USA: Barack Obama, der Überraschungssieger von Iowa, könnte der erste schwarze Präsident Amerikas werden
Der Tag, von dem Martin Luther King einst träumte?
Der 46-jährige Kandidat der Demokraten weckt bei vielen US-Bürgern Erinnerungen an John F. Kennedy - und die Hoffnung auf die Wiederbelebung des "American Dream".
Washington. Als Barack Obama gemeinsam mit Frau Michelle und den beiden Töchtern Malia und Sasha das Podium im Residence Inn in Des Moines besteigt, schlägt ihm eine Woge der Begeisterung entgegen. "Obama, Obama" und "Change, Change" (Wechsel, Wechsel) tönt es im lauten Stakkato aus rund 1000 Kehlen im bis zum letzten Platz gefüllten Saal. Der schwarze, groß gewachsene Politiker, wie immer im perfekt sitzenden Maßanzug, nimmt die Huldigung fast ein wenig scheu entgegen. Da er die Menge nicht beruhigen kann, umarmt er innig seine Frau und Kinder. Dann tritt der 46-Jährige ans Mikrofon, atmet mehrere Male tief durch und ruft in den Saal: "Sie sagten, dieser Tag würde nie kommen." Tosender Beifall. "Dieser Tag" - das ist der überraschende Sieg Obamas beim Iowa Caucus, der ersten offiziellen Vorwahl, über die haushohe Favoritin Hillary Clinton, die noch bis vor drei Monaten mit zehn bis zwanzig Prozentpunkten führte. Ein Erfolg, den viele nicht zu Unrecht "historisch" nennen.
Gerne würde man an diesem Abend die Gedanken von Barack Obama lesen können. Denkt er an seine Kindheit mit einem afrikanischen Vater (Obama: "pechschwarz"), der bald verschwand, und mit einer Mutter aus Kansas (Obama: "weiß wie Schnee"), die seine Erziehung der Großmutter übergab? Glaubt er, dass dieser 3. Januar 2008 jener Tag ist, den der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King in seiner legendären "I have a Dream"-Rede in Washington am 28. August 1963 meinte? Ist hier Kings Traum, dass "eines Tages die Kinder nicht mehr nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden", Realität geworden?
Auch wenn Obama das alles offenlässt, wird deutlich, dass hier etwas Ungewöhnliches geschehen ist. Menschen eines US-Bundesstaates, in dem mehr als 97 Prozent der Bevölkerung Weiße sind und in dem es bisher noch nie einen Lokalpolitiker mit schwarzer Hautfarbe gegeben hat, wählen einen Afro-Amerikaner mit großer Mehrheit zu ihrem Kandidaten für die US-Präsidentschaft.
" Sie sagten, unsere Ziele wären zu hoch gesteckt", fährt Obama fort, "sie sagten, dieses Land sei zu gespalten, zu desillusioniert, um zusammenzukommen." Ohrenbetäubender Beifall. "Obama, Obama". Hier jubeln alle gemeinsam - Junge und Alte, Frauen und Männer, Bauern und Anwälte, Weiße und Schwarze. "Obama, du bist unser Mann", ruft ein bärtiger Mann im Holzfällerhemd dem Kandidaten zu. Der antwortet spontan: "Und du bist mein Mann."
Kein Wort wurde während der letzten Monate in Iowa wohl so viel gebraucht wie das Wörtchen "change". Die Kandidaten aller Couleur, rund 20 an der Zahl, versprachen den Wechsel. Auch Barack Obama macht da keine Ausnahme. Auf einem Schild vor seinem Rednerpult heißt es: "Change we can believe in" - ein Wechsel, an den wir glauben können. Doch was bei den meisten anderen Möchtegern-Präsidenten wie eine Phrase klingt, scheint bei Obama Substanz und Glaubwürdigkeit zu haben. Der junge Senator aus Illinois verspricht Wechsel und verbindet das Substantiv immer wieder mit dem Wort Hoffnung.
Das ist es. Fast überall in den USA sehnen sich Millionen von Menschen verzweifelt nach Wechsel hin zum "Wir", zu Werten, die die USA einst starkgemacht haben. Obama verspricht gewissermaßen eine Wiederbelebung des "American Dream" - jedoch mit neuen Inhalten, nicht nur in neuer Verpackung. "Wir sind eine Nation. Wir sind ein Volk. Und unsere Zeit für den Wechsel ist jetzt da", ruft er seinem Publikum zu. Und dieses zweifelt nicht daran, dass Obama Taten folgen lassen wird.
Innerhalb weniger Jahre ist aus dem politischen Nobody ein Politstar geworden. Eigentlich hatte Obama sich gar nicht um die Präsidentschaft bewerben wollen. Er wollte erst Erfahrung als Senator in Washington sammeln. Aber nach seiner Rede beim Wahlparteitag der Demokraten 2004 nahm man plötzlich Notiz von dem jungen Politiker. Zuerst sprach man von einem "ungeschliffenen Diamanten", dann puschten ihn die Medien. Das "Time"-Magazin titelte September 06: "Obama - Der nächste Präsident", die "New York Times" schrieb wenig später: "Run, Barack, Run" - eine Aufforderung, am Präsidentschaftswahlkampf 2008 teilzunehmen.
Und nun plötzlich hat Barack Obama beste Chancen, der erste afroamerikanische Präsident der USA zu werden. Selbst wohlwollende Kritiker hatten bis vor wenigen Tagen immer noch darauf hingewiesen, dass das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" noch nicht bereit sei für einen Präsidenten mit schwarzer Hautfarbe. Das hat Obama jetzt eindrucksvoll widerlegt.
Während Obamas Fans siegestrunken feiern, erklärt einige Blocks entfernt im Ballsaal des Hotels Fort Des Moines die unterlegene Favoritin Hillary Clinton ihren geschockten Fans, dass sie unbeirrt weiterkämpfen werde. Das Bild auf der Bühne ist ein krasser Kontrast zum Auftritt Obamas. Hillary ist eingerahmt von ihrem Mann Bill, der greisen Ex-Außenministerin Madeleine Albright und anderen älteren Anhängern. Das alles signalisiert wenig Aufbruchstimmung.
In einem anderen Ballsaal in Iowas Hauptstadt feiert unterdessen Republikaner Mike Huckabee seinen Außenseitersieg gegen den haushohen Favoriten Mitt Romney. Der ehemalige Gouverneur aus Arkansas hat es geschafft, sich aus dem politischen Niemandsland an die Spitze zu setzen. Eine Riesenschar von Evangelikalen verhalf dem konservativen Baptistenprediger zum Sieg. Ob er Bestand haben wird, zeigt sich vermutlich schon in fünf Tagen bei den Vorwahlen im deutlich liberaleren New Hampshire. Huckabees Erfolg ist in jedem Fall nur ein politischer Arbeitssieg.
Barack Obama aber kann mit Fug und Recht erklären: "Dieser Sieg ist ein denkwürdiger Augenblick in der Geschichte." Er hat eine Bewegung in Gang gebracht, die an die Zeiten von Martin Luther King und John F. Kennedy erinnert. Und er hat vermutlich recht, wenn er seinen Anhängern zum Schluss zuruft: "Eines Tages werden die Amerikaner sich an den Caucus in Iowa 2008 zurückerinnern und sagen: ,Das war der Moment, als alles begann'."




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