Türkei öffnet USA die Nordflanke zum Irak
Nach dem Handel zwischen Türken und Amerikanern über eine Truppenstationierung fürchten die Kurden jetzt militärische Übergriffe von Seiten Ankaras.
Sulaimanya. Auf Bitten der USA will die türkische Regierung dem Parlament in Ankara die Zustimmung zur Stationierung von 62 000 US-Soldaten empfehlen. Ein entsprechender Antrag sollte nach Worten von Vize-Regierungschef Mehmet Ali Sahin noch gestern an die Nationalversammlung weitergeleitet werden, der die letzte Entscheidung über die Stationierung obliegt. Der Entwurf sehe außerdem die Verlegung türkischer Truppen in den Norden des Irak vor, sagte Sahin. Die Abgeordneten könnten heute über den Antrag abstimmen, hieß es in Parlamentskreisen. Sollten sie zustimmen, könnten die USA im Kriegsfall den Irak vom nördlichen Nachbarn Türkei aus angreifen. Rund 3500 US-Pioniersoldaten sind schon in der Türkei eingetroffen, um Häfen und Flughäfen für einen Krieg auszustatten. Im östlichen Mittelmeer warten 25 bis 30 mit Kriegsmaterial beladene US-Frachter und vor der Levante-Küste vier Passagierdampfer mit 15 000 Soldaten an Bord auf grünes Licht aus Ankara. Die USA lassen sich den Handel mit Ankara etwa 15 Milliarden US-Dollar kosten. Ankara hat damit eine gute strategische Ausgangsposition in der Region. Dabei geht es den Türken nicht nur um die Eindämmung der Kurden. Im Zentrum türkischer Bedingungen stehen alte Gelüste auf die Schätze Mesopotamiens. Die Chance, einen Fuß weit in dieses Gebiet zu setzen, dessen Verlust vor fast acht Jahrzehnten die Türken nicht verschmerzt haben, wollen sie sich nicht entgehen lassen. Türkische Medien und Politiker debattieren leidenschaftlich vermeintliche historische Anrechte auf die Ölfelder von Mosul und Kirkuk. "Wir haben einen Anspruch auf das Öl", zitierte das Massenblatt "Hürriyet" jüngst ehemalige türkische Diplomaten. Hintergrund dieser Betrachtung ist die so genannte Mosul-Frage, die 1926 auf Druck der Briten so gelöst wurde, dass die damals junge türkische Republik auf die osmanische Provinz Mosul verzichtete und dafür 25 Jahre lang mit einem Anteil von 10 Prozent am irakischen Öl entschädigt werden sollte. Bagdad zahlte aber nur 13 Jahre lang. Unter allen Umständen wollen die Türken verhindern, dass die irakischen Kurden, zu deren Gebiet Mosul und das Ölzentrum Kirkuk historisch zählt, in den Besitz dieses Reichtums gelangen und sich damit die Basis für spätere Unabhängigkeit schaffen. Deshalb beharren die Türken de facto darauf, das zwölfjährige Selbstverwaltungs-Experiment der Kurden im Nord-Irak zu zerstören. Die Kurdenführung, türkischer Ängste wohl bewusst, bekräftigt energisch, dass sie keinerlei solche Absichten hege und auch keinen unabhängigen Kurdenstaat erreichen wolle. Doch die Türken bleiben misstrauisch. Der kleinste Anlass könnte ihnen den Vorwand liefern, um militärisch gegen die Kurden vorzugehen. Wie wird sich eine türkische Armee verhalten, wenn etwa aus Bagdad, aus Kirkuk und Mosul vertriebene Kurden heimkehren wollen oder wenn die Kurden sich im Schatten des Krieges gegen Saddam erheben? Es gelte auch, betont Ankara, die turkmenische Minderheit zu schützen. Diese maximal 500 000 Menschen zählende Gruppierung will von solchem Schutz aber nichts wissen. Sie appelliert an Ankara, nicht im Nord-Irak zu intervenieren. Die Situation ist hoch explosiv. Die irakische Kurdenführung warnt voll Nachdruck, dass sie keinen türkischen Einmarsch - und schon gar nicht eine von Ankara geplante Entwaffnung der Kurden - dulden werde. "Wir befürchten, die Türken wollen uns massiv unter Druck setzen und den Fortschritt, den wir erzielt haben, zunichte machen", meint Hoschyar Zebari, "Außenminister" der über einen großen Teil Kurdistans herrschenden "Kurdischen Demokratischen Partei". Diese Gruppierung unter dem unter Kurden schon legendären "Peschmerga"-Führer Massud Barsani warnte unverhohlen vor "Zusammenstößen", falls türkische Soldaten in den Norden des Irak einmarschieren sollten. "Das Regime in Bagdad sehen wir als weniger bedrohlich an als eine türkische Besatzung", zitierten türkische Blätter den Stellvertreter von Barsani, Sami Abdulrahman.



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