Die "Prinzessin" greift nach der Macht
Ukraine: Wahlsieger Juschtschenko hat ein Problem - seine Verbündete.
Kiew. Elegant gekleidet und mit orangefarbenem Band im Haar steckte Julia Timoschenko Nelken an die Schutzschilde der Spezialkräfte der ukrainischen Polizei. Das war vor rund einem Monat. Die zierliche Frau mit der traditionellen Flechtfrisur wurde so zur Symbolfigur der Massenproteste gegen die Präsidentenstichwahl in der Ukraine.
Jetzt will Wahlsieger Viktor Juschtschenko, der künftige Präsident, seine Verbündete belohnen und zur Ministerpräsidentin machen - und verblüffte damit sogar seinen eigenen Wahlkampfstab. Denn die 44jährige ist nicht nur die charismatischste, sondern auch die umstrittenste Politikerin des Landes, mit glühenden Anhängern und noch mehr erbitterten Gegnern.
Gespannt verfolgt die Ukraine nun die Polit-Romanze "Viktor & Julia", ein Schauspiel mit ungewissem Ausgang. In den Revolutionstagen erweckte das ungleiche Paar den Eindruck, als hätte die zarte Julia ihren mitunter zögerlichen Viktor zum Jagen tragen müssen. Und selbst Gegner gestehen ein, daß die forsche, intelligente und nachweislich unerbittliche "Prinzessin" - so ihr Spitzname - allemal das Zeug zur Regierungschefin hat.
In den wirren Jahren des Neubeginns nach dem Zusammenbruch der UdSSR machte die gelernte Wirtschaftswissenschaftlerin aus der Industriestadt Djnepropetrowsk eine atemberaubende Karriere: Diese führte sie an die Spitze eines Gaskonzerns und in die Regierung - und von dort ins Gefängnis und in die Opposition. Von 1995 bis 1997 leitete Timoschenko die "Vereinten Energiesysteme der Ukraine", bei denen auch ihr Mann und ihr Schwiegervater beschäftigt waren. 1998 wurde sie ins Parlament gewählt, und von Dezember 1999 bis Januar 2001 war Timoschenko Vize-Premier in der zunächst reformorientierten Regierung von Viktor Janukowitsch. Ihre Aufgabe sollte es sein, den korrupten Energiesektor zu reformieren. Darüber fiel sie bei Staatschef Leonid Kutschma in Ungnade - und wurde entlassen.
Timoschenko war seitdem von einem glühenden Haß auf die Führung in Kiew getrieben. Als sie ihre eigene Partei gründete, begann die Verfolgung durch die Justiz. Wegen angeblichen "Schleichhandels mit russischem Gas" wurde sie 2001 kurzzeitig inhaftiert. Auch ihr Mann und ihr Schwiegervater wurden ins Gefängnis gesteckt; ihr Mann ist inzwischen untergetaucht und wird polizeilich gesucht.
Aber mit ihren Repressalien verfehlte die Führung in Kiew den gewünschten Effekt: Die Bilder von der attraktiven Frau hinter Gittern brachten Timoschenko noch mehr Sympathien ein, vor allem im europäisch orientierten Westen des Landes. Doch im russisch geprägten Osten ist sie für viele ein rotes Tuch.
Wahlsieger Juschtschenko hat sich deshalb eine Hintertür offengehalten. Er habe ihr das Amt des Regierungschefs versprochen, und er pflege seine Zusagen einzuhalten, sagte er. Aber Timoschenko müsse natürlich eine Mehrheit im Parlament erhalten - und die ist derzeit mehr als fraglich. Für diesen Fall verfügt Juschtschenko über genügend alternative Kandidaten.
Eine andere Sorge ist er seit Donnerstag abend los: Die Wahlkommission wies den Einspruch seines Gegenkandidaten Viktor Janukowitsch gegen die verlorene Wahl als unbegründet zurück.



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