Australien: Weiße schlagen Araber - diese rächen sich brutal. Entsetzen auf dem Fünften Kontinent: Am Badestrand von Sydney zerplatzt der Traum von immerwährender Toleranz.
Sydney. Erst geht eine angetrunkene Meute auf Menschen wegen ihres fremdartigen Aussehens los, dann liefert sie sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. Wenig später holen die Gejagten zum Gegenschlag aus: Gestern hatten die Behörden in Sydney die zweite Krawallnacht in Folge mit verwüsteten Läden und zerstörten Autos hinter sich, diesmal ausgelöst von Jugendlichen mit arabischen Wurzeln.
Australien, sonst stolzes Einwandererland, zeigt sich entsetzt und ratlos. "Australien hat sich plötzlich und unerklärlich in einen häßlicheren und dunkleren Ort verwandelt", beklagt die Zeitung "Sydney Morning Herald".
Begonnen hatten die Ausschreitungen an einem der schönsten Strände Sydneys. 5000 Australier versammelten sich an der Cronulla Beach, um gegen einen angeblichen Angriff von Libanesen gegen zwei Rettungsschwimmer zu protestieren. Dabei attackierten sie wahllos Libanesen und skandierten rassistische Parolen - nichts hätte die Welt weniger vom Fünften Kontinent erwartet als diese Szenen. Als tolerant gilt der Inselkontinent und seine Bewohner doch sonst, als entspannt und weltoffen. Der Wirtschaft geht es blendend, die Arbeitslosigkeit ist dauerhaft niedrig, Unternehmen suchen händeringend weltweit Fachkräfte - auf den ersten Blick nicht eben der Boden, auf dem Fremdenhaß und Hetze gegen Minderheiten gedeihen.
Das um so mehr, als ein Viertel der 20 Millionen Einwohner außerhalb des Landes geboren wurde. Australiens multikulturelles Konzept gilt als unumstritten: Jeder darf seine Sprache, Religion und Bräuche beibehalten, solange er das Gesetz achtet und sich als Australier fühlt. Für viele steht nach den Krawallen nun nicht das Konzept als solches in Frage, sondern, ob es richtig angewandt wird. "Die Gewalt vom vergangenen Wochenende ist kein Beweis für den Zusammenbruch des multikulturellen Konzepts, sondern eher ein Beweis für sein Nichtvorhandensein", urteilt Gerard Henderson, Leiter der unabhängigen "Denkfabrik" Sydney Institute. "Es müssen einige Lektionen gelernt werden", mahnt der "Daily Telegraph" - nämlich, daß die Australier den multikulturellen Charakter ihres Landes endlich anerkennen müssen. "Wie bei einem seit langem schlummernden Vulkan ist die Gewalt mit unerwarteter Wucht ausgebrochen, als ob es irgendein unterirdisches Reservoir von Haß gibt, das sich nicht mehr bändigen läßt." Der Leiter des "Forums für die Beziehungen Australiens zum Islam", Kuranda Seyit, sah gar in den Krawallen einen Beleg für einen "unterschwelligen Rassismus, der tief in der australischen Psyche sitzt".
Doch glauben nur wenige Australier, daß die Ereignisse in Verhältnisse wie die Einwandererunruhen in Frankreichs Vorstädten münden könnten. Viele hoffen, daß es bei kleineren, begrenzten Krawallen bleiben wird. Wunsch oder Wirklichkeit?
Daß die Jugendlichen arabischer Herkunft an der Lage nicht ganz unschuldig sein könnten, wird auch aus eigenen Reihen gemutmaßt. Die libanesischstämmige Buchautorin Nadia Jamal fragt, "weshalb einige Männer mit australisch-muslimischem Hintergrund so aggressiv und gewaltbereit scheinen" und warum sie oft nur in schlechtbezahlten Jobs unterkämen. Fraglich sei, "warum so viele junge muslimische Männer - nicht aber muslimische Frauen - Probleme haben . . ."











