Interview: Hans-Ulrich Klose über den Afghanistan-Einsatz
"Wir müssen klar sagen: Unsere Soldaten sind im Kampfeinsatz"
Abendblatt:
In Deutschland wird darüber gestritten, ob wir uns in Afghanistan in einem Krieg befinden. Tun wir das?
Hans-Ulrich Klose:
Ich würde das Wort "Krieg", anders als die Amerikaner, die sehr schnell von "war on terror" oder "war against drugs" sprechen, nicht benutzen. Wir sollten aber genau sagen, was wir in Afghanistan machen.
Abendblatt:
Und was ist das anderes als Krieg?
Klose:
Wir sind über das Mandat "Enduring Freedom" mit einem Kampfmandat in Afghanistan. Das erste Engagement war Kämpfen. Dieser Punkt wird in der Debatte häufig übergangen. Isaf war, wie der Name sagt, eine Unterstützungstruppe für die Regierung Karzai und für zivile Helfer beim Wiederaufbau und bei der Stabilisierung des Landes. Dass das nicht immer klar definiert wurde, war ein Fehler und hat zu Missverständnissen geführt.
Abendblatt:
Verteidigungsminister Jung hat gerade in Afghanistan davon gesprochen, dass er ganz andere Vorstellungen mit dem Begriff Krieg verbindet, und dabei an die Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs erinnert. Ist das gerechtfertigt? Oder sollten wir nicht klipp und klar sagen, in Afghanistan kommen Soldaten nicht ums Leben, sondern sie fallen im Krieg?
Klose:
Das letzte kann ich akzeptieren und auch emotional verstehen, teile aber auch die Bedenken von Minister Jung. Ich bin älter als der Minister und habe kindgemäße Erinnerungen an den Krieg. Die Politikwissenschaftler sprechen von einem asymmetrischen Krieg, also einer Auseinandersetzung mit Kämpfern und Aufständischen, die nicht Staat sind.
Abendblatt:
Verteidigen wir am Hindukusch, wie Peter Struck sagte, immer noch unsere Freiheit?
Klose:
Wir verteidigen vor allem unsere Sicherheit.
Abendblatt:
Ist es nicht eher die Sicherheit Russlands, die wir dort verteidigen? Moskau gewährt uns Überflugrechte, weil unser Einsatz gegen die Taliban die Nato schwächt und eine weitere Islamisierung der russischen Randstaaten eindämmt?
Klose:
Das letzte ist vielleicht ein Gesichtspunkt. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir in Afghanistan sind, weil einer unserer Verbündeten, Amerika, von dort angegriffen wurde. Und wir alle wissen, würde die internationale Gemeinschaft aus Afghanistan abziehen, dauerte es sechs Wochen und die Taliban würden mit Unterstützung ihrer pakistanischen Gesinnungsgenossen dort wieder die Macht übernehmen. Und dann wäre Afghanistan wieder ein Stützpunkt für internationalen Terrorismus, der den gesamten Westen bedroht. Insofern hat Peter Struck recht. Am Hindukusch wird auch unsere Sicherheit und Freiheit verteidigt.
Abendblatt:
Nun verschärft sich die Bedrohungslage. Schießen sich die Taliban derzeit gezielt auf uns ein, weil im Oktober das Afghanistan-Mandat im Bundestag verlängert werden muss?
Klose:
Es gibt zwei Gründe: Zum einen war und ist die Arbeit der Deutschen im Norden erfolgreich, was die dortige Bevölkerung auch anerkennt. Terroristen müssen aber Erfolg verhindern. Zweitens sind die Taliban inzwischen international gut vernetzt und wissen, wie die Debatten im Ausland laufen. Das wollen sie sich zunutze machen. Die Logik ist also klar.
Abendblatt:
Was halten Sie denn von der Idee, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen?
Klose:
Es kommt drauf an, mit wem man redet. Es gibt Stammesfürsten, und es gibt die Mullahs. Mit Stammesfürsten, die etwas zu sagen haben, sollte man sprechen. Mit einem Taliban wie Scheich Omar zu verhandeln, davon halte ich gar nichts.
Abendblatt:
Können wir es uns leisten, jetzt laut über Ausstiegsszenarien zu diskutieren?
Klose:
Nein, das würde die Sicherheitslage jedenfalls kurzfristig verschärfen. Aber man muss intern den Einsatz immer wieder kritisch überprüfen. Und den Bürgern die Frage beantworten, warum wir dort sind. Was tun wir so weit weg von Deutschland?
Abendblatt:
Ihre Antwort?
Klose:
Sicherheit zuerst; und weil Kanzler Schröder nach den Anschlägen von New York den Amerikanern "uneingeschränkte Solidarität" zugesagt hat; und weil wir auf der sogenannten Petersberg-Konferenz dem afghanischen Volk Hilfe versprochen haben. Solche Versprechen muss man halten.
Abendblatt:
In Afghanistan haben sich schon die Briten und die Russen eine blutige Nase geholt. Können wir dieses große Spiel, wie Lord Curzon einmal den Kampf um diese Weltgegend genannt hat, überhaupt gewinnen?
Klose:
Militärisch kann man nicht gewinnen. Eine dauerhafte Stabilisierung ist nur politisch, vor allem mit Pakistan und Iran zu erreichen.
Abendblatt:
Und wie steht es mit der Umformung dieser archaischen Gesellschaft?
Klose:
Das sollte nicht das Ziel der westlichen Staatengemeinschaft sein. Auch wenn uns diese jahrhundertealten Traditionen nicht gefallen, verändern können wir sie nicht. Das müssten Afghanen selber tun.
Abendblatt:
Die Zahlung eines Blutgeldes für getötete Afghanen geht also in Ordnung?
Klose:
Ich denke ja. Wir können Traditionen nicht durch gute Worte abschaffen.
Abendblatt:
Deutschland hat inzwischen 28 tote Soldaten am Hindukusch zu beklagen. Müssen wir uns an Trauerfeiern für gefallene Soldaten gewöhnen?
Klose:
Ich hoffe nicht, dass es zu einer Eskalation wie im Süden des Landes kommt. Aber noch einmal: Wir befinden uns in Afghanistan in einem Kampfeinsatz.












