"Sie war überhaupt nicht leichtsinnig"
Geisel: Gespräch mit dem Mann, der mit Osthoff zusammenarbeitete. Amerikaner wollten Archäologin in US-Camp für sich gewinnen, aber ohne Erfolg. Nach Intervention wurde sie schließlich nach Bagdad zurückgebracht.
Hamburg. "Vor Reisen nach Irak wird eindringlich gewarnt. Deutschen Staatsangehörigen wird dringend geraten, das Land zu verlassen" - diese Anweisung des Auswärtigen Amtes ist unmißverständlich. Dennoch leben nach Auskunft einer Sprecherin noch immer etwa 100 Deutsche im Land von Euphrat und Tigris. Unter ihnen auch Susanne Osthoff (43), die trotz der amtlichen Warnung: "Das Risiko von Entführungen ist sehr hoch", ihr Hilfsprojekt in Mossul im Nordirak nicht verlassen wollte. Seit Freitag ist dies für sie keine Warnung mehr, sondern furchtbare Wirklichkeit.
"Sie war überhaupt nicht leichtsinnig", sagte dennoch der deutsche Geschäftsmann Rolfeckhard Giermann, der noch im Oktober 14 Tage mit Susanne Osthoff im Irak unterwegs war, gestern dem Abendblatt. Sie habe sich vorsichtig verhalten. Das bedeutet: Optisch nicht auffallen, keine großen Autos fahren, auf Bewachung verzichten und die Fahrer sorgfältig auswählen. "Ich fühlte mich bisher immer sehr sicher im Irak, weil ich mich so verhalte. Susanne Osthoff hat das auch getan", sagt Giermann.
Er ist seit 28 Jahren geschäftlich im Zweistromland unterwegs. Im Oktober begleitete Giermann Susanne Osthoff nach Mossul. Sie wollten eine von der deutschen Regierung finanzierte Restaurierung eines historischen Objekts anschieben. Osthoff leitet das Projekt, Giermann vermittelte den Kontakt zu einer einheimischen Baufirma.
Im Frühjahr, so berichtet der Geschäftsmann, hätten die Amerikaner Susanne Osthoff zwei Wochen lang in das US-Camp bei Mossul gebracht. Vordergründig geschah das zu ihrem Schutz, doch Giermann sieht das noch anders. "Es wurde intensiv versucht, sie als Bedienstete der Amerikaner zu gewinnen, aber ohne Erfolg", sagt er. Wohl auch nach Intervention der deutschen Botschaft wurde Osthoff schließlich mit dem Hubschrauber nach Bagdad zurückgebracht.
Nach Worten der Islam-Wissenschaftlerin Sonja Hegasy war Osthoff aber auch mehrmals von der deutschen Botschaft gewarnt und zum Verlassen des Landes aufgefordert worden. "Sie hat wohl auch mehrere konkrete Drohungen erhalten", sagte die Mitarbeiterin des Berliner Zentrums Moderner Orient der Nachrichtenagentur Reuters.
Für Giermann ist die Entführung dennoch völlig unverständlich. "Susanne Osthoff hatte bei den Irakern einen ausgezeichneten Ruf. Sie hat ihnen viel geholfen", sagt er über die Archäologin, die die Landessprache perfekt beherrscht. Giermann ist überzeugt, daß die Entführer aus dem Ausland kommen.
An eine geplante Aktion des Top-Terroristen Mussab al-Sarkawi, der womöglich damit an die neue deutsche Regierung ein abschreckendes Signal aussenden und ein mögliches deutsches Engagement im Irak verhindern will, glaubt Giermann nicht. "Es gibt keine wirklich organisierte Terrororgansiation im Irak", sagt der Berliner Geschäftsmann, der im ständigen Kontakt zu seinen Partnern dort steht. "Es sind tausend einzelne, die ihren persönlichen Terror betreiben." Ob die Entführer nur Lösegeld erpressen wollen, vermag er nicht zu sagen.
Ein "gutes Gefühl" hat er jedenfalls nicht, sondern große Angst um seine Bekannte. Gerade die ersten Tage können für ihr Schicksal entscheidend sein. "In den ersten Stunden nach der Entführung entscheiden die Entführer, was mit der Geisel geschehen soll", sagte der fanzösische Journalist Georges Malbrunot, 2004 selbst Entführungsopfer im Irak, der ARD. Wichtig sei, daß die Entführer sähen, daß sie eine Regierung vor sich haben, die mit ihnen verhandle.
Die Regierung in Berlin könne kaum etwas ausrichten, meint allerdings Giermann. Nach seiner Meinung sollte der deutsche Botschafter im Irak die Möglichkeit bekommen, mit irakischen Spezialisten Kontakt zu den Entführern aufzunehmen. "Das Schlimmste ist, die USA um Hilfe zu bitten", sagt er. Er ist sicher, wenn der Erzfeind der Terrorgruppen eingeschaltet wird: "Dann ist das ihr Ende."














