Mit Worten gegen Macheten
Ruanda: Paul Rusesabagina rettete 1268 Menschen das Leben. Der Mann, der das Vorbild zu dem Film "Hotel Ruanda" lieferte, spricht über seine Zeit im Krieg.
Hamburg. Als der fröhliche 15jährige Junge an diesem Tage vor die Tür tritt, ist er nicht auf den Schock vorbereitet, der ihn für immer verändern wird. Dort auf der Straße, wo sie täglich gespielt haben, liegen die unbeschreiblich zugerichteten Leichen seines besten Freundes und von dessen Familie. Und als er weinend in die Arme seines Vaters stürzt, ahnt er nicht, daß dieser Mann bald zu einem weltweit bewunderten Heroen werden wird, über den Hollywood einen erfolgreichen Film dreht. Paul Rusesabagina ist der echte Held des Films "Hotel Ruanda", der für drei Oscars nominiert wurde.
Gestern war er in Hamburg, um über seine Erlebnisse zu sprechen, die man nun auch mit dem Hörbuch "Ein gewöhnlicher Mensch" nacherleben kann. Sprecher ist der "Heute"-Moderator Steffen Seibert.
Rückblende: Es ist in der Nacht auf den 7. April 1994, als im afrikanischen Ruanda, dem "Land der tausend Hügel" und der Berggorillas, ein Völkermord anhebt, dem innerhalb von nur 100 Tagen rund eine Million Menschen zum Opfer fallen. In einer blutigen Eruption entlädt sich die alte Fehde zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Hutu und der Tutsi-Minderheit. Die Hutu stellen die Regierungstruppen, die Tutsi eine Rebellenarmee, die aus dem ugandischen Exil operiert.
Die meisten Opfer sind Tutsi und werden mit Macheten erschlagen. Eine entmenschte Soldateska schneidet Kindern vor den Augen der Eltern Gliedmaßen ab. Eine halbe Million Frauen wird geschändet, Soldaten schleppen Öl heran, um Familien lebendig in ihren Häusern zu verbrennen. Eine Welle verängstigter Flüchtlinge rollt über das Land, während die belgischen Uno-Truppen nach dem Tod von zehn ihrer Soldaten abziehen.
In dieser apokalyptischen Situation wächst Paul Rusesabagina, Vizedirektor des Sabena-Hotels "Mille Colline" in der Hauptstadt Kigali, über sich hinaus. Er ist plötzlich in der Verantwortung. Denn auch der niederländische Direktor ist geflohen. Und im "Mille Colline" haben 1268 verzweifelte Tutsi Zuflucht gesucht. Ihr Tod ist nur noch eine Frage von Stunden; schon dringen Hutu-Milizen in das Hotel ein. Paul Rusesabagina steht ganz allein in seinem Kampf. "Der Direktor hatte den Angestellten einfach seine Schlüssel vor die Füße geworfen. Die stürmten den Weinkeller und ließen sich mit Champagner volllaufen", erzählt der 50jährige im Ottensener Gastwerk-Hotel.
"Ich hatte keine Zeit, nachzudenken, Pläne zu machen oder auch nur Angst zu haben." Und so redet er, Sohn eines Hutu-Vaters und einer Tutsi-Mutter, auf die mordgierigen Milizen beruhigend ein, gibt ihnen Geld. Seine Frau und er bewirten die Hutu in der Bar mit Alkohol.
Die Regierungstruppen haben dem Hotel Wasser, Elektrizität und Versorgung gesperrt, aber der Direktor verteilt das Wasser des Swimmingpools an die Durstigen, bis es alle ist, läßt aus Trockenbohnen Essen kochen.
Und er redet und redet, beschwört die Milizionäre. "Ich glaube an die Kraft der Worte. Ich glaube, daß Worte die Welt verändern können. Wenn du eine bessere Welt willst - dann kannst du sie mit Worten bessermachen. Worte sind für mich die mächtigsten Waffen, über die Menschen verfügen."
Und gegen jede Chance hat er Erfolg: Die Flüchtlinge überleben. Ihr Retter wird nach einem knapp gescheiterten Mordanschlag in Kigali selbst zum Flüchtling und lebt seit fast zehn Jahren mit seiner Familie in Brüssel. Paul Rusesabagina hofft auf reinigende Aburteilung der Abertausenden Mörder in seinem Land, die aber nur mit Hilfe der Staatengemeinschaft möglich sei. "Wir Ruander sind im Grunde alle Opfer und Täter", sagt er. "Wenn man in die Berge geht, findet man dort fast nur Witwen. Ihre Männer wurden von Tutsi-Rebellen ermordet."
Und wie hat ihn das Erlebte verändert? "Dramatisch", sagt er sanft. "Vor dem Völkermord war ich unbeschwert, habe jedem vertraut. Heute bin ich eher verschlossen. Aber ich habe wichtige Lehren gezogen. Meinen Kindern sage ich: Schlagt niemals jemanden für das, was er ist. Es ist euch überhaupt nicht gestattet, irgend jemanden zu schlagen. Respektiert diejenigen, die euch respektieren. Liebt die, die euch lieben."
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat, meinte Bertolt Brecht. Aber was für ein Glück für dieses Land, wenn im richtigen Moment einer da ist.




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