Das Milliarden-Geschäft der privaten Krieger
Moderne Söldner: Von der Logistik bis zum Kampfeinsatz: Immer mehr Zivilisten machen den Job von Soldaten. Das Problem: Die Staaten als Auftraggeber gefährden damit ihr Gewaltmonopol.
Hamburg. Sie sehen aus wie Studenten im Trekking-Urlaub. Derbe Stiefel, Khaki-Westen und Jeans. Durchtrainiert sind sie, und ein Markenzeichen kennzeichnet ihren Auftritt: die enganliegende, dunkle Sonnenbrille. Und: Diese Frauen und Männer sind schwer bewaffnet mit Sturmgewehren und Pistolen. Sie leisten Wachdienst in Bagdad und Kabul, versorgen die Armeen mit Sprit und Verpflegung und erledigen heikle Spezialaufträge. Sie sind die Söldner der Moderne. Ihre Bosse leiten sogenannte "Private Military Companies" (PMC). Die "Hunde des Krieges" tragen heute auch Nadelstreifen.
Sie gehören einem geheimnisvollen Gewerbe an. Fragt man die Wachleute im Irak oder Afghanistan, für wen sie arbeiten, ist die übliche Antwort: "Das kann ich nicht sagen," oder "Kein Kommentar". Sie arbeiten in einer echten Boombranche. Nach Schätzungen von Fachleuten wie dem amerikanischen Militärexperten Peter W. Singer verdienen private Militärunternehmen weltweit mittlerweile rund 100 Milliarden US-Dollar im Jahr. Tendenz steigend.
Im Irak stellen die PMC inzwischen nach den Amerikanern das zweitgrößte Kontingent in der "Koalition der Willigen". Etwa 20 000 zivile Mitarbeiter von rund 90 Firmen tun das, was früher Soldaten gemacht haben. Sie warten die Fuhrparks, bewachen Gebäude - auch aus der Luft -, sichern Konvoys. Von jedem Dollar, den das US-Verteidigungsministerium für den Irak-Krieg ausgibt, wandern bereits 30 Cent in die Taschen dieser Firmen.
Sie tragen Namen wie "ArmorGroup", "Combat Support Associates", "Blackwater Security Consulting" oder "Custer Battles". Sie sind vor allem in den USA und Großbritannien zu Hause und auf alle nur denkbaren militärischen Dienstleistungen spezialisiert. Von der elektronischen Aufklärung bis hin zum Kampfeinsatz.
In einem Aufsatz für die Zeitschrift "Humanitarian Affairs Review" hat Peter Singer kürzlich die Dimension umrissen: "Diese Firmen operieren in mehr als 50 Ländern der Welt. Sie haben geholfen, die Konflikte in Angola, Kroatien oder Sierra Leone zu gewinnen. Allein von 1994 bis 2000 hat das US-Verteidigungsministerium mehr als 3000 Verträge mit Unternehmen geschlossen, die Versorgung und Dienstleistungen im Gesamtumfang von mehr als 300 Milliarden Dollar bereitstellten." Das kanadische Militär, so Singer, habe kürzlich sein gesamtes Nachschubsystem der britischen Firma "Tibbett and Britten" übergeben. "Combat Support Associates" wartet in Kuwait den gesamten Fuhrpark der US-Armee im Irak. Der Vertrag läuft bis September 2009.
Unter den Firmen sind durchaus Konzerne vertreten, die zu den Top 500 der Welt gehören. Zum Beispiel Halliburton, das nach Singers Informationen logistische Aufgaben für die US-Armee in 24 Ländern erledigt. Im Falle Irak ist der Konzern, dem lange Jahre der derzeitige US-Vizepräsident Richard Cheney vorstand, übel in die Schlagzeilen geraten. Halliburton wurde vom Pentagon für die Spritversorgung der Truppe engagiert, ohne Gegenangebote einzuholen. Die Firmenbilanz weist aus, daß der Regierungsauftrag im dritten Quartal 2003 für eine Gewinnsteigerung von 39 Prozent auf 4,14 Milliarden Dollar gesorgt hat.
Die Aufträge beschränken sich allerdings keinesfalls auf Versorgung und Instandsetzung. So ist der Personenschutz ein Geschäftszweig, der richtig brummt. "Blackwater" heißt der Branchenführer im Irak. Wann immer ein Zivilist in Bagdad die Straße betritt - ganz gleich, ob Journalist, Aufbauhelfer, Zivilverwalter oder Mitarbeiter eines Unternehmens -, wird er von einem sogenannten "Shooter" begleitet. Schwer bewaffnet mit Sturmgewehr oder Maschinenpistole sorgen diese Männer und Frauen für Abschreckung. Die Sonnenbrille darf nicht fehlen. Wenn gewünscht, wird per Hubschrauber aus der Luft gesichert. "Triple Canopy" hat sich auf die Sicherung von Fahrzeugkolonnen spezialisiert: "Vom diskreten Reisebegleiter bis zur schwerbewaffneten Konvoy-Eskorte."
Auch den klassischen Desperado kann man anheuern. Männer wie Jonathan Idema, jenen "Tora-Bora-Jack" und seine Spießgesellen, die als Kopfgeldjäger Jagd auf Taliban-Führer und Osama bin Laden machten. Bis sie vor einigen Wochen in Kabul zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie in ihrem Privatknast in der afghanischen Hauptstadt gefoltert hatten.
In so manchem geheimen Krieg sind die Privaten längst die Kämpfer. So fliegen sie in Kolumbien im Auftrag der US-Regierung die Flugzeuge, aus denen im Kampf gegen die Kokain-Mafia Koka-Plantagen mit Pestiziden besprüht werden. Und sie stellen die Besatzungen der begleitenden Kampfhubschrauber. Im September 2003 wurde solch ein Flugzeug abgeschossen, der Pilot getötet.
Wie viele andere, über die kaum jemand spricht. Nach Peter Singers Informationen müßte die Liste der gefallenen Soldaten im Irak eigentlich um 120 Personen ergänzt werden: die toten Söldner.
Was sind das für Menschen, die solch einen Job machen? In der überwiegenden Mehrheit ehemalige Soldaten, vor allem aus den USA und Großbritannien, aber auch aus Rußland oder Deutschland. Das Ende des Kalten Krieges hat die Private Military Companies hervorgebracht. Allein die USA haben ihre Streitkräfte in den vegangenen 15 Jahren von 2,2 Millionen Soldaten auf 1,4 Millionen abgebaut. Ganz zu schweigen von der Roten Armee oder der Nationalen Volksarmee der DDR. Vom Kampfschwimmer und Fallschirmjäger über Piloten und Matrosen bis zum Kfz-Mechaniker ist alles dabei. Ein unerschöpfliches Reservoir für die privaten Militärunternehmen.
Als weitere Folge der Streitkräftereduzierung brauchen vor allem die USA zunehmend die Dienste dieser Firmen, weil sie mit ihren eigenen Streitkräften an die Grenzen der Kapazität stoßen. Also werden Private angeheuert und gut bezahlt. Doch sind für den einzelnen privaten Kämpfer dabei keine Reichtümer zu holen. Da ist von Tagespauschalen bis zu 1600 Dollar die Rede. Realistisch dürfte wohl eher die Hälfte sein. Und die gibt es nur für tatsächliche Einsatztage. Aufs Jahr gerechnet dürfte ein moderner Söldner auf etwa 70 000 US-Dollar kommen.
Peter Singer sieht die weitere Entwicklung dieser Branche mit Sorge. Der "Welt" sagte er, niemand könne glücklich sein, wenn Söldner für Verhöre in Militärgefängnissen angeheuert würden. "Max Weber wäre schockiert über die Zustände. Er schrieb, die wichtigste Funktion des Staates sei es, das Monopol über alle Formen der Gewalt zu haben. Der moderne Staat hat alles mögliche delegiert: Müllabfuhr, Ausbildung und Erziehung, lokale Sicherheit, Gefängnisaufsicht. Jetzt haben wir die Kernkompetenz aus der Hand gegeben: das Militär."




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