"Teherans Pläne sind keine Bedrohung"
Interview: Ex-Kanzler Helmut Schmidt mahnt im Atomstreit zu besonnener Politik. Die weltweite Anzahl der Nuklearmächte wird in den nächsten Jahren zunehmen, sagt Schmidt. Der Westen müsse das leider hinnehmen.
ABENDBLATT: Wie ernst nehmen Sie die iranische Atompolitik? Stellt sie wirklich eine aktuelle Bedrohung dar?
Helmut Schmidt: Nein, das ist keine akute Bedrohung des Friedens.
ABENDBLATT: Und wie ernst ist die Situation nun heute?
Schmidt: Als 1968 der Nichtverbreitungsvertrag verabredet wurde, gab es fünf atomar bewaffnete Staaten; heute gibt es acht Staaten, die mit atomaren Waffen ausgestattet sind. Und es ist unausweichlich, daß es immer mehr werden, denn der Nichtverbreitungsvertrag funktioniert nicht wirklich umfassend.
ABENDBLATT: Außerdem kann man aus dem Vertrag aussteigen.
Schmidt: Richtig, Iran könnte ihn kündigen. Nordkorea hat das getan. Und außerhalb des Nichtverbreitungsvertrags gibt es kein Völkerrecht, das einem Staat verbietet, nukleare Waffen zu haben. Es ist eine zwangsläufige Entwicklung, die dazu führen kann, daß wir in 20 Jahren 12 Nuklearmächte haben werden.
ABENDBLATT: Wäre es dann nicht konsequent, wir würden mit Herrn Ahmadinedschad viel gelassener umgehen?
Schmidt: Ahmadinedschad ist mit seinem ungezügelten, unkontrollierten Temperament und seinen aggressiven Reden sicherlich gefährlich. Das hat aber mit der atomaren Frage wenig zu tun. Die Iraner haben schon seit längerer Zeit nach ziviler Nutzung des Atoms gestrebt; dazu sind sie als Partner des Nichtverbreitungsvertrags berechtigt. Für eine denkbare Entwicklung nuklearer Waffen würden sie noch mehrere Jahre benötigen. Diese Frage sollte man nicht mit der Person des iranischen Präsidenten vermischen.
ABENDBLATT: Aber wie müssen wir dann mit dem Iran umgehen?
Schmidt: Sie haben das Stichwort selber gegeben. Wir sollten gelassener sein, und insbesondere Washington sollte sich zurücknehmen.
ABENDBLATT: Wie steht es mit Sanktionen? Gibt es außer der wirtschaftlichen auch eine militärische Option?
Schmidt: Es soll ja in den USA Leute geben, die an militärische Sanktionen denken. Ich kann davor nur warnen. Amerika kann jeden Krieg führen und fast jeden Krieg gewinnen, aber es kann mit dem Chaos nicht umgehen, das anschließend entsteht.
ABENDBLATT: Wie im Irak . . .
Schmidt: Das sehen wir im Irak, in Afghanistan, überall, wo militärisch eingegriffen worden ist.
ABENDBLATT: Was würden Sie also den Staatsmännern und -frauen raten, die jetzt zu entscheiden haben?
Schmidt: Noch einmal: Ruhe bewahren und sich erinnern, wie es einmal begann. Weil man verhindern wollte, daß weitere Staaten sich nuklear bewaffnen, hätten die Begründer des Nichtverbreitungsvertrags, der im Prinzip gut war, sich selber an ihn halten müssen. Das haben aber weder Amerika noch Rußland getan.
ABENDBLATT: Und heute ist es dafür zu spät?
Schmidt: Sehr wahrscheinlich. Der Geist ist aus der Flasche. Die Großmächte haben hingenommen, daß sich Israel und später Pakistan und Indien nuklear bewaffnet haben. Mit Indien hat Washington sogar neuerdings eine Zusammenarbeit bei der zivilen Nutzung vereinbart und damit praktisch den Atommacht-Status Indiens akzeptiert.
ABENDBLATT: Reicht Diplomatie in dieser Situation im Falle Irans aus?
Schmidt: Ich weiß gar nicht, was man verhindern will. Im übrigen kann sich der Iran auch wehren.
ABENDBLATT: Sie meinen über den Ölpreis?
Schmidt: Ja, zum Beispiel. Der Ölpreis liegt jetzt schon über 70 Dollar pro Barrel. Iran ist eines der größten Lieferländer für Rohöl.
ABENDBLATT: Kann sich nicht auch der Westen wehren, indem er kein Benzin mehr an den Iran liefert, wie manche Experten raten? Dessen Kapazität ist viel zu klein, um die Wirtschaft Irans in Gang zu halten.
Schmidt: Wir haben seit 1973 gelernt, daß die Opec ziemlich unbeschränkt in ihrer Handlungsfreiheit ist. Ein ernster Konflikt mit dem Iran, mit ökonomischen Mitteln ausgefochten, würde auf die Dauer zeigen, daß der Iran einen starken Hebel zur Verfügung hat.
ABENDBLATT: Wir sind also in keiner besonders guten Position?
Schmidt: Wir Deutschen sind gar nicht gefragt, Amerika muß sich fragen.



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