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Ausland

Das katholische Woodstock

Papstmesse: Vor 800 000 Jugendlichen prangerte er Verfehlungen von Priestern an. Zuvor gab es viel Regen - und Lieder von Bob Dylan.

Toronto. Vor mehr als 800 000 Jugendlichen, die im Schlamm des Downsview-Parks in Toronto nach Polizeischätzungen ausharrten, bat Papst Johannes Paul II. (82) um Vergebung für die Verbrechen katholischer Priester an Kindern. "Lasst euch nicht entmutigen von katholischen Priestern, die verletzlichen jungen Menschen Schaden zufügten. Ich fühle große Traurigkeit und Scham für die Vergehen dieser Priester und Ordensleute", sagte der Papst und ging damit zum ersten Mal seit der Aufdeckung der Sexualverbrechen von Priestern und Ordensleuten öffentlich auf das Problem ein. Die Jugendlichen applaudierten lange, als der Papst das Tabu-Thema offen ansprach und sich entschuldigte. Kurz vor der Abschlussmesse in Toronto war bekannt geworden, dass zwei weitere Priester aus New Jersey verhaftet worden sind, die Kindern missbraucht haben sollen. Unter den Jugendlichen in Toronto gab es aber nicht den geringsten Zweifel, dass es sich um wenige Ausnahmen handelt. Hunderte von Priestern, die die ganze Nacht auf dem Erdboden mit den Jugendlichen ausharrten, gaben anschaulich ein Beispiel, wie das Engagement katholischer Priester aussehen kann. Sie improvisierten im Regen unter Plastikplanen Beichtstühle für Jugendliche, die vor der Messe um die Absolution baten. Viele Pfarrer holten ihre Gitarren hervor, um mit Liedern von Bob Dylan die Stimmung zu verbessern. Nicht die Diskussion um Kinderschänder innerhalb der katholischen Priesterschaft, sondern der starke Regen und der kalte Wind beeinträchtigten zunächst die Stimmung beim Abschlussgottesdienst des 17. Weltjugendtages. Das riesige Feld vor dem Altar, das der Größe von 180 Fußballfeldern entspricht, verwandelte sich in eine Schlammwüste. "Das ist das katholische Woodstock", sangen die Jugendlichen in Erinnerung an das legendäre Konzert, das ebenfalls von kräftigen Regenschauern unterbrochen worden war. Die kanadischen Behörden erwogen in den frühen Morgenstunden, das große Feld vor dem päpstlichen Altar, auf dem gewöhnlich der Flugzeughersteller Bombardier seine Maschinen testet, zu evakuieren. Die Blitze hätten einen der Übertragungstürme treffen können, das Gewitter zog aber noch rechtzeitig ab. Während der Messfeier tauchte schließlich sogar die Sonne auf. Nach der langen Nacht in den Pappkarton-Unterständen erinnerte die Atmosphäre auf dem größten Campingplatz für ein religiöses Ereignis in der Geschichte Nordamerikas an eine ins Wasser gefallene Party. Vor den 7500 tragbaren Toiletten mit 750 000 gespendeten Toilettenpapier- Rollen und 4000 Waschgelegenheiten bildeten sich nach der Messe kilometerlange Schlangen. Die müden Pilger waren aufgefordert worden, sich nach der Schlammschlacht in einen ansehnlichen Zustand zu versetzen, bevor sie die Rückreise antraten. Obwohl es sich um ein religiöses Großereignis handelte, war die Stimmung nicht bierernst. Viele Jugendliche trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Küss mich, ich bin katholisch" oder "Gott ist das Größte, aber das Zweitgrößte ist Fußball." Martin Hackober (18) aus Berlin fand es toll. "Die Atmosphäre ist super, alles in allem waren wir in Toronto super untergebracht, der Papst ist auch da, das ist natürlich besonders toll, zumal man befürchten musste, er käme gar nicht." Mit einer Gruppe der Diözese Berlin war er nach Toronto gereist. Heute fliegt der Papst weiter nach Guatemala und Mexiko, wo er zwei Heiligsprechungen vornehmen wird. Die 97. Auslandsreise scheint ihm wie alle großen Reisen neue Kraft zu geben. Seit langen schien seine Stimme nicht mehr so sicher und stark.

 

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