US-"Rache-Schiffe" befremden das alte Europa
Frankenfeld
Venus und Mars - dieser planetarische und mythologische Gegensatz wird gern bemüht, um unterschiedliche Auffassungen zwischen der alten Welt Europa und der neuen Welt Amerika zu illustrieren, wenn es um die Anwendung militärischer Gewalt geht. Für die Vereinigten Staaten, die jährlich mehr für Rüstung ausgeben als die nächsten zehn Staaten zusammengenommen, ist der Einsatz des Militärs viel eher ein Instrument zur Wahrnehmung nationaler Interessen als etwa für die Europäische Union.
Die Unterschiede, die sich auch in der Politik gegenüber dem nach Atomwaffen greifenden Iran manifestieren, rühren nicht zuletzt daher, daß die USA niemals einen verheerenden Krieg auf eigenem Boden erlebt haben. Der Bürgerkrieg in den 1860er Jahren, so schmerzhaft er für Amerika gewesen sein mag, ist nicht vergleichbar mit den apokalyptischen Verwüstungen, die Europa vor allem im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg erlebt hat.
Indes hat der Terrorangriff vom 11. September 2001 das Sicherheitsgefühl der Amerikaner zerstört, die Gewißheit, daß die Kriege der USA stets auf fremdem Boden ausgetragen werden. Und in der Reaktion auf diesen ruchlosen Angriff, in der mit nationalem Pathos verbrämten eisernen Bereitschaft, Vergeltung zu üben, zeigt sich wieder der Antagonismus von Venus und Mars. Ein symbolischer Akt der USA hat nun zu Befremden in Europa geführt.
Hintergrund: Unmittelbar nach dem 11. September hatte der Gouverneur des schwer getroffenen Staates New York, George Pataki, US-Marineminister Gordon England darum gebeten, ein Überwasser-Kampfschiff mit dem Namen "USS New York" zu ehren. Obwohl dies der Tradition widerspreche, nach der eigentlich nur strategische Raketen-U-Boote die Namen von Bundesstaaten erhielten.
Am 28. August 2002 wurde dieser Bitte entsprochen, und die "USS New York" wird auf der Werft von Northrop Grumman in New Orleans gebaut - für eine Milliarde Dollar. Das Prunkstück der San-Antonio-Klasse ist ein Amphibisches Transportschiff, 25 000 Tonnen Verdrängung, bestückt mit Schnellfeuerkanonen, Raketen, Hubschraubern und 700 kampfbereiten Marines.
Die "USS New York", die Mitte 2007 vom Stapel laufen soll, kann Kern von amphibischen Landeoperationen zum Beispiel im Krieg gegen den globalen Terror sein. Gouverneur Pataki sagte dazu, am 11. September hätten die Feinde ihren Kampf nach New York getragen, nun würde die "New York" den Kampf zu den Feinden tragen.
Um den Bug dieser Kampfmaschine zu verstärken, wurden 24 Tonnen Stahltrümmer vom World Trade Center eingeschmolzen. Die Werftarbeiter, so heißt es, berührten den Schrott aus jenem Gebäude, in dem mehr als 2800 Menschen starben, "mit religiöser Inbrunst". Niemand gehe an der Bugsektion vorbei, ohne sie ehrfürchtig zu berühren, sagte einer der Bauleiter. "Jeder weiß, wozu das Schiff dienen wird."
Diese geradezu biblische Rachementalität befremdet viele Europäer. "Ihr wollt Schutt von 9/11 in eine Tötungsmaschine verwandeln? Hallo??" fragte Martin Samuel, Star-Kolumnist der konservativen Londoner "Times" ungläubig. Und meinte, erst habe die interventionistische Politik der USA indirekt zu 9/11 geführt, nun werde das Kriegsschiff aus dem Stahl von 9/11 den Teufelskreis der Gewalt fortsetzen. Eine gewagte These - und ein kräftiger Anstoß zu Diskussionen.
Übrigens hat die US-Navy den Bau zweier weiterer "Rache-Schiffe" bekanntgegeben. Der Name "USS Arlington" soll an den Angriff auf das Pentagon erinnern, "USS Somerset" an den Absturz der Passagiermaschine im gleichnamigen US-Landkreis. Bewunderswert oder bizarr? Um eigene Gedanken dazu wird gebeten.



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