Sonntag, 27. Mai 2012, 22:10

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Ausland

Bürgermeisterin: Helen Zille trat Jahrzehnte gegen die Apartheid ein - jetzt regiert sie die "Mutterstadt" Südafrikas

Zilles Erbin kämpft um Kapstadts Zukunft

Ihre Eltern flohen aus Nazi-Deutschland. Jetzt wird sie selbst drangsaliert - ausgerechnet vom ANC, der wie sie den Rassismus überwinden wollte . . .

Kapstadt. Kapstadt erwacht erst langsam. Im Büro der Bürgermeisterin ist allerdings schon Betrieb. Helen Zille ist immer als eine der Ersten an ihrem Arbeitsplatz im sechsten Stock des riesigen Gebäudes der Stadtverwaltung. Später als sieben Uhr kommt sie fast nie. "She is already running", sagen ihre Mitarbeiter - Zille "rennt" schon, steht schon unter Dampf. Den braucht sie, denn ihre politischen Gegner machen ihr schwer zu schaffen: Sie wollen sie aus dem Amt jagen und sind bei der Wahl der Mittel nicht zimperlich.

Und doch wirkt Helen Zille nicht hektisch oder gestresst. Die schmale, mittelgroße Frau mit ihren 55 Jahren, ihrer leisen, aber festen Stimme vermittelt eher das Gefühl von Gelassenheit. Sie nimmt sich zurück, kann zuhören. Vielleicht neigen ihre zahlreichen Gegner deshalb dazu, sie zuweilen zu unterschätzen.

In dieser Frau steckt viel Kraft, viel Kampfeslust auch - und vor allem viel Selbstbewusstsein. Helen Zille ist eine starke Frau. "Sie ist eine Kämpferin", hat ihre 88-jährige Mutter immer gesagt.

"Wo ist denn nur mein dicker Zille?", murmelt die Bürgermeisterin und kramt in einem Bücherregal. Schließlich zieht sie triumphierend "Das dicke Zille-Buch" heraus, ein Querschnitt durch das Werk des deutschen Malers, der mit seinen "Milljöh"-Bildern aus den Berliner Hinterhöfen der vorletzten Jahrhundertwende Berühmtheit erlangte. "Ich weiß nicht, ob Heinrich Zille ein Bruder meines Großvaters war, ein Cousin oder ein Onkel", räumt sie ein. "Sicher ist: Er gehört zu meinen Vorfahren, und ich bin stolz auf ihn. Das soziale Engagement, das sein Werk prägt, sein Eintreten für die kleinen Leute, das alles ist kennzeichnend für meine ganze Familie."

Ihre deutsche Herkunft hat Helen Zille geprägt: Vater Wolfgang Zille, geborener Dessauer, kehrte Deutschland schon 1934 den Rücken. Er ging nach Südafrika, weil er dort dem deutschen Rassenwahn zu entkommen hoffte. Zilles Mutter, die aus Essen stammt, emigrierte erst 1939, in letzter Minute, zunächst nach England, 1948 weiter nach Südafrika.

Dann ging alles sehr schnell: 1950 lernen die beiden jüdischen Emigranten Wolfgang Zille und Mila Cosmann sich in Johannesburg kennen, sie heiraten wenige Wochen später - und 1951 kommt Tochter Helen zur Welt. Sie wächst in einer politisierten Umgebung auf: Die Emigrantenfamilie ist ausgerechnet in ein Land geraten, in dem die Rassentrennung gerade zur offiziellen Politik erklärt wird und die unmenschlichen Rassengesetze fast täglich verschärft werden.

"Meine Mutter stemmte sich sofort aktiv dagegen", erzählt Zille. Sie unterstützt Apartheids-Opfer, gibt Rat, Trost und Hilfe, wo immer sie kann. Für die junge jüdische Emigranten-Tochter und ihre beiden Geschwister wird politisches Engagement zur Selbstverständlichkeit. Zille wird zunächst Journalistin. Doch 1981 wirft sie alles hin, weil ihr Chefredakteur wegen seiner kritischen Haltung zur Apartheid gefeuert wird, und wird politisch aktiv. Bei der "Black Sash", einer Anti-Apartheids-Bewegung, die sich selbst "Anwalt für eine gerechte Welt" nennt, findet sie ihre politische Heimat. Als Südafrika 1994 unabhängig wird, beginnt Zilles Aufstieg. Sie engagiert sich in der Demokratischen Allianz (DA), wird deren Vizechefin und im Jahr 2000 zur Erziehungsministerin am Kap ernannt.

Im März dieses Jahres schafft sie das schier Unmögliche: Ihre DA wird stärkste Kraft im Kapstädter Stadtparlament. Der African National Congress, die Partei der Schwarzafrikaner, will seine Niederlage nicht akzeptieren. Nach der Wahlschlacht bricht ein Kleinkrieg aus. Der ANC versucht, mit Versprechungen und Drohungen, Abgeordnete anderer Parteien auf seine Seite zu ziehen. Vergeblich. Helen Zille zimmert mit sechs kleineren Parteien eine Koalition und wird mit nur drei Stimmen Vorsprung zur neuen Bürgermeisterin der 4,5-Millionen-Metropole gewählt. Einen "Meilenstein" nennt sie ihre Wahl: "Zum ersten Mal seit 1994 hat der ANC eine wichtige Wahl verloren."

Der ANC tobt und mobilisiert die Straße. Als Zille kurz nach ihrer Wahl den Vorort Kayelitza besucht, eine ANC-Hochburg und einer der sozialen Brennpunkte Kapstadts, werfen ANC-Anhänger mit Stühlen. Die Bürgermeisterin wird leicht am Kopf verletzt. ANC-Provinzvize Max Ozinsky erklärt kühl, sie habe sich beim örtlichen ANC-Vertreter nicht angemeldet und müsse die Folgen tragen. Im Mai vereitelt die Polizei in letzter Minute einen Anschlag.

Die unprätentiöse Frau, die bis dahin ohne Bewachung mit ihrem alten Opel durch die Gegend gefahren war, muss sich auf Anraten der Polizei ab sofort von Bodyguards schützen lassen. Auch an ihrem Haus im Stadtteil Obervatory, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden erwachsenen Söhnen lebt, werden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Sie ist stolz darauf, dass sie nie in einem der "weißen" Stadtteile Kapstadts gewohnt hat, dort, wo die Reichen sich mit Stacheldraht und Alarmanlagen eingeigelt haben. In Obervatory leben Schwarze und Weiße, Mitarbeiter der Universität, an der auch ihr Mann lehrt. Sie ist dort anerkannt und respektiert. Doch in der vom ANC aufgeheizten Stimmung muss sie auch hier vorsichtig sein.

Der ANC-Landeschef James Ngculu gibt offen die Parole aus: "Wir geben erst Ruhe, wenn wir sie aus dem Amt gejagt haben." "GodZille Monster" nennt er sie. Seine Partei verlangt bei der Provinzregierung ihre Absetzung und die Einsetzung eines Staatskommissars. Weil das nicht klappt, drängt der ANC jetzt auf eine Verfassungsänderung: Ein Kollegium aus allen im Stadtparlament vertretenen Parteien soll die Regierungsgeschäfte übernehmen. Dann hätte der ANC einen Zipfel der Macht zurückerobert, Zille wäre nur noch eine Art Frühstücksdirektorin.

Doch sie schlägt zurück: Sie lässt alle Verträge, die die Stadt in der ANC-Zeit geschlossen hat, darauf überprüfen, ob Korruption im Spiel war, feuert unnachsichtig ANC-Leute, die wegen ihrer Parteizugehörigkeit und nicht aufgrund ihrer Qualifikation hoch bezahlte Jobs bekommen haben. Als die Angriffe gegen sie nicht enden, stellt sie der Provinzregierung, die ihre Rechnungen nicht bezahlt hat, kurzerhand Wasser und Strom ab. Zille ist von dem Hass und der Wut der Angriffe tief getroffen. Ausgerechnet ihr, der christlich erzogenen Jüdin, wirft der ANC Rassismus vor. "Das Tragische ist, dass der ANC selbst - wie die alte Nationale Partei - den Rassismus als Instrument zur politischen Mobilisierung benutzt", sagt sie.

Woher nimmt sie die Kraft für ihren Kampf an so vielen Fronten? "Ich bin sehr religiös, meine Familie unterstützt mich geradezu unglaublich - und ich liebe die Herausforderung", sagt sie. Vor allem aber hat Helen Zille einen Traum: "Südafrika kann die erste große Demokratie werden, die die Rassenschranken wirklich überwindet." An der Verwirklichung dieses Traumes will sie mit ganzer Kraft mitarbeiten. Und schon rennt sie wieder, diese zierliche Frau mit dem Kämpferherzen und ihrer Drei-Stimmen-Mehrheit.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus