes nämlich, mit dem der Mann die verstümmelte und zugenähte Scheide der Frau in der Hochzeitsnacht roh auftrennt.
Als Nehberg und Weber vor Monaten beim Religionsminister von Ägypten, Mahmud Hamdi Zakzouk, und beim angesehenen Großmufti von Kairo, Professor Ali Goma'a, in dieser Sache vorfühlten, stießen sie überraschend offene Türen ein. Nehberg, der im vergangenen Jahr bereits erreicht hatte, dass das äthiopische Volk der Afar die Verstümmelung ächtete, war der Ruf vorausgeeilt, ein Freund des Islam zu sein. Denn genau das war die geniale Grundidee des Hamburgers: Die Kraft des Islam selbst gegen diese Barbarei zu richten und nicht als westlicher Besserwisser aufzutreten.
Ali Goma'a, der für islamische Rechtsgutachten, Fatwas, an der Kairoer Al-Azhar-Universität zuständig ist, die 988 gegründet wurde und damit die älteste Universität der Welt ist, schlug vor, eine solche Konferenz nicht irgendwo, sondern im großen, mit Teppichen ausgeschlagenen Tagungszentrum der al-Azhar zu veranstalten und dazu die höchsten Gelehrten der sunnitisch-islamischen Welt einzuladen. Er selbst würde sogar die Schirmherrschaft übernehmen.
"Wir stießen uns unter dem Tisch die Schienbeine blau und konnten es nicht fassen", erzählen Nehberg und Weber. Die beiden trieben das Projekt nun zügig voran und finanzierten die Konferenz mit rund 160 000 Euro - Spenden der 10 000 "Target"-Förderer. 20 000 Euro kamen von Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Die Lufthansa räumte den islamischen Würdenträgern einen Rabatt ein.
Rund 20 Ulemas, Rechtsgelehrte, aus Ägypten, dem Tschad, Dschibuti, Mali, Mauretanien, Katar sowie Vertreter der islamischen Gemeinde aus Deutschland und Österreich folgten dem Ruf. Sie bildeten das Forum, im Zuschauerraum saßen weitere rund 100 Geladene, darunter Mitglieder von Frauenorganisationen. Erstmals widmete sich die geballte islamische Geistlichkeit in der Al-Azhar-Universität, dem höchsten Zentrum der islamischen Gelehrsamkeit, dem Problem der Verstümmelung von Frauen.
Zwar grummelte der radikale ägyptische Scheich Jussuf Karadawi, einer der einflussreichsten Gelehrten der islamischen Welt, er hätte es lieber gesehen, wenn die al-Azhar selber auf die Idee mit der Konferenz gekommen wäre. Er musste dann aber eingestehen, dass die Verstümmelung von Frauen gar nicht vom Koran vorgesehen sei. Journalisten vor Ort werteten es als Sensation, dass der Mann, der kürzlich die weltweiten islamischen Proteste im Zusammenhang mit den dänischen Mohammed-Karikaturen losgetreten hatte, überhaupt dem Ruf der beiden Hamburger gefolgt war. Der radikale Scheich ist ungemein populär, sehr versiert in Religionsfragen und trägt den Spitznamen "das wandelnde Islam-Lexikon".
Karadawi argumentierte, es fände sich zwar nicht im Koran, aber in den Hadithen, den Überlieferungen Mohammeds, eine allerdings "sehr schwache" Rechtfertigung für die Beschneidung. Sie reiche aber keinesfalls für die vielerorts vorgenommene "pharaonische Beschneidung" aus, bei der Schamlippen und Klitoris restlos entfernt werden. Doch manche Frauen hätten eben eine übergroße Klitoris und damit allzu starke sexuelle Bedürfnisse, schwadronierte der Islamist, der wegen seiner Radikalität sonst im Scheichtum Katar im Exil sitzt und seine Predigten über den Sender al-Dschasira verbreitet.
Karadawis Unentschiedenheit ruft die Sonderbotschafterin des ägyptischen Präsidentenpaares Mubarak, Mushira Chattab, auf den Plan, die "eine klare Anweisung für muslimische Familien" fordert und dem verdutzten Karadawi zuruft: "Ich fordere alle einflussreichen Ulemas auf, sich deutlich gegen die Genitalverstümmelung auszusprechen. Wenn ihr das nicht tut, verpassen wir wieder mal die Chance, uns von mittelalterlichen, sehr schädlichen Bräuchen zu trennen." Fünf Ärzte treten nun auf, darunter Professor Kenntenich vom DRK-Krankenhaus in Berlin, und schildern die grausige Prozedur und ihre verheerenden Folgen.
Beeindruckt verfolgen Nehberg und Weber, mit welcher unerwarteten Offenheit die Versammlung über die weibliche Sexualität debattiert. Über Klitoris und Schamlippen, über das Recht der Frau auf erfüllte Sexualität. "Da wurde erklärt, dass die Frau ein noch viel größeres Recht auf Erfüllung habe als der Mann - weil sie ja mit der Schwangerschaft schließlich die Konsequenzen tragen müsse. Daher solle der Mann zuerst für ihre Erfüllung sorgen, dann erst für seine", erzählt Annette Weber.
Dann geht es am zweiten und letzten Tag der Konferenz ums Ganze - das Votum der Ulemas soll über das Schicksal unzähliger Mädchen entscheiden. "Mir war schlecht vor Angst, ich habe am ganzen Leib gezittert", sagt Weber. Rüdiger Nehberg setzt alles auf eine Karte. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Damit Sie wissen, worüber Sie jetzt entscheiden", sagte er. Und führt den entsetzlichen Film über die Verstümmelung des kleinen Mädchens vor.
Die Videosequenz schlägt wie eine Bombe unter den Ulemas ein. "Das wusste ich nicht, das wusste ich doch nicht", stammelt Scheich Hussein Hassan Akbar aus dem Tschad. "Jetzt ist mir klar, was dabei geschieht." Erschüttert wendet er sich dem Hamburger Paar zu. "Sie haben von nun an in mir den besten Mitstreiter."
Und der Imam Mahamadou Diallo aus Mali ruft mit kräftiger Stimme. "Als ich die Verstümmelung in Mali anprangerte, hat man mir vorgeworfen, ich sei von den USA gekauft. Man hat mich meines Amtes enthoben und mit dem Tod bedroht. Glaubt ihr, dass der Großmufti von Ägypten käuflich ist? Glaubt ihr, dass Karadawi käuflich ist?"
Doch im Zuschauerraum fuchtelt ein alter Würdenträger mit seiner Krücke, geht auf Nehberg los und droht, ihn anzugreifen. "Stoppt den Film", brüllt er, "er ist eine Lüge, vom Westen gedreht, um uns zu diskriminieren. So ein Verbrechen gibt es bei uns im Islam nicht." Doch der Unbelehrbare muss klein beigeben.
Und dann die Entscheidung, eine Sensation und ein Fanal der Hoffnung für Millionen islamische Frauen. Eine Fatwa im Namen des Großmuftis von Ägypten und von al-Azhar. Sie verurteilt die Genitalverstümmelung als Verbrechen gegen Islam und Menschlichkeit. "Die Konferenz war nicht nur ein hundertprozentiger Erfolg, sondern ein zweihundertprozentiger", sagt Imam Bal Mohammed al-Bechir aus Mauretanien. Und der äthiopische Scheich Mohammed Darassa wendet sich an die beiden tief bewegten Hamburger: "Sultan Ali Mirah von den Afar ernennt euch beide zu den ersten Ehrenbürgern unseres Volkes."
Doch Nehberg ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Gemeinsam mit Annette arbeitet er an Strategien, um die Fatwa bis ins letzte islamische Dorf bekannt zu machen.




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