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Ausland

Ein Deutscher baut den "Obi von Kabul"

Wirtschaftswunder: Afghanistans Handwerkern fehlt nur gutes Werkzeug. Henry Liesche übersiedelte mit seiner Baufirma. 200 Leute hat er schon. Und viele Geschäftsideen.

Kabul. "Die Schweißanlage", sagt Henry Liesche (36) und deutet auf das funkensprühende Gerät, an dem zwei Männer Fensterrahmen zusammenfügen. Von Maschine zu Maschine spult der Betriebswirt technische Daten ab, als habe er die Handbücher auswendig gelernt. Liesche klopft Schultern, wiederholt ständig die sechs, sieben Worte Dari, die er beherrscht, und alle um ihn herum freuen sich, als verstünden sie, was ihr deutscher Chef gerade erzählt. Liesche freut sich mit: "Ich schreibe schwarze Zahlen, mir geht es gut."

Seine kleine Werkshalle steht zwischen Wellblechhütten und zerstörten Fabrikhallen, in denen zuletzt vor 30 Jahren gearbeitet wurde. Draußen sind Wachen postiert und schützen, was sich drinnen für 80 afghanische Tischler als eine andere Welt darstellt. Hier, an der Jalalabad-Road in Afghanistans Hauptstadt Kabul, produzieren sie täglich mehr als 200 Kunststoffenster. Grauer, blitzsauberer Betonboden, weißgestrichene Wände und moderne Maschinen, die Liesche im Allgäu ersteigert hat.

"Insolvenzware", erklärt der 36jährige, der seine Geschäfte in einem der gefährlichsten Länder der Welt macht. Trotzdem verzichtet er auf Personenschutz und gepanzerte Autos. "Kostet viel Geld und bringt wenig."

Seine Firma, die Haro-Construction, schafft es kaum, die Aufträge abzuarbeiten - und das trotz Preisen von 100 Dollar und mehr für ein normal großes Zimmerfenster mit Isolierglas und Klappmechanik. Der Kunststoff kommt aus der Türkei, das Glas aus dem Iran.

Früher hat Liesche, Sohn eines Metzgermeisters aus Wannsee, sich im Berliner Bauträgergeschäft getummelt, so lange, bis die Subventionen ausblieben. "Da habe ich mich gefragt, wo ich Geld verdienen kann." So kam er vor drei Jahren im Gefolge der Bundeswehrschutztruppe nach Kabul, gründete eine Baufirma, die heute über 200 Mitarbeiter hat. Die Idee mit der Fensterfabrik kam ihm nach dem ersten Winter: kein Ofen im Zimmer, kein Strom, und durch die verzogenen Fenster mit Holzrahmen pfiff der Wind. "Da kommt man schnell darauf, was fehlt."

Liesche will sein jüngstes Projekt zeigen. Er läuft entlang der Jalalabad-Road, die unter einer dichten Staubwolke liegt. Der gesamte Verkehr aus Pakistan nimmt diese zentrale Straße. Zu beiden Seiten erstreckt sich das alte Industriegebiet, wo zerschossene Firmenschilder noch an die früheren Unternehmen erinnern. Keiner dieser Betriebe kehrte nach Afghanistan zurück. Heute liegen entlang dieser Straße die Camps der Militärs und der Organisationen, die Afghanistan in eine bessere Zukunft helfen sollen.

Der Firmenchef marschiert schnurstracks zu einem Flachdachgebäude mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes. "Profi-Baumarkt" steht auf einem Wegweiser am Straßenrand. 10 000 Produkte - vom Bohrer bis zum Verschalungsholz - sollen in Kürze Privatkunden und Firmen hier kaufen können. "Die größte deutsche Firmeninvestition in Kabul", sagt Liesche stolz und spricht von einem einstelligen Millionenbetrag. Nur seine engsten Mitarbeiter brachte er aus Deutschland mit. Über viele seiner deutschen Kollegen, die mit Getöse, wenig Kenntnissen über das Land und unausgegorenen Ideen am Hindukusch aufschlagen, hat Liesche nur Spott übrig: "Die sitzen im Hilton und warten, daß alles besser wird."

Den neuen Baumarkt nennt Liesche "das zwangsläufige Ergebnis meiner Beobachtungen". Afghanistan erlebt nach mehr als 25 Jahren Krieg den größten Bauboom in seiner Geschichte. An fast jeder Straßenecke entstehen neue Bürohäuser, Villen, Hotels. Ein kleines Wirtschaftswunder, schreiben Kabuler Zeitungen. Das spürt vor allem das örtliche Handwerk. In umgebauten Containern, in Kellern zerstörter Häuser und auf leeren Grundstücken drechseln, sägen, schweißen Handwerker mit Maschinen, die teilweise noch mit Schwungrädern angetrieben werden.

Im neuen Baumarkt legen Arbeiter letzte Hand an. Noch in diesem Jahr will Liesche eröffnen. Unter den Deutschen hat er schon jetzt den Spitznamen "Obi von Kabul". Bei ihm sollen die Kunden in Dutzenden von Shops die Geräte anschauen und ausprobieren können. Wer kaufen will, erhält eine Rechnung, die er erst an der Kasse bezahlen muß, ehe ihm die Ware ausgehändigt wird. "Ein System wie in Deutschland mit Einkaufswagen würde hier nicht funktionieren", sagt Liesche. Sein Plan: erst ausbilden, dann verkaufen. Deshalb sind dem Baumarkt Seminarräume angeschlossen, in denen Handwerker lernen können, wie sie die neuen Geräte einsetzen müssen.

Liesche deutet auf die Arbeiter. "Wenn ich mit den Fingern schnippe, habe ich ganz schnell tausend Leute vor der Tür", betont er. Denn in Kabul hat es sich herumgesprochen, daß der Deutsche gut und regelmäßig zahlt. Der Firmenchef lobt im Gegenzug die hohen handwerklichen Fähigkeiten seiner Mitarbeiter. "Nur technisch sind sie weit zurück."

Liesche bleibt neben seinem Vorarbeiter Achmed Fahid stehen. Mit Händen und Füßen und einem Mischmasch aus Dari und Englisch kommen beide zum gleichen Ergebnis: Das Leben ist gut, und der Baumarkt wird rechtzeitig fertig. Fahid (38), verheiratet, fünf Kinder, trägt wie alle Mitarbeiter einen grauen Overall mit Firmenschriftzug. Keiner ist schmutzig. "Die passen auf, als wäre es ihr Sonntagsanzug", beschreibt später der Firmenchef den Stolz seiner Mitarbeiter, die regelmäßig Familie und Verwandte mitbringen dürfen. Aus diesen rekrutiert Liesche neue Mitarbeiter. "Das System hat sich bewährt, dafür sorgen die Clanchefs."

Liesche zahlt 180 bis 250 Dollar im Monat. Ohne Kranken- und ohne Rentenversicherung, die es ohnehin in Afghanistan nicht gibt. In Afghanistan sei das viel, bestätigt Fahid; ein Klinikarzt verdiene 40 Dollar im Monat. "Vor allem kommt das Geld pünktlich." Was dazu führt, daß täglich Afghanen vor der Fabrik warten und anbieten, für den halben Lohn zu arbeiten.

Dann geht Henry Liesche wieder auf die Jalalabad-Road, zurück zu seiner Fensterfabrik. Unterwegs philosophiert er in einer Wolke aus Staub und Dieseldämpfen über das "Restrisiko Afghanistans", das keine Versicherung übernehme. Natürlich sind seine Frau und seine beiden Kinder nicht glücklich, wenn er nur einmal im Monat nach Hause kommt. Entscheidend ist jedoch für den Betriebswirt letztendlich nur eines: "Hier kann ich Geld verdienen, zu Hause nicht."

 

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