Papst bittet um Verzeihung
Kreuzzüge - In Mexiko wurden im Namen der katholischen Kirche Tausende Indios ermordet. Johannes Paul II. kommt heute zu Besuch.
Mexiko-Stadt. Mit zittriger Hand schrieb Papst Johannes Paul II. im Airbus A320 der Fluglinie Guatemalas während des Sonderflugs von Guatemala City nach Mexiko die letzten Änderungen in seine Predigt für die Heiligsprechung des ersten Ureinwohners des amerikanischen Kontinents. Wenn heute mehr als zwei Millionen Menschen zu der Heiligsprechung des Indios Juan Diego in Mexiko-Stadt strömen, geht es aber noch um mehr: Diesmal ist der Papst gekommen, um Amerika um Vergebung zu bitten. Nur wenige Zimmer liegen zwischen dem Appartement von Johannes Paul II. im apostolischen Palast in Rom und dem Raum, in dem eines der größten Massaker der Geschichte ihren Anfang nahm. In den Räumen Papst Alexanders VI. unterschrieb der wegen seiner erotischen Abenteuer schlecht beleumundete Alexander die "Donatio Alexandrina", die Schenkung Amerikas an Spanien und Portugal. Sein Nachfolger Papst Julius II. verpflichtete im Jahr 1508 mit der Schrift "Universalis Ecclesiae" die Könige Spaniens und Portugals während der Landnahme in Süd- und Mittelamerika den katholischen Glauben unter den Indios zu verbreiten: mit Kreuz und Schwert. Die Päpste wussten damals, dass die spanischen Truppen, die erst wenige Jahre zuvor die Araber von der Iberischen Halbinsel vertrieben hatten, gegen Menschen, die nicht katholischen Glaubens waren, nicht gerade zimperlich vorgehen würden. Das Ausmaß der Tragödie zeichnete sich nach sehr kurzer Zeit ab. Die spanischen Soldaten verlegten sich auf die Strategie des "Requerimiento": Jeder Indio, der sich weigerte den katholischen Glauben anzunehmen, wurde hingerichtet. Erste Zwangstaufen von "3000 Eingeborenen" meldeten zuerst die Franziskaner-Pater, die bereits im Jahr 1500 mit den Konvois, die noch von Christoph Kolumbus organisiert wurden, die Neue Welt erreichten. Dann ging es Schlag auf Schlag. In nur 50 Jahren zerstörten die Eroberer Süd- und Mittelamerikas die Kultur der Ureinwohner. Als Hernan Cortez (1485 bis 1546) das Aztekenreich zerstörte, brach über das heutige Mexiko eine Katastrophe herein. Im Namen Gottes starben Tausende. Diese Schande der Kirche löschte am 9. Dezember des Jahres 1531 die Madonna plötzlich aus. So glaubt zumindest Johannes Paul II. An diesem Tag soll die Madonna dem Indio Juan Diego in Guadalupe bei Mexiko Stadt erscheinen sein. Als Beweis ihrer Existenz schenkte sie ihm ein bis heute von Wissenschaftlern nicht enträtseltes Bild. Die Madonna von Guadalupe begründete den christlichen Volksglauben in Mexiko und die friedliche Christianisierung Amerikas. Mit jährlich 20 Millionen Besuchern ist das Heiligtum der Madonna von Guadalupe heute der am meisten besuchte Wallfahrtsort der Welt. Deshalb setzte sich der Papst schon seit der Seligsprechung Juan Diegos im Mai 1990 für eine rasche Heiligsprechung des Indios ein. Juan Diego sollte das Symbol des friedlichen Christentums in Amerika sein. In seiner Rede in Mexiko Stadt wird der Papst die Indios darum bitten, die Fehler der Kirche zu verzeihen. Von nun an wolle sich die katholische Kirche "für die berechtigten Ansprüche der Ureinwohner Amerikas, den Schutz ihrer Kultur und ihrer Identität einsetzen". Die Heiligsprechung hat allerdings einen entscheidenden Haken: Viele wichtige Kirchenmänner in Mexiko bezweifeln, ob Juan Diego überhaupt gelebt hat. Selbst der ehemalige Vikar des Heiligtums der Madonna von Guadalupe, Guillermo Schulenburg, sagte, dass Juan Diego nur eine fromme Legende sei, die dazu benutzt wurde, um immer mehr Indios davon zu überzeugen, sich taufen zu lassen. Niemand wird je erfahren, wie viele Ureinwohner Mittel- und Südamerikas durch die Krankheiten der Eroberer, durch deren Waffen oder Selbstmord ums Leben kamen. Doch das Massaker vollzog sich unter den Augen zahlreicher Priester, und einige wenige reagierten auch darauf. So warnte der Pater Bartolomeo de las Casa (1474 bis 1566) den Vatikan siebenmal vergeblich davor, dass die Kirche mitschuldig wurde an einem Massensterben ohnegleichen. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts reagierten die ersten Orden zaghaft: Die Jesuiten bauten in weiten Teilen Südamerikas so genannte Reduktionen auf. Die Mönche errichten Dörfer und kleine Städte, in denen die Indios in ständiger Unmündigkeit, ähnlich wie in einem Lager, lebten, gleichzeitig waren sie aber geschützt vor den Nachstellungen von Sklavenhändlern. Wenn der Papst heute in seiner Predigt zur Heiligsprechung unterstreichen wird, dass Gott "keinen Unterschied zwischen Rasse und Herkunft macht", dass er in Mexiko Ureinwohner und die spanischen Eroberer liebte, dann mag diese Erkenntnis für viele reichlich spät kommen. Der Beschluss des Jahres 1555, dass Indios keine Priester werden dürfen, galt bis zum 19. Jahrhundert. Bis vor 40 Jahren wurden sie in katholischen Schulen Südamerikas nicht zugelassen. Doch in Amerika bewahrheitet sich wieder einmal, dass die Botschaft von Jesus Christus einen faszinierenden Kern haben muss, der jede Krise übersteht. Nirgendwo sonst auf der Welt werden so viele Priester geweiht und treten so viele Menschen in Orden ein. Die Länder, in denen einst im Namen Gottes Menschen ermordet wurden, entsenden jetzt Hunderte katholischer Priester nach Europa, wo der Glauben eine immer geringere Rolle spielt.



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