Achtung! Hier wohnt ein Sexualverbrecher
Schutzgesetz: Jeder Amerikaner kann jetzt im Internet sehen, ob ein Haftentlassener Kinderschänder in seiner Nähe lebt. Viele Städte verordnen "Bannmeilen" um Schulen und Schwimmbäder. Bereits mehrere Ex-Häftlinge wurden ermordet.
Washington. 4201 Butterworth Place ist die Adresse eines Altenheimes im Nordwesten von Washington. Im vierten Stock hinter der Tür Nummer 413 lebt Vincent Oliver. Der 90jährige mit den kurzen weißen Haaren und dem faltigen Gesicht geht zwar nicht mehr oft hinaus, und doch ist er den meisten Leuten in der Nachbarschaft bekannt, vor allem jenen, die Kinder haben. Sie wissen, daß sich hinter dem gepflegten, freundlichen Äußeren des Vincent Oliver ein gefährlicher Sexverbrecher verbirgt. Zuletzt wurde er 1997 wegen Unzucht mit drei Mädchen im Alter von sechs, sieben und acht Jahren zu sechs Jahren Haft verurteilt. Wegen ähnlicher Taten hatte er zuvor schon einmal zwölf Jahre im Gefängnis gesessen. Heute schaut der Alte von seinem Fenster aus auf den Kindergarten und den Spielplatz der Kirche St. Columbus, und in nur 170 Metern Entfernung liegt die Janney-Grundschule.
Nicht weit von Oliver entfernt, 4220 Fessenden Street, arbeitet Farivar Mordeslami bei "Metro Pet Shop", einem Tierladen. Der 52jährige mit der großen Brille ist ebenfalls ein verurteilter Kinderschänder. Er hatte 1993 einen damals 13jährigen Nachbarsjungen mehrfach vergewaltigt und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Seit 2004 ist Mordeslami wieder frei. Tierladen-Besitzer Casey Stiehm weiß von der Vorstrafe seines Angestellten. In sein Geschäft kommen häufig Kinder, um die kleinen Hasen, Meerschweinchen und Hamster zu streicheln. "Bisher gab es keine Beschwerden", sagt Stiehm.
Die Informationen über Vincent Oliver und Farivar Mordeslami - und 500 000 weitere vorbestrafte Sexualtäter - sind nicht etwa in Polizeiakten versteckt, sondern stehen im Internet. Jeder Amerikaner kann sie sich jederzeit kostenlos unter der Internetadresse www.nsopr.govoder www.familywatchdog.usbeschaffen und somit überprüfen, ob und wo in seiner Nachbarschaft ein einschlägig Vorbestrafter wohnt oder arbeitet, wie er aussieht, wie groß und wie schwer er ist und was er verbrochen hat.
Der Aufbau dieser öffentlichen Datenbank zum Schutz vor Kinderschändern und anderen Sexualverbrechern ist dem so genannten "Megan's Law" (Megans Gesetz/siehe Kasten rechts unten auf dieser Seite) zu verdanken. Das 1996 erlassene Gesetz machte es für alle verurteilten Sexualtäter im Lande zur Pflicht, sich registrieren zu lassen und jeden Wohnungswechsel bei der Polizei anzuzeigen. Die Angaben werden dann umgehend ins so genannte "National Sex Offender Public Registry" (NSOPR), das nationale Register für Sexualstraftäter, gestellt - und ins Internet. Als letzte Staaten schlossen sich jetzt Oregon und South Dakota dem Informationsnetz an; damit ist es US-weit komplett. Und weltweit beispiellos.
Doch was sich angesichts zahlloser Wiederholungstaten durch haftentlassen Vergewaltiger und Kinderschänder manch einer auch hierzulande wünscht, hat ebenso seine Kehrseiten. Lori Collins erlebt und erleidet sie gerade.
Die 43jährige wurde 2002 zu drei Jahren Haft verurteilt, weil sie einvernehmlichen Sex mit einem 15jährigen hatte. Jetzt möchte die Frau, die wieder einen ordentlich dotierten Job bei einer Kirche in Atlanta (US-Staat Georgia) hat, noch einmal "ganz von vorn anfangen". Doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Collins wußte, daß sie für den Rest ihres Lebens im NSOPR als "registered sex offender" eingetragen ist. Was sie nicht ahnte: Während sie ihre Strafe verbüßte, verabschiedete ihr Heimatstaat Georgia eines der härtesten Gesetze zum Schutz vor Sexualstraftätern in den USA.
Es untersagt registrierten Sexualverbrechern, im Umkreis von 300 Metern von Plätzen und Gebäuden mit Kindern zu leben, zu arbeiten oder sich dort aufzuhalten: Das betrifft Schulen, Kindergärten, Jugendheime, Kirchen, Parks, Sportanlagen, Schwimmbäder, Volksfeste sowie Haltestellen von Schulbussen. Besonders letztere sind ein Problem für Lori Collins. In Georgia gibt es mehr als 150 000 Bus-Stops für Schüler. Damit sind Sexualstraftäter quasi aus jeder Ansiedlung, in der Kinder leben, verbannt. Nach wochenlanger Suche glaubte Collins endlich eine Wohnung gefunden zu haben, die die Anforderungen erfüllt. Sie liegt 60 Kilometer von ihrem Arbeitsplatz in der Südstaaten-Metropole entfernt. Jedoch: "Als ich den Mietvertrag bereits unterschrieben hatte, fand ich heraus, daß sich in knapp 300 Meter Entfernung eine Schulbushaltestelle befindet", sagt sie. Jetzt schläft sie vorübergehend in ihrem Auto oder bei Freunden, ist "mit den Nerven am Ende" und fragt verzweifelt: "Wo soll ich denn noch suchen?"
Am besten außerhalb des Staates Georgia, wenn es nach dem Republikaner Jerry Keen geht, der den Gesetzesantrag eingebracht hat. Der Vorwurf, daß man Sexualtäter nach Strafverbüßung durch das strikte neue Gesetz diskriminiere und ein zweites Mal verurteile, tangiert den Politiker nicht sonderlich: "Wir wollen solche Leute einfach nicht in unserem Staat haben!"
Damit steht Georgia keineswegs allein. Immer mehr Staaten, Städte und Gemeinden in den USA machen es vorbestraften Sexualtätern schwer bis unmöglich, sich dort niederzulassen. Im mondänen Miami Beach (Florida) beispielsweise wurden die "Bannmeilen" um Schulen, Kindergärten und Spielplätze so groß gewählt, daß es keine Wohnung mehr gibt, in der sie sich legal aufhalten dürften. In der texanischen Küstenstadt Corpus Christi ordnete Richter Manuel Banales an, daß jeder registrierte Sexualstraftäter ein 60 mal 50 Zentimeter großes Schild vor seinem Haus aufstellen muß. Aufschrift: "Gefahr. Hier wohnt ein registrierter Sexualstraftäter. Bei verdächtigem Verhalten bitte folgende Nummern anrufen: . . . " Dann folgen drei Telefonnummern von Polizei, Sozialamt und einer Hilfsorganisation für Sexualopfer. Die gleiche Warnung müssen die Betroffenen auch als Aufkleber auf ihre Autostoßstangen heften.
Rachel Blumenstein, deren Sohn George sich vor 25 Jahren an einem 13jährigen Mädchen vergangen hat und jetzt bei ihr lebt, kritisiert die Verordnung scharf: "Er ist seit acht Jahren aus dem Gefängnis und hat sich nie mehr etwas zuschulden kommen lassen, hatte Arbeit und war in der Nachbarschaft wohlgelitten. Seit wir das Schild im Vorgarten aufstellen mußten, werden wir von fast allen Nachbarn gemieden, und George hat seine Arbeit verloren."
Auch Bürgerrechtsorganisationen beklagen die Folgen von "Megan's Law" für Vorbestrafte. "Diese Menschen, und das bleiben sie trotz ihrer Verurteilung noch immer, haben keine Chance der Resozialisierung und müssen nicht selten um ihr Leben fürchten oder begehen Selbstmord, weil sie keinen Ausweg mehr sehen", kritisiert Sara Totonchi vom "Southern Center for Human Rights". Erst vor knapp drei Monaten fischte sich ein 20jähriger in Maine aus der Internet-Datei beliebig Namen von Sextätern heraus und erschoß zwei von ihnen. Bei seiner Festnahme beging der 20jährige Selbstmord; er trug 34 weitere Namen aus der Datei bei sich.
Die Morde sind keine Einzelfälle. 2005 erschoß Michael Mullen (35) aus Whatcom (Washington) zwei Kindervergewaltiger, deren Adressen und Namen er sich aus dem Internet besorgt hatte. Er wurde wegen zweifachen Totschlages zu 44 Jahren Haft verurteilt. Lawrence Trant aus New Hampshire verletzte zwei Kinderschänder, die er mit Hilfe der Datei aufgespürt hatte, lebensgefährlich. Er sitzt im Gefängnis, zeigt jedoch keine Reue: "Ich will nicht, daß Leute die Seelen kleiner Kinder stehlen. Ich sitze 30 Jahre für etwas ab, das ich moralisch für gerechtfertigt halte."
Gouverneur Jim Douglas aus Vermont, wo es auch schon einen Lynch-Mord gab, verteidigt die umstrittene Datei trotzdem: "Unserer Meinung nach sind diese Morde Ausnahmen, und der Nutzen des Registers für Eltern und Gemeinden wiegt solche Fälle mehr als auf." Das sieht Shirley Turner ganz anders. Sie ist die Mutter von William Elliott, eines der Mordopfer von Maine. Elliott hatte nichts anderes verbrochen als daß er - 19jährig - mit seiner damaligen Freundin geschlafen hatte, wenige Tage bevor sie 16 wurde. Verurteilte wie William Elliott - er bekam eine viermonatige Gefängnisstrafe - stellen einen erheblichen Teil der 500 000 registrierten Sexualstraftäter. In den meisten US-Staaten dürfen Personen über 18 keine sexuelle Beziehung zu Minderjährigen haben, auch wenn diese bereits 17 sind.
In Washington gibt es inzwischen erste Bestrebungen, solche Fälle aus dem Sexualstraftäter-Register zu streichen. Und in zehn Bundesstaaten soll künftig jeder Sexualverbrecher vor seiner Haftentlassung psychiatrisch untersucht und bei mutmaßlicher Wiederholungsgefahr notfalls lebenslang in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden. Andere Städte haben Versuche gestartet, in denen entlassene Sexualstraftäter zwar keine Wohnrestriktionen auferlegt bekommen, jedoch elektronische Fußfesseln tragen müssen, damit man sie von der Polizeizentrale aus auf Schritt und Tritt auf dem Bildschirm verfolgen und gegebenenfalls eingreifen kann.
Lori Collins würde sich gern elektronisch überwachen lassen, wenn sie damit ihr Wohnungsproblem lösen könnte. Die Frau kommt sich vor, als müßte sie "noch einmal vor Gericht stehen". Sie versichert: "Ich bin die Erste, die dafür ist, unsere Kinder vor gewalttätigen Pädophilen und Verbrechern zu schützen, aber ich weiß auch, daß wir uns ändern können."




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