Ein Deutscher in Kabuls Foltergefängnis
CIA-Affäre: Die USA hielten den Libanon-stämmigen Khaled Al-Masri für einen Terroristen. Der US-Geheimdienst glaubte, al-Masri aus Neu-Ulm sei ein Drahtzieher des Anschlags vom 11. September 2001. Eine Verwechslung . . .
Hamburg. Angela Merkel hatte sich den Neustart der noch immer lädierten deutsch-amerikanischen Beziehungen sicher leichter vorgestellt. Nun hat der Fall Khaled al-Masri ihre erste Begegnung mit der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice überschattet. Die Bush-Vertraute räumte allgemein "Fehler" ein. Nur einen konkreten Fall wie den al-Masris wollte sie damit nicht gemeint haben. Die Stimmung bleibt gespannt.
Die filmreife Geschichte des Khaled al-Masri, eines Deutschen libanesischer Abstammung, wohnhaft in Neu-Ulm, hatte am Silvesterabend des Jahres 2003 begonnen. Auf dem Weg zu einem Kurzurlaub in Mazedonien wird der arbeitslose Vater von sechs Kindern am Grenzübergang Tbanovce aus dem Reisebus geholt. Sein deutscher Paß wird konfisziert. "Drei Männer in Zivil kamen mit Pistolen. Sie führten mich in einen kleinen Raum an der Grenze, durchsuchten mich und meine Kleider. Und dann begannen sie mich zu fragen, ob ich Beziehungen zu al-Qaida habe."
Zwar verkehrt der gebürtige Libanese in einer Neu-Ulmer Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, doch kann er sich die Verdächtigungen nicht erklären. Wie der "Spiegel" berichtet, soll der in den USA einsitzende Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, Ramsi Binalshibh - Mitglied der "Hamburger Terrorzelle" -, den US-Ermittlern empfohlen haben, sich einen gewissen Khaled al-Masri mal näher anzusehen. Der soll die späteren Todespiloten dazu animiert haben, sich in Osama bin Ladens afghanischen Trainingscamps ausbilden zu lassen.
Jeder Kontakt mit einem Anwalt oder seiner Familie wird al-Masri verwehrt, man bringt ihn in die Hauptstadt Skopje.
Nach drei Wochen wird er der CIA überstellt, wie sein Anwalt Manfred Gnjidic berichtet. Schwarz vermummte Männer verbinden ihm die Augen und bringen ihn zum Flughafen. Er wird dort mit Fäusten und Füßen zusammengeschlagen, die Kleider werden ihm vom Leib geschnitten, Ohren und Nase werden verstopft. Eine Kapuze wird über seinen Kopf gezogen. Nachdem er eine Injektion erhalten hat, trübt sich sein Bewußtsein.
Er erwacht in einer Zelle in der "Salzhöhle", einem berüchtigten Foltergefängnis der afghanischen Hauptstadt Kabul. Sie starrt vor Dreck. "Alles war dort schmutzig, auf dem Boden lag eine Decke zum Schlafen, auch sie war schmutzig", erzählt al-Masri später. Das Trinkwasser stinkt nach faulem Fisch.
Am nächsten Tag sei ein Amerikaner gekommen und habe ihm Blut abgenommen. Später sei ein maskierter Libanese erschienen und habe ihm gesagt: "Weißt du, wo du hier bist? Du bist an einem Ort, wo es keine Gesetze gibt. Niemand weiß, daß du hier bist. Weißt du, was das bedeutet?" Er wird täglich verhört, auch von Amerikanern. Mitgefangene flüstern ihm zu, daß gerade einer von ihnen unter der Folter gestorben sei.
Aus Verzweiflung beginnt al-Masri einen Hungerstreik, bis er am 37. Tag zwangsernährt wird.
Nach vier Monaten Haft hat sich endlich seine Unschuld erwiesen. Im Mai 2004 informiert der damalige US-Botschafter Daniel Coats laut "Washington Post" Bundesinnenminister Otto Schily über die Verwechslung.
In der "Salzhöhle" erscheint, wie al-Masri behauptet, ein deutscher Agent und verspricht ihm die baldige Freilassung. Schließlich wird der Deutsche nach Albanien geflogen und nahe der mazedonischen Grenze freigelassen. Er kehrt nach Neu-Ulm zurück. Um festzustellen, daß sich seine Frau und die Kinder in den Libanon abgesetzt haben. Er holt sie zurück und nimmt sich einen Anwalt.
Seinen Fall persönlich in den Vereinigten Staaten zu Gehör zu bringen, ist al-Masri verwehrt: Am Sonnabend wurde ihm die Einreise auf dem Flughafen Atlanta einfach verweigert.




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