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Ausland

20 Sekunden vom Alarm bis zum Raketeneinschlag

Haifa: Eine deutsche Delegation besuchte jetzt die unter Beschuß liegende Metropole in Israels Norden

Haifa. Gerade haben wir die Lobby des Nof-Hotels betreten, das Gepäck noch in der Hand, da jault die Sirene los. Zügig, wenn auch ohne Hast, wie wir feststellen, verlassen die Gäste die Veranda und gesellen sich zu uns, die wir leicht verwirrt dreinschauen: Raketenalarm in Haifa, Israels nördlichster Metropole nahe der Grenze zum Libanon. Einer von einem Dutzend Alarmen an diesem Tag.

Wir - das sind vier Mitglieder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) aus Hamburg und Berlin, deren Vorsitzender Jochen Feilcke diese Idee zu einer Reise nach Israel JETZT geboren hat. Spontan schlossen sich zwei Abgeordnete an: von den Grünen Jerzy Montag, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestags, und seine Vertreterin, die ostfriesische Abgeordnete Gitta Connemann (CDU).

Noch nicht eingecheckt und schon mit ersten Vorsichtsmaßnahmen konfrontiert: 20 Sekunden, erfahren wir, blieben uns ab dem Aufjaulen der Sirene Zeit, einen Schutzraum aufzusuchen. Dort sollten wir zwei Minuten ausharren. Danach müßte sich die Gefahr vollendet oder erledigt haben. Dieser ironische Grundton der Israelis wird die ganze Reise durchziehen. Er führte zu einer Solidarität unter den flüchtenden Menschen, wie sie keiner von uns vorher erlebt hat. Bei zwei weiteren Zwangsaufenthalten in den Kellern der Blutbank von Haifa fällt die kleine deutsche Delegation auf und wird - zwischen Blutspendern, wuselnden Schwestern, Ärzten und nervösen Ambulanzfahrern - mit betörender Herzlichkeit empfangen. Die Dankbarkeit der Israelis hatte etwas Rührendes.

Haifa - eine lichte, hügelige Stadt, großzügig geschnitten, mit modernen Hochhäusern und eleganten Gartenanlagen der Baha'i - ist eine Stadt zum Leben. In diese Idylle hämmert seit dem 12. Juli die Hisbollah ihre Raketen. Täglich, stündlich, besonders zwischen 11 und 13 Uhr, wahlweise auch zwischen 13 und 15 Uhr oder abends bis 21 Uhr. Manchmal, aber nicht immer, auch nachts. Seitdem ist Haifa, diese Perle des Nordens, zur stillen Stadt mutiert. Schon bei der Hinfahrt fiel uns auf, wie hinter Natanya der Verkehr erst allmählich, dann rapide abfiel. In Haifa selbst bewegte sich nach 18 Uhr so gut wie nichts mehr. Die Straßen ruhig, der Hafen leer: Eine Stadt hält den Atem an.

Im Communication Center der Armee, im Keller eines Hotels, gibt der Armeesprecher, Oberstleutnant Olivier Rachowicz, einen Überblick zur strategischen Lage, die völlig anders sei als in allen anderen Kriegen zuvor: Zum ersten Mal sei die Front nicht die Grenze zu einem anderen Land, sondern spiele sich innerhalb der eigenen Städte ab. Es gehe auch nicht um Land oder Landausgleich wie sonst, sondern um nichts als nackte Zerstörung. 400 000 Menschen habe man bisher ohne großes Getöse aus dem Norden des Landes evakuiert. Daher auch die Ruhe in Haifa? Auch, aber nicht nur. Es ist auch der Schock, den die Israelis gerade durchmachen. Mit diesem Krieg hatte niemand gerechnet.

Während Rachowicz in seinem Vortrag erläutert, warum die eigene hochentwickelte Raketenabwehr gegen die selbstgebastelten Katjuschas der Gegner machtlos sei, läuft im Newsticker hinter ihm die Nachricht: "Matula evakuiert." Matula ist 20 Autominuten von Haifa entfernt. Dann wird ihm ein Zettel hingereicht: Hubschrauberabsturz an der libanesischen Grenze. Rachowicz bleibt die Ruhe selbst. Doch zur selben Zeit läuft im "Health Care Centrum" des Krankenhauses Rambam die Rettungsaktion für den überlebenden Piloten auf Hochtouren. Vier Stunden später treffen wir ihn, vorsorglich in einem Rollstuhl sitzend, lediglich mit einer Halskrause beschwert, im Flur des Hospitals. "Er hat unglaubliches Glück gehabt", schluchzt seine Mutter. Ein Flugunfall. Zwei kollidierende Hubschrauber. Sein Kamerad hat nicht soviel Glück gehabt.

Im 7. Stock dieses unangenehm hoch in den Himmel ragenden weißen Gebäudes liegt ein anderes Opfer dieses Krieges, der die Israelis empört und einigt wie nie zuvor: "Wir haben an Urlaub und Ferien gedacht", sagt die Direktorin im Auswärtigen Amt, Osnat Bar Yosef, in Jerusalem, als die Hisbollah am 12. Juli die junge Besatzung eines Hummer überfallen hat: drei israelische Soldaten erschossen, zwei entführt, einer verwundet. Der liegt, von den Eltern "bewacht" und froh davongekommen zu sein, noch immer verschüchtert in seinem Bett. Ein 26jähriger Junge, alles andere als kriegerisch. Dieser 12. Juli, der fast sein letzter Tag geworden wäre, war eigentlich nur als Schlußtag seiner Zeit als Wehrpflichtiger gedacht.

Wieso er überlebte? Er weiß es nicht.

Auf der Intensivstation schaffen es möglicherweise zwei Verwundete nicht. Israelischer Hubschrauberpilot der eine, italienischer Uno-General der andere. Beide noch in künstlichem Koma. Beide grotesk verrenkt daliegend, eingegipst fast von Kopf bis Fuß. Beim Piloten sogar die Lippen verklebt. Man hofft, daß er sich bald wieder bewegen kann, der 23 Jahre alte junge Mann. Bei dem General mit einer Kugel im Rücken hofft man nicht mehr; man weiß: Er wird querschnittsgelähmt bleiben. Man will es ihm morgen sagen, wenn man ihn, wie es ein Arzt ausdrückte, "wieder ins Leben zurückgeholt hat".

Ins Leben?

Dieser Krieg, dessen Raketen die Israelis im Norden ihres Landes geduldig und gelassen hinnehmen, empört sie andererseits wirklich. Das Berliner Ehepaar im Altenheim "Misham", das schon sechsmal an diesem Tag in den Luftschutzkeller humpeln mußte, will, daß "unsere Soldaten jetzt Schluß machen mit der Hisbollah". Ein Ruf, der das Land wie eine Woge durchläuft. Nie zuvor war sich Israel so einig in der Meinung, an diesem Krieg absolut unschuldig zu sein. Daß das so verkannt wird, ärgert sie. "Wir haben den Libanon vor sechs Jahren geräumt und werden jetzt von dort angegriffen; wir haben die West Bank in diesem Jahr geräumt - und was passiert? Wir werden von dort angegriffen. Warum also weggehen?" fragt der Armeesprecher. "Andere halten sich Haustiere in der Wohnung, die Hisbollah hält sich Katjuscha-Raketen", analysiert die Außenamts-Direktorin die Lage im Libanon und meint es keineswegs ironisch. Selbst der Vorsitzende der Grünen in der Knesset, Jossi Beilin, ein anerkannter Kriegsgegner, räumt ein: "Wenn du eine Rakete im Haus hast, kannst du nicht mehr als unschuldig gelten." Und Beilin schlug vor, sogar "Damaskus als Ziel ins Auge zu fassen".

Was von dort oder dem Iran geliefert wird, sind keine Spielzeugwaren. Daß die Raketen der Hisbollah nicht vom israelischen Raketenabwehrsystem erfaßt werden können, ist kein Zeichen von Harmlosigkeit. Abgefüllt mit 1000 Gramm Sprengstoff, 40 Kilo Eisenkugeln und einer Flugweite bis zu 120 Kilometern reichen sie als Mordwaffe allemal. Wie zur Demonstration ihrer Kraft durchsiebten sie eine Stahlplatte. 30 mal 60 Zentimeter groß wurden mehr als 300 Einschläge gezählt. Schon mehr als 2000 Raketen schlugen in Israel ein. Jede Rakete, die trifft, ist ein verheerender Volltreffer. Genau das, was gewollt ist.

Während das israelische Militär versucht, die Kollateralschäden seiner Angriffe auf die Kommandozentralen der Hisbollah in den Wohnvierteln von Beirut so klein wie möglich zu halten, indem es die Bevölkerung auf Flugblättern und per SMS vor seinen Angriffen warnt, ist genau das, die Tötung möglichst vieler Israelis, die einzige Strategie von Hamas und Hisbollah. Deshalb sticht auch das Argument vieler Israelis nicht, gerade Haifa dürfe nicht beschossen werden. Nirgendwo sei das Verhältnis von Arabern und Juden schließlich besser als in dieser Stadt. Für die Hisbollah, die keinen Frieden will und nach dem Motto verfährt, je dreckiger der Krieg, desto besser, ist das genau der Startschuß zum Zuschlagen.

Das Flugexemplar, das Sonntag abend um 19.02 Uhr unseren 1. Alarm auslöste (für den 59jährigen Jerzy Montag war es "der erste echte Alarm meines Lebens"), traf in der Said-Street den Gasbehälter eines Hauses, das daraufhin in die Luft flog. Der Tatort grauenvoll zugerichtet. Das ganze Haus baufällig. Die Fenster schwarze Höhlen. Der Baum davor abgebrannt bis zum häßlichen Strunk. 15 Verletzte. Trotzdem nahmen es die Überlebenden gelassen. Schon vier Stunden später räumten sie zu Schlagermusik mit einem Trecker die Schuttmassen weg. Israelis zeigen ihren Schmerz nicht; sie kokettieren, anders als ihre Gegner, nie damit.

Zwei Straßen weiter, an der Ya'acov-Caspi-Straße/Ecke Nahalal-Str., die nächste Ruine. Hier flog das Geschoß in ein Eckhaus und zertrümmerte das Nachbarhaus gleich mit. Es traf die Familie, bei Tisch sitzend. Alle vier verletzt. Auch dies ein Treffer mitten in eine heile Welt. Das Wahnwitzige daran: Die Hauptwand steht nicht mehr, die Inneneinrichtung schon. Auf dem Tisch noch der Topf; die Stühle unverrückt; an der Wand die Uhr, die tickt.

Die toten Gegenstände leben weiter.

Unter bergsteigerischem Risiko hat jemand an der äußersten Bruchstelle eine rote Rose befestigt. Eine künstliche. Egal. Ein Land gibt nicht auf.

Es emotionalisiert sich. Der Oberstleutnant schließt seinen Vortrag mit den Worten: "Ich bin 44 Jahre alt und liebe mein Land."

Und der Chef der Feuerwehr bekundet ein ungeahntes Ethos seiner Männer: "Seit wir unsere Familien im Süden in Sicherheit wissen, arbeiten wir nur noch für die Sache." Die Sache? Ein katastrophenfreies Haifa und ein Sieg über die Hisbollah.

 

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