Atom-Konflikt: Israel lässt offenbar Kampfjets einen Angriff auf iranische Nuklear-Anlagen trainieren
Der Auftrag: Verhindert die "dritte Zerstörung des Tempels"
Die Regierung Olmert will nicht warten, bis Teheran Kernwaffen besitzt - und sendet eine Warnung ans Mullah-Regime. Das hat auch mit den bitteren Lehren aus der Geschichte zu tun.
Hamburg. Am 6. Oktober 1973 begannen die ägyptischen Streitkräfte mit einem Feuerschlag aus 1650 Artilleriegeschützen ihren Angriff auf Israel, zugleich drangen im Norden 1400 syrische Kampfpanzer vor. Der am hohen Feiertag Yom Kippur überrumpelte jüdische Staat stand am Rande des Abgrundes. Da gab Premierministerin Golda Meir den Befehl, israelische Kampfjets mit 13 Atombomben zu bestücken.
Die "dritte Zerstörung des Tempels" sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Doch die Zahal, die israelische Armee, wendete das Blatt, und ein atomares Inferno blieb dem Nahen Osten und der Welt erspart.
Dreieinhalb Jahrzehnte später wirft der fünfte Reiter der Apokalypse, der Nuklearkrieg, wieder seinen fahlen Schatten über die Region. Irans stures Festhalten am Atomprogramm in Verbindung mit den wüsten Vernichtungsdrohungen seines radikalislamischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gegen den jüdischen Staat haben für Israel die potenziell tödlichste Bedrohungslage seit der Gründung vor 60 Jahren geschaffen.
Seine geringe räumliche Ausdehnung - ohne die besetzten Gebiete ist Israel mit wenig mehr als 20 000 Quadratkilometern kleiner als Mecklenburg-Vorpommern - erlaubt es der Zahal schon nicht, einen Gegner weit ins eigene Land vorstoßen zu lassen. Eine "Tiefe des Raumes" gibt es nicht - an seiner schmalsten Stelle ist Israel 15 Kilometer breit. Und anders als große Atommächte wie die USA, China oder Indien wäre Israel bereits nach dem Einsatz weniger feindlicher Atomwaffen in einem atomaren Holocaust vollkommen vernichtet. Israel ist daher gezwungen, den Krieg auf das Territorium des Gegners zu tragen - wenn nötig, auch atomar.
Die "dritte Zerstörung des Tempels" mit allen Mitteln zu verhindern - das ist auch Ziel der jetzigen Regierung von Ehud Olmert. Den ersten salomonischen Tempel machten die Truppen des Babylonierkönigs Nebukadnezar II. 586 vor Christus dem Erdboden gleich; sie führten die Juden auch in die babylonische Gefangenschaft. Den zweiten herodianischen Tempel zerstörten römische Legionen im Jahre 70. Es begann das fast 2000 Jahre währende Exil des jüdischen Volkes in der Diaspora.
Die Juden in Israel leben mit ihrer langen Leidensgeschichte, wozu vor allem die tiefste Wunde zählt, die Schoah.
Bis 1991 wurden israelische Rekruten auf der Felsenfestung Massada hoch über dem Toten Meer vereidigt. Dort hatten sich nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer 960 jüdische Widerstandskämpfer eingeigelt. Im Jahre 73 eroberte der römische Statthalter Flavius Silva mit der Zehnten Legion nach langer Belagerung die Festung. Es war ein leerer Sieg: Die Juden hatten sich zuvor selber getötet. "Nie wieder darf Massada fallen", schworen die israelischen Rekruten. Gefühlt, aber unausgesprochen blieb der Satz: "...und nie wieder darf es einen Holocaust geben."
Diese Identifikationskraft mit dem Schicksal der 960 Zeloten und der sechs Millionen vom NS-Terror ermordeten Juden ist in Israel ungebrochen. Eine Vernichtungsdrohung gegen den jüdischen Staat muss daher die Ultima Ratio provozieren.
Der rechte Oppositionspolitiker Benjamin Netanjahu, der Chancen hat, Olmert im Amt zu folgen, erklärte jedenfalls: "Es ist 1938 und Iran ist Deutschland."
Mit den jüngsten Manövern, bei denen F-15- und F-16-Kampfflugzeuge die Bombardierung iranischer Atomanlagen - unter anderem die südlich von Teheran gelegene Aufbereitungsanlage von Natans - simulierten, hat Jerusalem ein unmissverständliches Signal nach Teheran geschickt. Offenbar will die Regierung Olmert noch die Amtszeit von George W. Bush ausnutzen, der einen Militärschlag gegen den Iran nie ausgeschlossen hat. Denn ohne Zweifel kann auch ein israelischer Luftangriff nur mit dem Plazet und der tätigen Hilfe der USA unternommen werden. Die Europäer versuchen derweil noch, die Krise politisch zu lösen. Doch auch das jüngste Kompromissgebot mit wirtschaftlichen Kompensationen, dass EU-Chefdiplomat Javier Solana in Teheran unterbreitete, wurde kühl zurückgewiesen - ein Anreicherungsstopp komme überhaupt nicht infrage.
Die Iraner haben stattdessen ihre Luftabwehr erheblich verstärkt - vor allem mit modernsten russischen Systemen des Typs Tor-M1, das Kampfflugzeuge, Marschflugkörper und Präzisionsbomben bis zu einer Höhe von sechs Kilometern bekämpfen kann. Der Iran soll auch über eine Anzahl russischer S-300-Raketensysteme verfügen, die eine Reichweite von bis zu 150 Kilometern haben.
In Teheran hat man aufmerksam die Zerstörung des irakischen Atomreaktors Osirak durch israelische Jets im Jahre 1981 verfolgt ("Operation Oper"). Auch Iraks Despot Saddam Hussein, der sich als Reinkarnation Nebukadnezars feiern ließ, hatte Israel mit Vernichtung gedroht. Und im September 2007 zerstörten israelische F-15 und F-16 eine im Bau befindliche mutmaßliche Atomanlage im syrischen Al-Kibar am Euphrat ("Operation Obstgarten").
Die Iraner haben ihre Anlagen zur Urananreicherung über das ganze Land verstreut und zum Teil tief verbunkert. Ein israelischer Angriff über 1600 Kilometer hinweg müsste zunächst Irans Luftabwehr ausschalten und dann die bis zu 20 Meter dicke Beton- und Felsdecke über den Atomanlagen aufbrechen. Israel verfügt über lasergelenkte amerikanische "bunker buster" der BLU-Serie. Ihre modernsten Versionen wie die BLU-113 durchschlagen bis zu zehn Meter Beton. In diese Löcher sollen dann kleine atomare Sprengsätze geschossen werden. Möglicherweise verfügen die Israelis auch über eine eigene Version der US-Atombombe B61 Mod.11. Diese bunkerbrechende Waffe mit einer Sprengkraft von 10 Kilotonnen vermag mit ihrer Schockwelle noch einen Bunker in bis zu 100 Meter Tiefe zu pulverisieren.
Doch selbst mit einem Simultanangriff von Dutzenden Kampfjets könnte Israel nur einen Teil des Atomprogramms zerstören und Teheran nur um einige Jahre zurückwerfen. Der Preis wäre hoch: eine dramatische Destabilisierung der Nahost-Region bis hin zum umfassenden Krieg. Als erste Antwort würde das Mullah-Regime wohl die ihm ergebene Hisbollah-Miliz im Libanon sowie die radikalislamische Hamas im palästinensischen Autonomiegebiet von der Kette lassen und weltweit westliche Ziele mit Terrorkommandos angreifen.



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