08.10.12

"Vatileaks"-Prozess

Wird Papst Benedikt gnädig sein?

Sein Kammerdiener wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt. Doch im VatiLeaks-Prozess blieben weiterhin viele Fragen unbeantwortet.

Foto: REUTERS
File photo of Pope Benedict's former butler Gabriele at his trial at the Vatican
Der Angeklagte Paolo Gabriele (r.) im Gerichtssaal. Es wird erwartet, dass Benedikt XVI. ihn begnadigt

Rom. Eineinhalb Jahre Haft und Begleichung der Prozesskosten, so lautet das Urteil gegen den früheren Kammerdiener von Papst Benedikt XVI. im VatiLeaks-Skandal. Das vatikanische Gericht sprach den 46 Jahre alten Familienvater Paolo Gabriele am Wochenende nach einem kurzen Verfahren des Diebstahls schuldig. Das Urteil setzt den vorläufigen Schlussstrich unter eine der denkwürdigsten Affären der modernen Kirchengeschichte. Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet, viele Verletzungen unverheilt.

Monatelang hatte VatiLeaks den Kirchenstaat und die Weltöffentlichkeit beschäftigt. Die sonst so undurchdringlichen Mauern des Heiligen Stuhls schienen zunehmend erschüttert. Vom privaten Schreibtisch des Papstes entwendete Briefe, gestohlene Geheimdokumente mit der Unterschrift von Benedikt XVI., in denen es um hochbrisante Angelegenheiten geht und aus denen dann offen in den Medien zitiert wird: Das hatte es noch nie gegeben.

Nun wurde der Ex-Butler des Papstes offiziell zum einzigen Schuldigen erklärt. Das Gericht glaubte der Version Gabrieles, er habe allein gehandelt. Auch wenn es mehrere Personen aus dem Umkreis von Joseph Ratzinger gab, die wohl Bescheid wussten. Neben seinem Beichtvater Padre Giovanni Luzi nannte Gabriele auch den Erzbischof Angelo Comastri, Kardinal Paolo Sardi und Benedikts Haushälterin und Beraterin Ingrid Stampa. Ihre Rolle aber wurde nicht weiter geklärt.

Es bleibt die Erinnerung an einen vom Heiligen Stuhl dementierten Bericht der römischen Zeitung "La Repubblica", in dem das Blatt über einen "Eifersuchtskrieg der Deutschen" im Vatikan spekulierte. Im Visier standen dabei Haushälterin Stampa, der deutsche Kurienbischof Josef Clemens und Kardinal Paolo Sardi. Sie hätten aus Neid und Eifersucht auf Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und den Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein, gehandelt, so die Zeitung.

Tatsächlich stellen viele der unrechtmäßig veröffentlichten Dokumente Staatssekretär Bertone in ein schlechtes Licht. Nicht wenige Vatikan-Insider sind der Meinung, dass sich VatiLeaks letztendlich gegen ihn richtete. Die Turiner Zeitung "La Stampa" schreibt nach dem Urteil, viele der "Verletzungen im Vatikanstaat" blieben unverheilt, wie etwa die zwischen Privatsekretär Gänswein und dem deutschen Vertrauten des Papstes oder auch die zwischen den Gegnern und Anhängern von Kardinalstaatssekretär Bertone.

"Der Prozess ist absolut transparent unter den Augen aller durchgeführt worden", sagte die italienische Justizministerin Paola Severino. Doch sind nur vier Prozesstage wenig angesichts der Brisanz des Falles. Ebenso wenig wie die nur acht zugelassenen Prozessbeobachter.

Auch ging es in dem Verfahren kaum um Inhalte. Dabei hatte die vatikanische Polizei immerhin 82 Kisten Dokumente in Gabrieles Wohnung sichergestellt. Und brisant waren die Themen, die mit den entwendeten Dokumenten an die Öffentlichkeit gerieten. Von Geldwäsche in der Vatikanbank IOR war da die Rede, von Korruption und Vetternwirtschaft in den Führungsetagen des Kirchenstaates. Manche Dokumente weckten den Verdacht, innerhalb der Kurie herrsche ein erbitterter Kampf um Macht und Einfluss.

Der Kammerdiener hatte schon bald nach seiner Festnahme im Mai gestanden, Geheimakten aus dem Vatikan entwendet und kopiert zu haben, sich aber stets gegen den Vorwurf des Diebstahls gewehrt. In den Verhören sagte er aus, er habe sich als "Verbindungsmann des Heiligen Geistes gegen das Böse und die Korruption" verstanden. "Ich bin bis ins mein Innerstes überzeugt, nur aus tiefster Liebe zur Kirche und ihrem sichtbaren Oberhaupt gehandelt zu haben. Ich fühle mich nicht als ein Dieb", beteuerte Gabriele am Tag seiner Verurteilung, bevor er mit leicht gesenktem Kopf das Urteil entgegennahm.

Was oder wer hatte Gabriele dazu gebracht, stapelweise Geheimdokumente zu entwenden und an die Medien weiterzugeben? Ein Mann, der sieben Jahre zu den engsten Vertrauten des deutschen Pontifex gehörte, der Benedikt bei Tisch bediente, der ihm seine Koffer packte für die Apostolischen Reisen, der seine Aktentasche tragen durfte. Eine Antwort darauf erbrachte der Prozess nicht.

Die Zukunft des Kammerdieners ist ungewiss. Eine Begnadigung durch den Papst sei eine "sehr konkrete und sehr wahrscheinliche Möglichkeit", erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi nach dem Urteil. Zudem müsse Paolo Gabriele nach dem Schuldspruch aus den Diensten des Vatikans entlassen werden.

Doch die Führung des Kirchenstaats muss weiter das Interesse der Öffentlichkeit an dem Fall fürchten. So wird der Vatikan dem befleckten Butler wohl eine bescheidene Tätigkeit anbieten - unter der Bedingung, dass Paolo Gabriele Stillschweigen bewahrt.

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