Gipfel: Zum ersten Mal seit zehn Jahren besucht Chinas Staatschef Neu-Delhi - es geht um Handel und militärische Kooperation
Zwei Giganten beäugen sich - was Indien von China lernen will
Hamburg. Wenn Elefanten tanzen, zittert die Erde. Mit großer Aufmerksamkeit und einer ganz kleinen Prise Nervosität wird in den Hauptstädten der Welt der erste Besuch eines chinesischen Staatspräsidenten in Indien seit zehn Jahren beäugt. Gestern traf Hu Jintao in Neu-Delhi ein.
China hat 1,3 Milliarden Einwohner, Indien höchstens 200 Millionen weniger - zusammen entspricht das 40 Prozent der Erdbevölkerung. Und beide Giganten haben nicht nur explosionsartig wachsende Volkswirtschaften, sondern verfügen über atomar bewaffnete Riesenarmeen - China mit 2,3 Millionen Soldaten, Indien immerhin mit mehr als 1,2 Millionen. Zum Vergleich: Die Militär-Hypermacht USA hält gut 1,3 Millionen Soldaten unter Waffen.
Zwar sind Inder und Chinesen bei Weitem noch keine Freunde, aber jede Annäherung könnte die strategische Balance im Pazifik-Raum rasch verändern.
Beim viertägigen Besuch Hus in der indischen Hauptstadt, wo er mit seinem Amtskollegen APJ Kalam und Ministerpräsident Manmohan Singh spricht, dürfte zunächst der Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen eine zentrale Rolle spielen. Im Jahre 2000 war der bilaterale Handel gerade einmal drei Milliarden Dollar wert, in diesem Jahr wird zum ersten Mal die 20-Milliarden-Dollar-Grenze überschritten. Das sind rund 15,6 Milliarden Euro.
Indien betrachtet dabei die ungleich bessere Infrastruktur Chinas mit einigem Neid, aber vor allem die Fähigkeit der Chinesen, ausländische Investitionen ins Land zu locken, wird in Delhi sehr genau untersucht. 2005 waren es netto gute 45 Milliarden Euro, die Ausländer in China investiert haben - in Indien gerade mal ein Zehntel dieser Summe.
Dabei scheint es kaum eine Rolle zu spielen, dass Indien eine Demokratie ist - wenn auch eine komplizierte mit zahllosen Völkern und Sprachen - während China noch immer eine altkommunistische Diktatur ist -, wenn auch mit großen radikal-kapitalistischen Einsprengseln. In China wollen die Ausländer zudem vorwiegend produzieren, in Indien dagegen ihre Produkte verkaufen. Das möchte Delhi langfristig ändern. Doch dazu müsste es zunächst sein marodes Straßen- und Stromnetz und seine im Schneckentempo arbeitende Bürokratie gründlich renovieren.
Politisch sind sich die beiden asiatischen Riesen trotz guter Geschäfte nicht besonders grün. Das liegt nicht nur an der offensichtlichen Konkurrenzsituation in Asien, sondern auch an Chinas strategischer Partnerschaft mit Indiens altem Erzrivalen Pakistan, ebenfalls Atommacht. Das vorwiegend hinduistische Indien und das 1947 von ihm abgespaltene islamische Pakistan haben bereits drei Kriege gegeneinander geführt, der nächste muss unbedingt vermieden werden - denn er könnte ein Atomkrieg werden.
Und natürlich ist die liebevollen Asyl-Aufnahme, die Indien dem aus Tibet geflohenen Dalai Lama bereitet hat, den Chinesen ein Dorn im Auge. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter war 1959 nach Indien geflohen, nachdem die Chinesen Tibet blutig annektiert hatten und sich anschickten, dessen jahrtausendealte Tempel-Kultur zu zerstören und gewaltsam zu sinisieren - ein Prozess, der noch immer anhält.
Der weltweit hoch respektierte Dalai Lama sitzt mit der tibetischen Exil-Regierung im nordindischen Dharamsala. Und in ganz Indien leben heute rund 120 000 Exil-Tibeter. Etwa 1000 von ihnen begrüßten Hu mit Protestplakaten und forderten ein Ende der chinesischen Besetzung Tibets.
Aber auch China und Indien haben schon einmal einen Krieg gegeneinander geführt - 1962 um Teile des Himalayas. Erst vor drei Jahren konnten sie sich auf Grenzverhandlungen einigen.
In Peking schielt man nun argwöhnisch auf die Annäherung zwischen Delhi und Washington. Früher war Indien eher traditionell den Russen verbunden und geradezu sportlich anti-amerikanisch. Das ändert sich gerade - zum Ärger der Kommunisten. Kein Wunder, dass aus Delhi verlautet, man werde auch einige Abkommen zur "erweiterten Kooperation" im Sicherheitsbereich unterschreiben.




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